Faszierende Wildbienen

Die Honigbiene ist nur eine von 550 Bienenarten. In die Welt der Wildbienen, die vom Rückgang der Pflanzenarten bedroht ist, führte ein Lichtbildervortrag von Experte Paul Westrich in der Volkshochschule.

|
Wildbienen sind sein Leib- und Magen-Thema: Experte Dr. Paul Westrich aus Tübingen

Wildbienen seien sein "Leib-und-Magen-Thema", erklärte Wildbienenforscher Dr. Paul Westrich aus Tübingen schmunzelnd, bevor er die Besucher in die faszinierende Welt der Wildbienen entführte. In seinem Vortrag, den die Nabu-Gruppe Göppingen zusammen mit der Volkshochschule organisiert hatte, verdeutlichte er die unglaubliche Vielfalt der heimischen Wildbienengattungen, zu denen die dunklen Trauerbienen, die Hummeln, die gelb-schwarzen Wespenbienen, die Sandbienen oder auch die Maskenbienen mit ihrer speziellen gelb oder elfenbeinfarbenen Gesichtszeichnung zählen. Auf der virtuellen Reise konnten die Besucher auch sehr seltene Exemplare der verschiedenen Gattungen bestaunen.

Unglaublich, aber wahr: Die sehr seltene Thymian-Steppenbiene ist lediglich vier Millimeter groß, und die vom Aussterben bedrohte Mohn-Mauerbiene kleidet das aus einer Zelle bestehende Nest mit kleinen Blütenblätterstücken des Klatsch-Mohns aus.

Der Bienenfachmann stellte die unterschiedlichen Lebensweisen der sozial, kommunal und solitär lebenden Bienen anschaulich dar. Besonders beeindruckend: der Nestbau der Wildbienen, die hinsichtlich Baumaterial und Nistplatz meist sehr spezialisiert vorgehen. Während die kleine Harzbiene an Gestein oder Baumstämmen längliche Brutzellen aus Harz von Nadelbäumen anlegt, verwendet die schwarzbauchige Blattschneiderbiene als Baumaterial ausschließlich Laubblätter, die sie mit ihren Mundwerkzeugen zurecht schneidet und damit Brutzellen in Totholz baut.

Ein richtiges Kuriosum in Sachen Nestbau stellen einige Mauerbienen-Arten dar, die nur in leeren Schneckenhäusern nisten. "Die zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene nistet in Gehäusen der Weinbergschnecke und der Garten-Schnirkelschnecke", berichtete Westrich. Unklar sei bislang, weshalb diese Art das Gehäuse dabei mit Pflanzenbrei beklebt.

Neben vielen weiteren faszinierenden Details wurde auch die Gefährdung der Wildbienen angesprochen, die nach Information von Westrich hauptsächlich auf der industriellen Landwirtschaft beruhe, die zur Zerstörung der Nistplätze, aber auch zum Rückgang vieler Pflanzenarten führe. "Viele heimische Wildbienen sind nicht nur auf eine ganz bestimmte Nistweise spezialisiert, sondern auch von speziellen Pflanzenarten abhängig", sagte der Spezialist. Während die Malven-Langhornbiene als Nahrungsquelle und zur Brutversorgung nur Nektar und Pollen von Malvengewächsen nutzt, sammelt die Ehrenpreis-Sandbiene nur an Ehrenpreis-Arten.

Wie sich dann in der regen Frage- und Diskussionsrunde zeigte, kann zum Schutz der Wildbienen auch einiges in Gärten und auf Balkonen getan werden: Ein vielfältiges Angebot aus geeigneten Bäumen, Sträuchern, Blumen, Nutz- und Pionierpflanzen - wie Weiden, Schlehen, Wildrosen, Brombeeren, Glockenblumen, Wiesen-Salbei, Fetthenne, Natternkopf, Klatsch-Mohn oder auch die gewöhnliche Kratzdistel - würde einen guten Beitrag zum Wildbienenschutz leisten. "Nicht geeignet sind dagegen viele der derzeit mancherorts angebotenen Sommerblumenmischungen, die zu 90 Prozent Pflanzen aus anderen Erdteilen enthalten und für die heimischen Wildbienen daher nahezu wertlos sind", erklärte Westrich.

Auch zu Nisthilfen erhielten die Besucher Tipps. Geeignet seien waagrecht liegende Bambusröhrchen, Strangfalzziegel, Schilfhalme, festes Totholz oder aber auch Holzblöcke mit Bohrlöchern. Allerdings sollten die Löcher quer zu den Jahresringen gebohrt werden, die Bohrungen müssten glatt sein (Verletzungsfahr für Bienen), Glasröhrchen sind nicht geeignet. Ab dem zeitigen Frühjahr können jeden Monat bis zum Herbst andere Arten von Wildbienen angetroffen werden.

Und was die Bienenstiche betrifft: "Bis auf die Honigbiene, die Erd- und die Baumhummel zeigen die heimischen Bienenarten keinerlei Verteidigungsverhalten bei Störungen im Nestbereich", so Westrich. Sein anschauliches Beispiel: In einem Kindergarten-Sandkasten bei Mössingen nistet seit fünf Jahren die Efeu-Seidenbiene. Bislang sei noch kein Kind gestochen worden.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

CDU siegt trotz schwerer Verluste im Landkreis Göppingen

Hermann Färber (CDU) verliert kräftig, verteidigt aber sein Direktmandat. Auch Heike Baehrens (SPD) schafft den Wiedereinzug in den Bundestag. Neu in Berlin ist der AfD-Mann Volker Münz. weiter lesen