Fahrtraining für Frauen: Drehwurm inklusive

Viele sind täglich mit dem Auto unterwegs, aber die Theorie aus der Fahrschule oft nicht mehr so parat. Um Wissen und Praxis aufzufrischen, gibt es Fahrtraining. So auch beim Kurs „Frauen unter sich“.

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Nehmen wir an, wir sind auf der Autobahn und haben eine Panne. Was tun Sie?“ Das ist die erste Aufgabe, die Karl-Heinz Hild von der Kreisverkehrswacht Göppingen den Teilnehmerinnen des Fahrtrainings stellt. Theoretisch weiß jeder, was zu tun ist, praktisch gestaltet sich die Suche nach Warnweste und -dreieck schon etwas schwieriger. Wie sollt man beispielsweise das Warndreieck finden, wenn gar keines im Auto ist? Wenn man mit einer Panne auf dem Standstreifen steht, sei es vor allem wichtig, mit genügend Abstand hinter die Leitplanke zu stehen, erklärt Hild. Damit vermeide man, bei einem Unfall von herumschleudernden Autos oder Karosserieteilen getroffen zu werden.

Auf dem Parkplatz am Göppinger Stauferpark ist mit Pylonen ein Parcours aufgebaut. Vier Stunden lang haben die elf Frauen, die beim Fahrtraining „Frauen unter sich“ mitmachen, die Möglichkeit, bei verschiedenen Übungen die Reaktionen ihrer Autos zu testen.

Idee kam von Teilnehmerinnen

Ein Fahrtraining speziell für Frauen. Der ein oder andere fragt sich vielleicht, ob dort, angelehnt an das Klischee „Frauen können nicht Autofahren“, versucht wird zu retten, was noch zu retten ist. Oder könnte man gar von Diskriminierung sprechen? „Nein überhaupt nicht. Diese Idee kam sogar von einigen Teilnehmerinnen“, sagt Hild, „viele hatten sich das gewünscht, weil die Männer immer alles besser wissen. Der Kurs kommt sehr gut an.“ Bei der Namensgebung habe man sich extra Gedanken gemacht, damit sich niemand diskriminiert fühlt und so sei man dann auf „Frauen unter sich“ gekommen.

Iris Schuster findet es schade, dass keine Männer dabei sind: „Sonst könnten wir hier unseren Mann stehen und zeigen, was das schwache Geschlecht so drauf hat.“ Sie fuhr 22 Jahre lang Lkw und hatte bereits einige Fahrtrainings mit ihrem Auto hinter sich. Dieses Mal ist sie mit dem Auto ihres Mannes da, um es besser kennen zu lernen. „Als Auffrischung sind solche Kurse super, weil man vieles verlernt“, meint die 49-Jährige.

Sicherer werden

Ganz unter sich sind die Frauen allerdings nicht. Eine Teilnehmerin ist in Begleitung ihres Sohnes gekommen: „Alleine hab' ich mich nicht getraut“, sagt Susanne Mezger lachend. Ihr Mann habe gemeint, sie solle bei dem Kurs mitmachen. „Ich fahre nicht gerne Auto, nur wenn ich muss, weil mir der Verkehr einfach zu hektisch ist. Deswegen hoff' ich, dass ich durch das Training sicherer werde beim Fahren.“


Durch Übungen wie Slalom fahren können die Fahrerinnen ausprobieren, wie ihre Autos reagieren – und mit jeder Runde funktioniert es besser. Hier und da wird mal ein Hütchen umgefahren, „aber darum üben wir es ja hier“, meint Hild. Zusammen mit seiner Tochter Sonja moderiert er das Tagesprogramm. Jedes Auto wird mit einem Funkgerät ausgestattet, damit die Fahrerinnen immer in direktem Kontakt mit dem Moderator stehen. Für die Übungen werden zwei Gruppen gebildet, damit’s auf dem Parkplatz während des Trainings kein Chaos gibt .

Volle Kanne abbremsen

„Jetzt macht ihr eine Gefahrenbremsung. Das heißt, auf mein Zeichen hin bremst ihr volle Kanne ab“, weist Hild die Teilnehmerinnen an. „Wir machen das so lange, bis wirklich jeder eine Vollbremsung gemacht hat“, fügt er hinzu. Einige haben zu Beginn noch Hemmungen, die Bremse richtig durchzutreten, aber Hild hält sein Wort und die Bremsen jedes Autos kommen richtig zum Einsatz.

Isabell Lassmann, die mit 17 Jahren noch mit ihrer Mutter in Begleitung fährt, stellt fest: „In der Fahrschule hab' ich zwar mal eine Vollbremsung gemacht, aber ich finde, das war zu wenig. Ich bin jetzt besser auf Ausnahmesituationen vorbereitet als nach der Fahrschule und weiß, was mein Auto mitmacht.“

Ob man die Größe seines Autos richtig abschätzen kann, zeigt sich bei einem Test mit einer Stange auf zwei Pylonen, an die man so nahe wie möglich heranfahren sollte. Ab einem gewissen Punkt liegt die Stange im toten Winkel. Man verliert sie also aus dem Blickfeld und muss nach Gefühl an sie heranfahren, möglichst ohne sie zu berühren.

Wenden im Quadrat

Natürlich steht auch Einparken in allen Varianten auf dem Tagesplan. „Ich hoffe, dass man was dazu lernt, besonders bei dem, was Frauen nicht gut können – Einparken“, sagt Beate Kranich lachend. Rückwärts und rückwärts längs zielen sie und die anderen Kursmitglieder in die, mit Hütchen abgegrenzten, Parklücken. Karl-Heinz Hild gibt hier und da ein paar Tipps. Die Sache mit dem Einparken funktioniert aber ziemlich gut und die Pylonen bleiben bei allen stehen. Beim Wenden im Quadrat, eine abgesteckte Fläche, in der man mit möglichst wenigen Zügen wenden sollte, kann man testen, ob man die Größe des Autos richtig abschätzen kann.

Weiter geht es mit der Spurgasse. Hier soll ein Überholvorgang simuliert werden. In einer Reihe aufgestellt, wartet jeder auf das Funksignal. Das „Okay“ ertönt und los geht es. Fahren, blinken, Schulterblick und bloß kein Hütchen umfahren. Geschafft. Die Autos werden wieder geparkt. Die Mittagspause steht auf dem Plan. Jetzt gibt’s für alle Butterbrezeln und zum Aufwärmen Tee und Kaffee. Nun wird der „Durchblick“ geprüft. Hild verteilt „Alkoholbrillen“, um zu zeigen, wie stark sich die Wahrnehmung bereits bei 0,8 Promille verändert. Schon auf ein Ziel zuzusteuern, ist so eine Aufgabe für sich. „Natürlich sehen wir nicht so, wenn wir wirklich 0,8 Promille haben. Das Gehirn passt sich immer wieder an, deswegen merken wir die Veränderungen nicht“, erklärt Hild, „ab 0,3 Promille kann ein Unfall aber schon zu Problemen bei der Versicherung führen.“

Nun steht die letzte Übung an: Möglichst schnelles Fahren im Kreis und eine Vollbremsung auf Kies. „Ich hab fast den Drehwurm bekommen“, berichtet Susanne Mezger, „aber es hat wirklich Spaß gemacht – und ich hab’ jetzt mehr Freude am Fahren. Nächstes Mal komm ich alleine her.“ Auch Iris Schuster zieht ihr Fazit: „Ich hab’ heute die Grenzen vom Auto kennengelernt und konnte sehen, wie es in verschiedenen Situationen reagiert. Das was man hier macht, kann man daheim einfach nicht üben.“ Zum Schluss gibt Karl-Heinz Hild noch ein paar Worte mit auf den Weg: „Denkt daran: Nicht alle, die langsamer fahren als ihr, sind Penner. Und nicht alle, die schneller fahren, sind Raser.“

Viele Kursangebote

Die Kreisverkehrswacht Göppingen e.V. bietet Fahrtrainings für unterschiedliche Zielgruppen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Informationen gibt es online und unter (07161)/70203. 

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