Geistheilerin auf Intensiv

Wie kann eine "Geistheilerin" in der Intensivstation der Klinik am Eichert ans Bett einer 92-jährigen Patientin gelangen, die im Koma liegt? Darüber rätseln Angehörige, seit sie eine Rechnung bekommen haben.

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. Die Erbengemeinschaft einer 92-jährigen Frau, die im August in der Klinik am Eichert starb, ist irritiert: Denn während der drei Tage, an denen die ins Koma gefallene Verwandte in der Klinik am Eichert lag, war offenbar eine Geistheilerin in die Zimmer vorgedrungen. Die Geistheilerin war sogar noch an der Verlegung der Patientin in ein anderes Zimmer beteiligt, bestätigt eine Großnichte. Alles sei geschehen, obwohl niemand aus der Verwandtschaft die Erlaubnis dazu erteilt habe, schildert es jetzt einer der Angehörigen der Ulmer Staatsanwaltschaft. Die Zustimmung wäre nämlich seiner Ansicht nach notwendig gewesen, weil die Patientin selbst gar nicht mehr ansprechbar gewesen sei. Und weiter: Niemandem aus der Verwandtschaft sei etwas darüber bekannt, dass die Verstorbene einst die Dienste der "Heilerin" in Anspruch genommen habe. Auch in dem Nachlass der alleinstehenden Frau hätten sich keine Hinweise darauf gefunden - weder Quittungen noch Belege.

Doch dies alles hätte die Erbengemeinschaft noch hingenommen, wenn es da aus ihrer Sicht nicht noch andere Ungereimtheiten gäbe. So hatte sich besagte Heilerin kurze Zeit nach dem Tod der Patientin telefonisch bei einer der Angehörigen gemeldet und 160 Euro eingefordert - für "geistiges Heilen" und "Energiearbeit", wie es zusätzlich in einer nachgereichten schriftlichen Rechnung heißt. Der Argwohn der Verwandten stieg und ließ ein seltsames Zusammentreffen im Zimmer der Intensivstation in einem anderen Licht erscheinen. Dort war die Großnichte der Patientin einen Tag nach deren Aufnahme in die Klinik auf eine ihr unbekannte Frau gestoßen, die sich als "enge Freundin" der 92-Jährigen ausgegeben hatte. Doch obwohl die Verwandten das Umfeld der Patientin genau gekannt haben wollen, sind ihnen nie Hinweise auf diese Person aufgefallen. Dass nur die engsten Angehörigen Zutritt zu einem Behandlungszimmer in der Intensivstation haben, bestätigt Professor Dr. Jörg Martin, Geschäftsführer der Landkreis-Kliniken. Besuche von anderen Personen seien nur möglich, wenn der Patient dies im Einzelfall ausdrücklich zulasse. Könne dieser krankheitsbedingt nicht angesprochen werden, obliege die Entscheidung den Angehörigen. Im Übrigen, so betont Martin, bestehe an den Intensivstationen eine Zugangskontrolle: "Man muss klingeln und kann nicht einfach reingehen." Dazu gebe es klare Regeln.

Der Verdacht der Erbengemeinschaft wiegt deshalb schwer: In dem Schreiben an die Staatsanwaltschaft lassen sie durchblicken, dass der Heilerin möglicherweise der Zutritt zu der schwerkranken Frau bewusst ermöglicht wurde. Immerhin will der Verfasser des Schreibens an die Staatsanwaltschaft herausgefunden haben, dass zwischen der Heilerin und einem Klinikbediensteten familiäre Bande bestehen.

Der Ulmer Staatsanwalt Dr. Ekkehard Regen hat jedoch keinen "Anfangsverdacht für ein strafbares Verhalten" festgestellt. Ein versuchter Betrug läge möglicherweise nur dann vor, wenn die Geistheilerin "Tatsachen falsch dargestellt hätte". Habe die Frau hingegen die Meinung vertreten, für Dienstleistungen zugunsten der Verstorbenen ein Geld verlangen zu können, fehle es an einer Täuschungshandlung. Die Folge: Sei keine "Haupttat" nachzuweisen, brauche auch nicht gegen eine zweite Person wegen des Verdachts der Beihilfe ermittelt zu werden.

Auch ein ergänzendes Schreiben der Erbengemeinschaft an die Staatsanwaltschaft Ulm, es könne durch ein mögliches Zusammenspiel zwischen der Geistheilerin und einem Klinikbediensteten gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen worden sein, vermochte den Staatsanwalt nicht umzustimmen: Schließlich sei es denkbar, so argumentiert der Jurist, dass die Geistheilerin besagten Bediensteten besucht habe und "dabei auf die Patientin aufmerksam" geworden sei. Regen: "Bloße Vermutungen rechtfertigen es nicht, jemandem eine Tat zur Last zu legen. Das Verfahren ist daher einzustellen."

Die Erbengemeinschaft blieb hartnäckig und versuchte mit weiteren Argumenten ihren Verdacht zu erhärten. Regen allerdings machte deutlich, dass ihn dies nervt: "Ich bitte um Verständnis dafür, dass aufgrund der Arbeitsbelastung weitere Eingaben nur noch geprüft, aber nicht mehr beantwortet werden", beschied er Mitte Dezember.

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