Flüchtlings-Baby kommt im Rettungswagen zur Welt

Eine Frau aus Afghanistan berichtet von ihren Erlebnissen: In Göppingen musste sie einen Sonderzug mit Flüchtlingen verlassen, da bei ihr die Wehen einsetzten. Das Kind kam im Rettungswagen zur Welt.

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Ruhig liegt der kleine Ali in der Wiege neben seiner Mutter. Ab und an meldet er sich kurz zu Wort. Gerade hat der Neugeborene die letzte ärztliche Untersuchung hinter sich gebracht, bevor er entlassen werden kann.

Am Sonntagabend hielt er noch seine ganze Familie, Bahn und Sanitäter auf Trab, als er in Göppingen das Licht der Welt erblicken wollte. Die Familie, die anonym bleiben möchte, war in einem Sonderzug für Flüchtlinge von Freilassing nach Mannheim unterwegs. Gegen 20.30 Uhr musste der Zug in Göppingen außerplanmäßig halten, da bei der Mutter die Wehen einsetzten und die Fruchtblase geplatzt war. Ein Rettungswagen wartete bereits am Bahnhof, um die 24-jährige Frau in die Klinik am Eichert zu bringen. Dazu kam es aber vorläufig nicht mehr: Das Baby kam um 20.54 Uhr noch im Rettungswagen zur Welt. Erst dann wurde die Fahrt ins Krankenhaus fortgesetzt.

Begleitet wurde die junge Mutter dabei nur von ihrem 16-jährigen Bruder, da nur eine Person im Rettungswagen mitfahren konnte. Außerdem konnte der junge Mann als einziger der Familie ins Englische übersetzen. Der Ehemann musste im Zug bei den beiden anderen Kindern, je ein und drei Jahre alt, bleiben.

Flucht aus Afghanistan

Begonnen habe die Flucht der Familie vor einem Monat in ihrer Heimatstadt Kandahar in Afghanistan. Verfolgt von den Taliban, sei die Familie dort nicht mehr sicher gewesen, erzählt der 16-Jährige sichtlich unruhig. Über die näheren Umstände wollten beide nicht sprechen. Begleitet hat sie, neben dem Vater der Kinder, noch eine Schwester. Die Flucht führte sie weiter durch die Türkei und schließlich nach Griechenland, erklärt der Bruder in Rücksprache mit der Mutter. Von dort hätten sie Sonderzüge nutzen können, bis sie die deutsche Grenze erreichten. Am vergangen Sonntag sei schließlich alles ganz schnell gegangen. Nun wollen beide endlich zum Vater und der Schwester nach Michelstadt. Die Geschwister von Ali vermissen die Mutter auch schon sehr.

Die Zusammenführung der Familie steht auch für Ulrike Maybaum, Pflegekraft in der Neugeborenen-Station der Klinik am Eichert, im Mittelpunkt. Seit Sonntag sei die Station in Kontakt mit der Flüchtlingseinrichtung in Michelstadt und mit den Familienangehörigen. Maybaum ist begeistert vom Einsatz des jungen Bruders, der übersetzt und Kontakte vermittelt. Die Situation am Sonntagabend beschreibt sie als durchaus kritisch: „Bei einer Frau ohne Erfahrung wäre es schwierig geworden", erläutert Maybaum. Das Baby sei aber nun gesund und wohlauf. Einer Entlassung aus der Klinik stehe nichts mehr im Wege.

Weiterfahrt mit dem Zug

Für die Weiterfahrt nach Michelstadt habe das Krankenhaus bereits eine Zugfahrkarte für beide organisiert, so Britta Käppeler, Leiterin der Pressestelle der Alb-Fils Kliniken. Die Kosten dafür und die Verpflegung des Bruders in den vergangenen zwei Tagen übernehme die Klinik. Den Rettungseinsatz und weitere medizinische Kosten trage das Kreissozialamt, sagt Käppeler. Darüber brauche sich die Mutter, keine Gedanken zu machen.

Die junge Frau freut sich nach all den Strapazen nun erst einmal, ihren Mann und die zwei Kinder wiederzusehen. Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem, dass ihre Kinder in Sicherheit sind und in Deutschland zur Schule gehen können, um sich eine Zukunft aufzubauen. 

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