Faszination einer perfekten Katastrophe

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Der ehemalige Ebersbacher Malte Fiebing ist Vorsitzender des Deutschen Titanicvereins.

Es gibt kein Entrinnen. Kaum eine Zeitung kommt dieser Tage ohne die "Titanic" aus. Auch 100 Jahre nach ihrem Untergang ist die Faszination ungebrochen, die Zahl der Geschichten, Filme und Mythen um sie nimmt kein Ende.

Von Elke Berger

Was haben Pharao Tut-Ench-Amun und die Titanic gemeinsam? Beide waren zu Lebzeiten ziemlich unbedeutend. Erst ihr Ende machte sie zu Legenden. Beim jung verstorbenen Tut-Ench-Amun war es sein fast unversehrt aufgefundenes, mit Goldschätzen bestücktes Grab, bei der Titanic ihr dramatischer Untergang.

Von keiner Katastrophe des 20. Jahrhunderts waren die Menschen so betroffen und gleichzeitig fasziniert wie vom Untergang des Ozeanriesen, an kaum einem Unglück nahmen sie mehr Anteil. Erst gut drei Jahre vorher hatte ein riesiges Erdbeben vor Sizilien über 100 000 Menschen in den Tod gerissen. Diese Tragödie stieß auf vergleichsweise wenig Resonanz und ist heute fast vergessen. Das weltweite Presseecho des Titanic-Desasters hingegen war unvergleichlich.

"Es steht leider so gut wie fest, daß es sich um das größte Unglück, das die Geschichte der Schiffahrt kennt, handelt", berichtete die Ebersbacher Zeitung am 17. April 1912 über den Untergang der Titanic. Zeitungen und Gazetten in aller Welt stürzten sich auf jede Meldung vom Untergang, die sich zu einer Schlagzeile verarbeiten ließ und überschlugen sich mit Sonderausgaben. Als die "perfekte Katastrophe" bezeichnet Malte Fiebing das Ereignis. Der ehemalige Ebersbacher, seines Zeichens Vorsitzender des Deutschen Titanicvereins und Mitorganisator von internationalen Titanic-Ausstellungen, beschäftigt sich seit beinahe 20 Jahren intensiv mit der Materie. "Die Titanic war die erste globale Medienkatastrophe überhaupt", beschreibt er das weltweite Echo. "Während dieses mehrstündigen Untergangs zeigte sich auch, wer ein Held und wer ein Feigling war." Dazu die strikte Drei-Klassen-Trennung mit berührenden Einzelschicksalen, ein paar Geheimnisse und Verschwörungstheorien und fertig ist der Schnittmusterbogen, aus dem die Legende der Titanic gebastelt wird.

Eigentlich zeigte 1912 kaum jemand Interesse für die Titanic. Ihr älteres, baugleiches Schwesterschiff Olympic stahl ihr auf ganzer Linie die Show. Die Passagiere wurden mühsam von anderen Schiffen umgebucht auf die Titanic, ein Drittel der Betten auf dem Dampfer blieb trotzdem leer. Um das Image seines Luxusliners aufzubessern und Eindruck zu schinden, plante Reedereipräsident Bruce Ismay, wenigstens ein paar Stunden vor der planmäßigen Ankunft in New York einzulaufen. Um Zeit zu sparen, sollte das Schiff die Tagesgeschwindigkeit auch bei Nacht beibehalten, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. "Ismay wollte unter allen Umständen Presse erzeugen", meint Fiebing. "Das hat er letztendlich geschafft, nur nicht so, wie er wollte."

Bereits auf der Rückfahrt nach New York übermittelte das Königliche Postdampfschiff (RMS) Carpathia, welches die Überlebenden der Titanic aufgenommen hatte, erste Namenslisten per Funk. Sie war noch nicht einmal ganz in den New Yorker Hafen eingelaufen, als sich bereits die Medien auf sie stürzten. "Manche versuchten von den Beibooten aus, den Passagieren erste Fragen zuzurufen und ihnen Antworten zu entlocken", erklärt Fiebing. "Kaum hatte das Schiff angelegt, wurden die Überlebenden interviewt." So entstand ein recht realistisches Bild vom ganzen Szenario, die ganze Welt konnte daran teilhaben - und tat es.

Schon einen Monat danach erschien der erste Film über die Tragödie. Ein zehnminütiger Stummfilm, geschrieben und in der Hauptrolle besetzt von einer Überlebenden des Unglücks. Es war die erste von rund einem Dutzend Kino- und Fernsehproduktionen bis zur Gegenwart, in denen die Titanic in den verschiedensten Varianten von den Drehbuchautoren und Regisseuren versenkt wird. Manche dieser Filme haben Spuren hinterlassen, wie beispielsweise James Camerons Blockbuster von 1997, andere sind geräuschlos mit ihren Protagonisten untergegangen.

Einer dieser eher vergessenen Filme mit dem Titel "Titanic" entstand 1943 in Nazi-Deutschland. Der größtenteils in Vergessenheit geratene Film rückte vor einiger Zeit in Fiebings Fokus. Ursprünglich als Examensarbeit geplant, stieß Fiebing auf so enorm viel, teils verschollen geglaubtes Material, dass er vor kurzem beschloss, das Ganze in ein Buch zu packen. Unter dem Titel "Titanic (1943) - Die Nazis und das berühmteste Schiff der Welt" analysiert er den Propaganda-Anteil am Werk und beleuchtet, warum Goebbels in letzter Minute eigenhändig die Veröffentlichung seines als staatspolitisch wertvoll ausgezeichneten, anti-britischen Films verhinderte: "Die Kriegslage hatte sich 1943 schon so sehr verschlechtert, dass Goebbels seinen Landsleuten kein Untergangsdrama mehr zumuten wollte." Auch die sich bis heute hartnäckig haltende Behauptung, die Titanic sei auf ihrer Jungfernfahrt um das Blaue Band - die Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung - gefahren, entstamme allein der Feder von Goebbels" Drehbuchautor, klärt Fiebing auf. "Die Titanic war weder technisch dafür ausgelegt, noch hatte irgendjemand auf dem Schiff vor, um diese Trophäe zu fahren."

Viele andere Gerüchte kochen bis heute und werden regelmäßig in der Literatur widerlegt oder weitergesponnen. Lieber mit Tatsachen beschäftigen sich dafür die Mitglieder des deutschen Titanicvereins, dem unter anderem Fiebing vorsteht. Der vor 15 Jahren gegründete Verein bietet heute über 500 Mitgliedern aus sieben Ländern, die sich alle für das Schiff und seine Geschichte interessieren, eine Plattform. "Wir haben Freaks dabei, die könnten im Schlaf das ganze Schiff nachbauen", beschreibt Fiebing die Truppe. "Andere nähen die Kleider der damaligen Gesellschaft nach, malen die Titanic oder beschäftigen sich mit internationaler Fachliteratur über das Schiff." Ihm selbst hat es vor allem die Gesellschaft der Titanic angetan, auch wenn er ursprünglich über den Modellbau zum Fan wurde. Er besitzt die komplette Passagierliste und kennt sich in vielen der Lebensläufe aus, vor allem in denen der nicht so bekannten Personen.

Zum Jahrestreffen 2002 hatte der Verein die Idee, Millvina Dean, zu diesem Zeitpunkt eine der drei letzten Überlebenden der Titanic, als Ehrengast einzuladen. Dean, die beim Untergang erst wenige Wochen alt war, konnte sich zwar an die Katastrophe nicht erinnern, war aber trotzdem immer ein gern gesehener Gast bei Titanic-Veranstaltungen in aller Welt. So erschien sie auch spontan im Schwabenland. "Es war der Tag vom Fußball-WM-Endspiel 2002, Deutschland gegen Brasilien", erinnert sich Fiebing. "Und sie wollte unbedingt das Spiel im Fernsehen anschauen. Der nächstgelegene Fernseher - vom Stuttgarter Flughafen aus gesehen - war der im Wohnzimmer meiner Eltern in Ebersbach." Also fuhren sie alle dort hin. "Eine ausgesprochen angenehme Person war sie. Die Geschichten über die Titanic kennt sie aber - genau wie wir alle - nur aus Erzählungen." Ab diesem Zeitpunkt besuchte Fiebing, der mittlerweile nahe Kiel wohnt, sie bis zu ihrem Tod im Mai 2009 mindestens einmal pro Jahr in Southampton.

Man könnte sich mit Fiebing eine Woche lang über die Titanic unterhalten und die Themen würden ihm nicht ausgehen. "Trotzdem", meint er, "ist vieles mit ihr untergegangen und die Geschichten, die wir heute kennen, sind nur die Spitze des Eisbergs."

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