GEDANKEN ZUM SONNTAG: Schaut Gott nur zu?

"Hallo Herr Scheck, was macht denn Ihr oberster Chef?! Es ist doch furchtbar, was derzeit in der Welt passiert, und das vor Weihnachten. . .!"

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Ich stand in der Schlange vor dem Postschalter. Der Postkunde, ein Bekannter aus früherer Zusammenarbeit, war gerade bedient worden. Er entdeckte mich beim Weggehen und kam unvermittelt, fast überfallartig, mit dieser Frage auf mich zu. Im ersten Moment dachte ich: Wen meint er denn, ich hab doch keinen Chef mehr, ich bin doch im Ruhestand! Aber nach einigen Sekunden wurde mir klar, dass er mich auf diese saloppe Art nach Gott fragen wollte.

Was hätte ich in der Schlange vor dem Postschalter so schnell antworten können? Mir fiel nichts Rechtes ein, ich stotterte herum, bestätigte: Ja, es ist wirklich schlimm, so viel Gewalt, Hass und Krieg von Syrien bis nach Nigeria, von der Ukraine bis nach Israel und Palästina. Und Gott? Ja, da kann man schon ins Grübeln kommen. . . Es blieb bei diesem kurzen Wortwechsel. Er musste weiter und ich war bald der Nächste am Schalter.

Mir aber ging seine Frage nicht aus dem Kopf. Hinter der salopp-schnoddrigen Ausdrucksweise verbargen sich echte Betroffenheit, Ratlosigkeit und auch eine unausgesprochene, dringliche Erwartung: Da muss doch jemand sein, der diesem Elend steuert, das Leid beendet und die Menschen zur Vernunft bringt! Ich kann das nachvollziehen. Was also wäre die theologisch "korrekte" Antwort gewesen?

Hätte ich sagen sollen: Gott schaut zu und schüttelt den Kopf? Nein, das wäre zu kühl distanziert. Hätte ich sagen sollen: Gott will zeigen, was passiert, wenn wir ihn und seine Gebote vergessen? Nein, das wäre eine Verhöhnung der unschuldigen Opfer. Hätte ich sagen sollen: Gott wendet sich ab, weil wir uns von ihm abgewendet haben? Nein, das wäre zu überheblich belehrend und widerspräche dem, was Jesus tat und sagte.

Mir wurde bewusst: Ich hab sie nicht, die abschließend korrekte Antwort, bei der wir uns beruhigen könnten. Da bleibt was offen. Da bleibt eine Unruhe, eine Erwartung, eine Sehnsucht nach Heil und Erlösung. Die Bibel lenkt unseren Blick auf Jesus Christus, dessen Geburt wir am Christfest feiern. Jesus zeigt uns den heruntergekommenen, den liebenden, den mitleidenden Gott. Er gibt unserer Sehnsucht recht, er segnet unsere Unruhe, er belebt unsere Hoffnung und nimmt uns in Anspruch für seine Liebe. Also hätte ich auf die Frage vor dem Postschalter etwa so antworten können: Gott kommt in unser Elend; er leidet mit und zündet durch Jesus ein Licht an. Schauen Sie hin, lassen Sie sich von ihm erwärmen und zum Lichtträger machen! Es gibt schon einige, es könnten aber ruhig noch mehr sein.

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