Fortschritt wird digitalisiert

Nach 25 Jahren endet auch im Kreis Göppingen zum 30. April die Übertragung des analogen Satellitensignals. Opfer des technischen Fortschritts sind alte Empfangsanlagen, die an dann ihre Funktion verlieren.

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Letzte Ausfahrt zum Digitalempfang. Im Kreis Göppingen werden derzeit viele ältere Satellitenanlagen umgerüstet. Die Anbieter der nötigen Geräte profitieren von dem Zusatzgeschäft. Foto: Archiv

Für etwa 17 Millionen deutsche Haushalte, die ihre Fernsehprogramme über Satellit empfangen, ist es mittlerweile höchste Eisenbahn, nachzuschauen, ob sie einen digitalen oder noch einen analogen Satellitenempfang im Wohnzimmer nutzen - falls sie in drei Monaten nicht vor einem dunklen Fernseher sitzen wollen. Auch im Kreis Göppingen schauen immer noch erstaunlich viele Menschen analoges Satellitenfernsehen, obwohl diese Technik schon vor über zehn Jahren in Richtung Abstellgleis gerollt ist.

"Wenn Sie diesen Hinweis sehen, müssen Sie rasch handeln...]. Dieser Übertragungsweg wird am 30. April eingestellt...]", warnt eine Laufschrift, die permanent das analog ausgestrahlte Programm untertitelt, vor dem Sendeschluss in etwa neun Wochen. Das digitale Zeitalter hat nun auch in der Satellitenübertragung Einzug gehalten. Bessere Bild- und Tonqualität, mehr Programme sowie elektronische Zusatzdienste bietet das digitale Signal.

"Schon jetzt herrscht ein großer Ansturm auf Digitalreceiver", sagt Holger Denk, Vorstand des Göppinger Handelsunternehmens Comag Handels AG, das sich auf Unterhaltungselektronik spezialisiert hat. "Im Januar haben wir doppelt so viele Geräte verkauft wie sonst." Zusätzlich zum normalen Umsatz brauche der Handel bis Ende April weitere 3,5 Millionen Satellitenempfänger, um die Nachfrage zu decken. Comag habe sich auf die Lieferung von 1,5 Millionen Apparaten, so genannte Set-Top-Boxen in SD-, HD- und HD-Plus-Bildqualität, vorbereitet.

Trotz einer digitalen Empfangsanlage kauften die Kunden bis vor wenigen Jahren meist Analogreceiver. Diese dienen nach dem 30. April allerdings nur noch als Briefbeschwerer. "Digitale Empfangsgeräte waren vor fünf Jahren den meisten Kunden noch zu teuer", meint Peter Schmid, Geschäftsführer der Elektrofirma Kordick & Schmid in Jebenhausen. Heute gebe es sie schon für deutlich weniger als 50 Euro. "Der Austausch eines Receivers geht schnell, eine Anlage umzustellen ist etwas mehr Aufwand." Denn auch der beste Digitalreceiver nützt nichts, wenn die ganze Anlage veraltet ist. Noch immer leisten unzählige analoge Signalgeber, so genannte LNBs, ihren Dienst an der Schüssel auf dem Dach. Bis zur Jahrtausendwende wurden sie hergestellt, danach waren sie vereinzelt noch im Handel. "Oft sind es die alten Gemeinschaftsanlagen auf größeren Wohneinheiten, die noch analog empfangen", sagt Schmid.

Auch Holger Denk gibt den Vermietern zu bedenken, dass die Mieter ab 1. Mai auf die Idee kommen könnten, die Miete zu kürzen, wenn der Fernseher nur noch Mäuseballett zeige. Also lieber mal nachschauen, empfiehlt er: "Steht auf dem LNB das Stichwort ,universal drauf, handelt es sich um ein digitales Gerät." Sonst nicht.

Wer seine Parabolantenne schwer zugänglich auf dem Dach stehen hat, holt sich am besten einen Fernsehtechniker. Dieser kann auch die - oft veralteten - Kabelverbindungen überprüfen. Eine Leitung mit nur wenigen Drähten im Mantel oder mit schlechter Abschirmung kann für gestörten Empfang sorgen. Doch die Terminkalender seien mittlerweile schon randvoll, sagt Schmid. Vier Wochen Wartezeit seien bei ihm durchaus drin. "Außerdem sind die Außenarbeiten wetterabhängig, was zu weiteren Verzögerungen führen kann."

Mathias Marzini, Inhaber des Göppinger Fachgeschäfts für Unterhaltungselektronik EP:Marzini, ist schon seit letzten Sommer mit Umrüstarbeiten beschäftigt: "Unsere Kunden haben rechtzeitig reagiert und Dank des goldenen Herbsts konnten wir bis weit in den November an den Dachantennen arbeiten." Es war überraschend für ihn, wie viele Leute immer noch analoges Fernsehen schauen. Genauso überraschend wird es für diejenigen, die das Laufband in ihrem analogen Programm vehement ignorieren. "Viele halten es für Werbung oder einen Verkaufstrick. Am 1. Mai werden sie dann entweder einen kaputten Fernseher bei uns melden oder verblüfft sein, warum ihnen niemand Bescheid gesagt hat", prophezeit Marzini.

Oft machen die Geschäfte besondere Angebote, um gleich noch die alte Flimmerkiste günstig gegen einen neuen Flachbildfernseher zu tauschen. So kann der Kunde alles uneingeschränkt nutzen, was das neue Satellitenfernsehen bietet.

Kabelkunden hingegen können sich völlig entspannt in ihrem Sessel zurücklehnen, bei ihnen ändert sich nichts. Die analogen Kabelprogramme werden bis auf weiteres von den allermeisten Kabelbetreibern weiter ausgestrahlt. Genauso das klassische UKW-Radio. Eine einst für 2020 angedachte Abschaltung der UKW-Frequenz war ziemlich schnell wieder vom Tisch.

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