Ganze Schule im Fußballfieber

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Auch die Türen der Spieler-Kabine wurden für die Besucher aus Uhingen geöffnet. Foto: Margit Haas

Eine ganze Schule auf Schulausflug - das ist ja an sich nichts Ungewöhnliches. Wenn die Schule aber ein einziges Ziel hat, dann ist das schon etwas ganz Besonderes. Rund 500 Uhinger Haldenberg-Realschüler hatten dieses Erlebnis - bei einem Besuch der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena.

Von Margit Haas

Fußball interessiert mich eher nicht", stellt Maxine fest. "Das Stadion aber schon", fährt die 13-Jährige fort. Und weil ihr Vater Fußballfan ist, "ist er heute ein bisschen neidisch auf mich". Maxine besucht nämlich die Uhinger Haldenberg-Realschule. Bei der stand jetzt der Schulausflug auf dem Stundenplan. Nicht irgendeiner. Die ganze Schule hatte ein gemeinsames Ziel: die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart. "Ich finde es toll, dass wir alle etwas zusammen machen", freute sich dann auch Maxine.

"Der gemeinsame Ausflug soll das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schule festigen", betont Schulleiter Walter Albrecht. Bei der Suche nach einem geeigneten Ziel "waren wir schnell beim VfB gelandet", berichtet Vertrauenslehrerin Brigitta Stahl, die diesen ganz besonderen Schulausflug gemeinsam mit ihren Kolleginnen Julia Raabe und Ulrike Christ organisiert und zusammen mit dem VfB entwickelt hatte. Denn auch dort war noch nie gleich eine ganze Schule zu Besuch. Da passt es gut, dass Simon Gisler und sein Team das Führungsprogramm durch das Stadion gerade ganz neu konzipiert haben. Noch während die jungen Uhinger den Blick hinter die Kulissen warfen, war das Konzept vom Vorstand des Bundesligisten abgesegnet worden. Künftig wird es auch eine "Legendenführung" geben.

Und nach dem kurzen Blick auf das Training der derzeitigen Bundesliga-Mannschaft, die mit begeistertem Beifall begrüßt worden war, traf die Gruppe um die beiden Lehrer Tugba Karabiyik und Michael Alföldy mit so einer Fußballlegende zusammen. Peter Reichert hatte in den achtziger Jahren für den VfB gespielt und ist jetzt Fanbeauftragter im Verein. Wie groß denn das Spielfeld sei, will er wissen und wie viele Zuschauer die Arena fasse. Und dann erklärt er die Besonderheiten des Gästeblocks und definiert den Begriff Gewalt: "Was Gewalt ist, sagt immer das Opfer". Schon geht es weiter zu Alexander Vogt, der bei den Rollstuhlplätzen auf die Schüler wartet. Sie erfahren, dass kein Stadion in Deutschland so vielen Rollstuhlfahrern Platz biete wie die Mercedes-Benz-Arena. "Der Raum der Pressekonferenz ist für die Journalisten Aufenthaltsraum vor dem Spiel", erläutert Jona Loewe. Hier halten Marcel Zimmer und Lukas Schmidt, der ein VfB-Shirt trägt, eine improvisierte Pressekonferenz ab - nach einem imaginären Spiel zwischen dem VfB und Bayern München, das mit drei zu null für die Schwaben ausgegangen sein soll! Richtig spannend wird es in der Kabine, zu der ja sonst überhaupt kein Zugang besteht. Fußballlegende Günther Schäfer hat an dem Besuch der Schüler offensichtlich mindestens so viel Spaß wie die selbst und erklärt seinen aufmerksamen Zuhörern, was sich direkt vor dem Spiel in der Kabine noch alles abspielt. "Die Taktik steht vorher schon fest, die wird hier nicht mehr geändert".

Vorbei an den Räumen der Doping-Kontrolle und der Fifa geht es auf die Polizeiwache. Polizeihauptkommissar Stephan Widmann zeigt die Zellen. "Hier werden die Problemfans in Gewahrsam genommen", erklärt er und auch, dass bis zu tausend Polizisten bei einem Fußballspiel im Einsatz sein können. Das sei abhängig von den Fans. Der in knallrot gehaltene Fanbereich darf normaler Weise nur von VfB-Fans betreten werden. Christian Schmidt erklärt den staunenden Zuhörern, was es mit einer gemauerten Wand im Fanbereich auf sich hat. "Hier waren Steine vermauert worden aus der alten Cannstatter Kurve". Es geht direkt weiter zum Fanblock mit seinen Stehplätzen, die nur bei internationalen Wettkämpfen in Sitzplätze umgebaut werden. "Hier ist die Stimmung", erklärt Dieter Ruben. Etwas ruhiger geht es wohl auf der Haupttribüne im VIP-Bereich zu. Auf den Präsidentensitzen - die bei Bedarf geheizt werden können - durften die Schüler Platz nehmen und erfahren, dass die VIP ein Rundumsorglospaket erhalten - das aber seinen Preis hat.

Die ganze Größe der Arena erschließt sich auf dem Oberrang der Untertürkheimer Kurve. "Auch von hier habt Ihr einen guten Blick", bekräftigt Ralph Klenk. Das ist wichtig. Denn immer wieder ist die Arena ausverkauft. Vorbei an Fanshops besichtigen die zwischenzeitlich etwas müden Schüler die "Scharrena". Sie wurde erst vor wenigen Monaten eingeweiht und "ist Spielstätte für kleinere Vereine", erklärt ihnen David Müller. Unter das Dach der Arena war sie konstruiert worden. Und weil sich das bewegt, wurden auch die Stützen, die in der Halle zu sehen sind, flexibel gebaut.

Nach fast über zwei Stunden treffen sich alle Gruppen im Fanblock zum Gruppenbild. Peter Reichert muss Autogramme geben "für unsere Schulsekretärin", erklärt Julia Raabe und dann kommt das Fritzchen! Sofort ist das Maskottchen des VfB umringt, muss Autogramm geben und zum Fotoshooting bereit stehen. Auch Schulleiter Walter Albrecht bekommt ein Foto mit Fritzle. Und bekennt: "Ich war noch nie in einem Stadion. Ich spüre aber die ganz besondere Atmosphäre, die Emotionalität pur". Michael Alföldy hat mittels seines GPS ermittelt, dass der Weg treppauf, treppab, durch Gänge und entlang des heiligen Rasens immerhin fast zehn Kilometer lang war. Das Vesper, zu dem Schüler und Lehrer im Fanbereich sind, ist also mehr als verdient. So gestärkt, stellt Florian an Albershausen fest: "Ich habe viel gelernt". Das absolut tollste für ihn war der Besuch in der Kabine. Die hatte er noch nie gesehen, obwohl er ab und zu Spiele des VfB in der Mercedes-Benz-Arena anschaut. Auch sein Freund Florian aus Holzhausen ist begeistert - auch, weil "wir mit der ganzen Schule etwas gemeinsam unternommen haben". Linda hat sich bislang für Fußball eher weniger interessiert. Jetzt aber könnte sie sich vorstellen, "einmal ein Spiel anzuschauen". Darin ist sich die Fünftklässlerin einig mit der zwei Jahre älteren Maxine. Die hat freilich eine kleine, aber vielleicht entscheidende Einschränkung: "Nur im VIP-Bereich!"

"Sind wir komplett?", fragt Tugba Karabiyik, als nach drei Stunden alle wieder im Bus sitzen. Vermisst wird niemand und so geht die Fahrt zurück ins heimatliche Uhingen, ziemlich ko und mit dem Gefühl - das war ein Volltreffer.

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