GEDANKEN ZUM SONNTAG: Störfaktor Kreuz

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  • Das Kreuz Christi empfinden nicht wenige Menschen als Provokation. Warum musste Jesus diesen Weg des Leidens gehen? Foto: Jürgen Schäfer 1/2
    Das Kreuz Christi empfinden nicht wenige Menschen als Provokation. Warum musste Jesus diesen Weg des Leidens gehen? Foto: Jürgen Schäfer
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Solange Ihr noch einen Leichnam vorne hängen habt, komme ich nicht mehr in Eure Gottesdienste", warf mein Gegenüber locker ein, als sich die lebhafte Unterhaltung am Tisch wieder einmal um "die Kirche" drehte. Es war kein oberflächlicher Mensch, sondern jemand, der sich ernsthaft mit dem Christentum auseinandersetzt. Mit seinem Unbehagen am Anblick des gefolterten Gekreuzigten in den christlichen Kirchen steht er nicht allein. "Was ist das für ein Gott, der das Opfer seines Sohnes verlangt, damit er Sünden vergeben kann?" fragen nachdenkliche Zeitgenossen. Und wer Besuchern aus anderen Kulturkreisen die Bedeutung des Kreuzes Jesu darlegen soll, kennt die Schwierigkeit, auf solche Fragen eine einleuchtende Antwort zu finden. Wer von Kindesbeinen an mit den Symbolen unserer christlichen Religion vertraut ist, hat sich an den Anblick des Gekreuzigten gewöhnt. Da kann es mal ganz heilsam sein, sich von der Blickweise anderer herausfordern zu lassen. Warum mußte Jesus diesen Weg des Leidens und des Kreuzestodes gehen? Wäre es nicht auch anders gegangen, uns von Schuld und Verbohrtheit zu erlösen?

Einige biblische Autoren antworten darauf mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines stellvertretenden Sühnopfers: Die Sünde der Menschen ist so schwer, dass sie durch ein Sühnopfer ausgeglichen werden muß. Das verlangt die Gerechtigkeit Gottes. Um ihr zu genügen und uns die Strafe zu ersparen, opfert sich Jesus an unserer Statt.

Aber ist dieses Erklärungsmuster vom ausgleichenden Sühnopfer der Botschaft Jesu wirklich angemessen? Er hat doch die vorbehaltlose Zuwendung und Liebe Gottes zu den Verlorenen und schuldig Gewordenen gelebt! Gott, wie ihn Jesus in den Evangelien verkündigt, ist kein Moloch, der mit einem blutigen Opfer besänftigt werden muß. Gott ist nicht deshalb barmherzig, weil Jesus sein Leben geopfert hat. Es ist umgekehrt: Jesus hat deshalb den Tod erlitten, weil er vorbehaltlos den barmherzigen und liebenden Gott verkündete und für ihn mit seinem Leben einstand. Weil er seiner Botschaft gegen alle Widerstände bis zum bitteren Ende treu blieb. Die Mächtigen haben Jesus zum Opfer gemacht, weil er die in der Welt herrschenden Maßstäbe in Frage stellte. Diesen Störfaktor wollten sie beseitigen. Sie wollten ihn zum Verstummen bringen. Gott sei Dank ist es ihnen nicht gelungen. Der Störfaktor ist auferstanden. Gott hat ihm recht gegeben. Er stört bis heute alle menschliche Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Ja, sein Kreuz ist ein Störfaktor! Es lässt uns erschrecken darüber, wie es in der Welt zugeht, in der bis heute Unschuldige zu Opfern gemacht werden. Aber es ist auch eine Einladung, ihm, dem Geschlagenen und Gekreuzigten und Auferstandenen, zu vertrauen. Er verkörpert die Kraft der Liebe Gottes, die Haß überwindet und Versöhnung schafft. Es ist die Kraft, die aus Selbstbezogenheit erlöst und zum Glauben befreit.

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