GEDANKEN ZUM SONNTAG: Gründe zu glauben

|

Das haben Sie vermutlich schon erlebt: Wunderschöne Augenblicke, in denen die Zeit stehen bleibt. "Taborerlebnisse", sagen wir dazu in der Kirche. Auf dem Berg Tabor sehen die Jünger ihren Herrn Jesu als leuchtende Gestalt. Moses und der Prophet Elia, die großen Gestalten aus dem Alten Testament, reden mit ihm. Die Botschaft des Verfassers dieser Geschichte: "Jesus ist der verheißene Retter". Und den Jüngern ist bei diesem Anblick scheinbar völlig klar: Hier haben sie es mit dem Göttlichen zu tun. Und sie wollen gar nicht mehr weg. Aber schon bald kommt es wieder anders und von der Klarheit bleibt den Jüngern nicht viel übrig, die Zweifel sind wieder da.

Und heute? Wie ist das mit der Frage nach dem Göttlichen? Man weiß nichts Genaues. Muss ich danach fragen? "Nach Gott zu fragen . . . ist eine geistige Übung. Wer es ausschlägt, nimmt Schaden - der Gläubige an seiner Seele, der Ungläubige an seinem Intellekt." (Merkur 1999). Das schrieben Journalisten, die sich gewiss nicht als Vertreter der christlichen Kirchen sehen.

Aber haben nicht schon Wissenschaftler die Sache längst entschieden? Bis in jüngste Zeit haben Gelehrte versucht, Gottesbeweise zu führen. Ebenso wurden auch große Anstrengungen unternommen, zu beweisen, "dass es Gott nicht gibt". Doch Gott ist nicht jemand, der sich mit den Mitteln der Wissenschaft erforschen lässt. Alles, was sich mit Beweisverfahren ergründen lässt, ist doch in irgendeiner Weise begrenzt. Unter Gott verstehen wir doch das Wesen, das eben diesen Begrenzungen gerade nicht unterliegt. Nein, wenn sich Wissenschaft ihrer Grenzen bewusst bleibt, dann kann sie uns eine abschließende Antwort auf diese Frage nicht liefern. Muss damit die Sache unentschieden bleiben?

Der Philosoph Immanuel Kant hat es als Verpflichtung für uns Menschen angesehen, an einen Gott zu glauben. Wieso das denn?

Jeder Mensch ist eine einmalig wertvolle Persönlichkeit. Jeder Mensch trägt deshalb in sich einen inneren Anspruch, dieser unbedingten Würde des anderen zu entsprechen, sonst nimmt er ja seine eigene Würde auch nicht ernst. Aber mehr als oft handeln Menschen ganz anders - menschenunwürdig.

Soll also dieser Anspruch auf menschliche Würde nicht auf Dauer ins Leere gehen, soll der Mensch das Glück erfahren, dass seine Menschenwürde voll und ganz geachtet wird, ergibt sich für Kant diese moralische Aufforderung, an einen Gott zu glauben, dem es möglich ist, jedem Menschen, dieses Glück zu verschaffen.

Damit ist Gottes Dasein nicht bewiesen. Aber dieser Gedankengang zeigt, dass es sehr wohl vernünftig ist, an Gott zu glauben. Man braucht seinen Verstand nicht ausschalten, wenn es um Fragen des Glaubens geht. Und das muss Theologie leisten: Sie muss zeigen, dass es vernünftige Gründe gibt, an einen Gott zu glauben. Gewiss, es gibt genau so gute Argumente dagegen.

Es bleibt also für jeden einzelnen von uns der Auftrag, sich zu entscheiden, ob er an einen Gott glauben will oder nicht. Andere können bei dieser Entscheidung helfen. Aber letztlich muss sie jeder für sich selbst entscheiden und aufs Neue überprüfen. Keine Wissenschaft kann ihm das abnehmen. Sich die Mühe zu machen, sich die Frage nach Gott zu stellen, ist nicht nur etwas für die Fastenzeit, nicht nur für "Studierte". Die Pfunde purzeln so nicht. Nein, Sie werden sogar zunehmen, "an Weisheit, Einsicht und Persönlichkeit", kann ich Ihnen versprechen".

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoher Schaden nach Wohnungsbrand in Salach

Bei einem Wohnungsbrand in Salach am frühen Samstagmorgen entstand ein hoher Schaden von etwa 50.000 Euro. weiter lesen