Es geht auch ohne den Willy

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Wecker-Konzerte haben ihre eigenen Gesetze. Liedermacher und Publikum kennen sich bestens, trunken vor schönen Harmonien baden beide drei Stunden im Wohlklang der Melodien, lassen sich mitreißen vom Boogie-Woogie und kriegen den Blues angesichts der weltpolitischen Lage. Und wenn der Konstantin – wie jetzt in Göppingen geschehen – zur Linderung des  Weltschmerzes die überraschende Niederlage des Rechten Norbert Hofers in Österreich verkündet, dann kann er sicher sein, dass es satten Beifall gibt.

Kaum ein Liedermacher hat eine so treue Fangemeinde. Kaum einer hält so lange – seit mehr als 40 Jahren – die Fahne des aufrechten, zart revoluzzenden Poeten hoch in einer Welt der Duckmäuser und Potentaten. Zusammen sind sein Publikum und er älter geworden, nicht weiser, höchstens reifer. Oder wie Wecker so schön sagt: „Meine Lieder waren immer klüger als ich.“

Und am Ende schwingen alle mit in einer Atmosphäre zwischen Love & ­Peace-Festival und Kirchentag, mit alten Balladen und noch älteren Partisanengesängen – sie feiern ein Fest des Augenblicks und der Poesie. Eine solche Stimmung zu erzeugen ohne Radiohits, ohne neue CD, ohne die Mechanismen der Musikindustrie, das schaffen nicht viele Künstler in der Republik.

Nach knapp zwei Jahren war der 69-Jährige also am Sonntag wieder in der Stadthalle zu Gast. Mit dabei: Jo Barnikel, Weckers „musikalischer Lebensgefährte“, der an den Keyboards unglaublich präzise und einfühlsam arbeitet, sowie Fany Kammerlander, die mit ihrem wunderbar weichen Cello-Spiel die lyrischen Klavierstücke mit einer zarten Schicht Melancholie versieht.

Und Wecker selbst? Statt auf der Medienklaviatur spielt er lieber Klavier für sein Publikum. Und singt seine Lieder. Wobei er nicht mal seine wohl größten Erfolge „Genug ist nicht genug“ und den „Willy“ bringt. Wer außer Wecker kann sich so etwas schon leisten?

Stimmlich leicht angeschlagen, reist er mit seinen Zuhörern durch die Jahrzehnte: ruhig und gefühlvoll durch die frühen 80er (Was passierte in den Jahren), fordernd mit „Der alte Kaiser“ in  die 70er, in die Romantik mit Schuberts Leiermann, zum Blues mit dem alten „Wehdam“ und immer wieder zur aktuellen Weltpolitik, etwa mit „Amerika, Amerika“ in neuer Trump-Version. Dazwischen gibt es Gedichte und Gedanken zum Sehnsuchtsland Italien, zu Leid und Genusssucht, gegen Not und für Pazifismus.

Die Hass-Kommentare hätten in letzter Zeit stark zugenommen, berichtet der Münchner, ist aber selber auch nicht zimperlich: Als Trump US-Präsident wurde und Leonard Cohen starb, hat Wecker gepostet, umgekehrt wäre es ihm lieber gewesen.

„Soll ich lieber revoluzzen oder doch Laternen putzen?“, fragt Konstantin Wecker im programmatischen Lied „Zwischen Zärtlichkeit und Wut“. Es ist eine rhetorische Frage. Das Laternenputzen überlässt er anderen.

Biografie: Konstantin Wecker (69) ist  Liedermacher, Filmkomponist (Schtonk!), Schauspieler und Autor. Er erhielt viele Auszeichnungen (u.a. Deutscher Kleinkunstpreis 1977, Bayerischer Filmpreis 2009).

Auftritte im Kreis: Am 24. Juli 2008 war Wecker Stargast beim Filseck-Sommerfestival und bot mit Jo Barnikel „Alles das und mehr“, nämlich einen zauberhaft poetischen Sommerabend im Schlosshof. Am 19. Mai 2012 präsentierte er in der Stadthalle Göppingen „Wut und Zärtlichkeit“, sein erstes Studioalbum nach sechs Jahren (mit Barnikel, Gitarrist Jens Fischer-Rodrian und  Pedal-Steel-Spezialist Nils Tuxen). Am 12. März 2015 stellte er sein Programm „40 Jahre Wahnsinn“ in Göppingen vor (mit Barnikel, Cellistin Fany Kammerlander und Haindling-Perkussionist Wolfgang Gleixner).

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