Flucht aus der Psychiatrie per Druck auf den Feuermelder

Ein Druck auf den Feuermelder öffnet die Tür in die Freiheit: Drei Patienten des Christophsheims stehen wegen Missbrauchs von Notrufen vor Gericht.

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Um das Leben hinter den Mauern der Psychiatrie und die Flucht nach draußen in die vermeintliche Freiheit ging es in einem Prozess vor dem Amtsgericht Göppingen. Angeklagt waren drei langjährige Patienten des Christophsheims, einer hatte einen Feuermelder betätigt, damit sich die Türen automatisch öffnen. Er wurde aber von Pflegekräften an der Flucht gehindert, zwei Frauen konnten aus der geschlossenen Station entkommen.

„Missbrauch von Notrufen“ lautete der Tatvorwurf, wegen dem sich die drei Angeklagten vor Gericht verantworten mussten, wobei den zwei Frauen Anstiftung vorgeworfen wurde. „Die Damen haben mich nicht angestiftet“, nahm der  27-Jährige die Patientinnen gleich zu Beginn der Verhandlung in Schutz. Es sei vielmehr seine Idee gewesen, den Feuermelder zu betätigen. „Ich bin zu ihnen gegangen und habe gesagt: Lasst uns weggehen, lasst uns Party machen.“

Für Amtsrichterin Julia König stellte sich eine grundsätzliche Frage: „Warum wollten Sie denn da raus?“ Der psychisch kranke Mann erklärte, dass in seinem Einweisungsbeschluss in das ans Christophsbad angeschlossene Heim die Rede von „ein bis zwei Jahren“ gewesen sei, er nun aber bereits zweieinhalb Jahre auf der geschlossenen Station sei. „Mehrfach“ habe er deshalb bereits versucht abzuhauen, es sei ihm auch schon gelungen. Im vergangenen Jahr war er mehrere Wochen am Stück untergetaucht.

Über die Konsequenzen des Notrufs habe er sich keine Gedanken gemacht: „In dem Moment denkt man nicht, was passiert, sondern nur, ich will hier weg.“ Auch Rechtsanwalt Karl-Heinz Schneider, der eine der beiden Frauen vertrat, unterstrich: „Das Bedürfnis der Leute auf der Station ist ja eigentlich nur: raus und was trinken.“ Er berichtete auch von eigenen Besuchen im Christophsheim: „Ich war schon öfter in der Anstalt und kann nachvollziehen, wenn man sagt, man will da raus.“ Selbst die Vertreterin der Staatsanwaltschaft räumte in ihrem Plädoyer ein, dass die Situation in einem solchen Heim die Angeklagten ein Stück weit entlaste: „Was für sie spricht, ist, dass sie einen gewissen Druck verspürt haben, die Station zu verlassen und rauszukommen.“

Ein Druck, den offenbar immer wieder Patienten verspüren. Ein als Zeuge geladener Polizeibeamter sagte aus, dass Fehlalarme in dem Heim keine Seltenheit seien: „Eine Zeitlang haben wir das relativ oft gehabt.“ Das geschehe phasenweise und passiere immer wieder. Der Ablauf wiederhole sich auch – so wie es bei den zwei Frauen an jenem Abend im Sommer vergangenen Jahres auch der Fall war: „Zwei bis drei Stunden später haben sie bei der Polizei angerufen – wie immer – und wollten heim.“ Er glaubte, den Grund dafür zu kennen: „Entweder sind die Patienten zu faul zum Laufen oder zu betrunken.“

Schließlich habe er die 28-Jährige und die 24-Jährige mit einem Kollegen „am Schillerplatz eingesammelt“. Was den Polizisten ärgerte: „Da rücken  dann drei Polizeistreifen, drei Krankenwagen und zehn Feuerwehrautos aus – und das alles nur, damit man mal raus kann.“ Die zwei Patientinnen seien aber alte Bekannte: „Die fehlen ziemlich oft, die muss man ziemlich oft suchen.“

Im Fall des 27-Jährigen konnte das Verfahren nicht abgeschlossen werden, zuerst soll nun ein Gutachten über seine mögliche Schuldunfähigkeit erstellt werden. Ob die Frauen ihn angestiftet hatten, blieb offen. Eine von der Staatsanwaltschaft geforderte Bewährungsstrafe lehnte Richterin König ab: „Ich habe meine Zweifel daran, deswegen in dubio pro reo.“ Zwei glatte Freisprüche.

Roboter: Der Angeklagte im Prozess wegen Missbrauchs von Notrufen berichtete, dass er seit rund acht Monaten seine verordneten Medikamente nicht mehr nehme, denn „dann ist man wie ein Roboter“. Richterin Julia König wollte wissen, ob es möglich sei, die Medikamente – deren Einnahme eigentlich überwacht wird – verschwinden zu lassen. „Ja, das ist möglich“, sagte der Mann.

Nebenwirkungen: Wie das mit dem „Roboter“ zu verstehen sei, wollte König auch genauer erläutert haben. „Der Kopf ist nicht mehr frei“, erzählte der 27-Jährige. „Wenn man schläft, träumt man nichts mehr, bekommt Nasenbluten und extreme Kopfschmerzen.“ Er resümierte: „Du fühlst dich wie ein Blechmann, weil du nicht mehr reagierst und keine eigene Meinung aufbaust.“

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