Friedfertiger zieht in Krieg

Mit einer gefälligen Aufführung von Bertolt Brechts "Mann ist Mann" trug die Württembergische Landesbühne Esslingen zu einem gelungen Abschluss der städtischen Theatersaison bei.

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Mit einem unechten Elefanten (hinten unter der Decke: Matthias Zajgier und Ralph Hönicke, neben Kristin Göpfert) wird der einfältige Galy Gay (vo.), gespielt von Nikolaos Eleftheriadis, für den Militärdienst geködert. Die Landesbühne Esslingen spielte Brechts Lustspiel »Mann ist Mann« in der Stadthalle Göppingen.  Foto: 

"Die Verwandlung des Packers Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa im Jahre 1925" hat Brecht sein Stück untertitelt. Und zumindest Barbara Fumian hat mit ihrer Bühnenausstattung schon mal Handlungstreue bewiesen: Riesige Bambusstauden verwandeln die Bühne in ein Stück indischen Dschungel.

Doch kein mächtiger Tiger durchstreift das grüne Dickicht - der irische Packer Galy Gay ist es. Galy Gay ist ein gutmütiger Kerl, der nicht nein sagen kann und der friedlich zum Markt schlendert, um für seine Frau einen Fisch zu kaufen. Derweil verliert eine britische Maschinengewehrabteilung während eines Einbruchs in eine Pagode ihren vierten Mann, den Soldaten Jeraiah Jip, und der gutmütige Galy Gay wird überredet, für diesen beim Appell in die Bresche zu springen. Doch dabei sollte es nicht sein Bewenden haben. Der einst Friedliebende schlüpft - freilich unter psychischer Gewaltanwendung - aus seinem eigenen Ich, um freiwillig die Rolle des anderen weiterzuspielen bis zum Marsch in den Krieg.

Auf teils komödienhafte Art will Brecht aufzeigen, dass hier das Private längst keine Rolle mehr spielt, dass die Individualität mehr und mehr verkümmert, der Mann nur noch Mann ist, dem sein Mensch- und Ich-Sein längst ausgetrieben wurde.

Dass dem so sein kann, untermauert Brecht dadurch, dass er sich selbst ins Werk einbringt: "Herr Bertolt Brecht behauptet: Mann ist Mann. Und das ist etwas, was jeder behaupten kann. Aber Herr Bertolt Brecht beweist auch dann, dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann."

Nicht nur Bühnenbild, auch Manuel Soubeyrands Regieführung zeigt Brechtsche Handlungstreue: Sie schöpft aus den Mitteln der absurden Komödie, der Groteske; die Inszenierung geht mit schrill-greller Slapstick-Übertreibung einher.

Die Soldaten Steffan Wancura, Matthias Zajgier, Ralph Hönicke und Jonas Martin Schmid (neben Günter Lehr auch als Musiker mit bestens interpretierten Dessau-Komposition in Aktion) brachten in ihrer dauerhaften Besoffenheit jenen lächerlichen Sauhaufen zum Ausdruck, den ihr Chef-Sergeant (Robert Eder) mit hysterischem Gebrüll zur Raison bringen möchte, um letztendlich ganz im Sinne Brechts doch nur das kümmerliche Bild eines billigen Operettenclowns abzugeben.

In Gestalt der Kantinenbetreiberin Witwe Begbick lässt der Dichter in seinem Stück die "Courage" grüßen, doch Kristin Göpfert bringt dieses genüssliche Ansinnen nur zaghaft zum Ausdruck: Für ein typisches Brecht-Weib bleibt ihr Spiel harmlos-blass.

Nikolaos Eleftheriadis hingegen fand im Galy Gray seine Paraderolle. Wunderbar gelingt es ihm aufzuzeigen, wie der Mensch seine Individualität zu verlieren mag, wie er vom Friedfertigen zur Kampfmaschine wird, oder wie Brecht es ausdrückt: "Man kann, wenn wir nicht über ihn wachen, ihn uns über Nacht auch zum Schlächter machen."

Am Schluss großer Applaus für eine gefällige Aufführung, die zu einem gelungenen Abschluss der städtischen Theatersaison beitrug.

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