Erstes lesbisches Ehepaar traut sich in Göppingen

Als erstes lesbisches Ehepaar in Göppingen haben sich Yvonne und Antonia Gasser am Montag das Ja-Wort im Standesamt gegeben.

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  • Die 38-jährige Yvonne (links) und die 51-jährige Antonia Gasser haben am Montag in Göppingen geheiratet. Mit dabei war ihr Sohn Steven (9). Drei Tage vor der Hochzeit erzählten sie im Interview, was ihnen die Ehe bedeutet. 1/2
    Die 38-jährige Yvonne (links) und die 51-jährige Antonia Gasser haben am Montag in Göppingen geheiratet. Mit dabei war ihr Sohn Steven (9). Drei Tage vor der Hochzeit erzählten sie im Interview, was ihnen die Ehe bedeutet. Foto: 
  • Familie Gasser hat ein Hochzeitsbild geschickt: Die Torte mit Figürchen. 2/2
    Familie Gasser hat ein Hochzeitsbild geschickt: Die Torte mit Figürchen. Foto: 
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Keine Brautkleider, kein großes Tamtam: die Trauung am Montag schien für Yvonne und Antonia Gasser nur noch eine Formsache zu sein, bei der sie auch gesetzlich gleichgestellt sind – wie ein ganz normales Ehepaar. Zusammen sind die beiden schon seit 19 Jahren. Kennen gelernt haben sie sich 1998 auf dem Fußballplatz. Yvonne war Stürmerin, Antonia in der Abwehr – und beide in verschiedenen Teams. Ihre Beziehung hielt, „den Bekannten zum Trotz“, sagt die 38-jährige Yvonne. Die Freunde glaubten wegen des Altersunterschieds von 13 Jahren nicht an eine dauerhafte Liebe der beiden Frauen. Yvonne war damals gerade 19 Jahre alt.

Nach drei Jahren Beziehung wollten sie aber mehr sein, als nur Freundinnen. Deswegen waren sie am 11.10.2001 das zweite Paar im Landkreis – und auch damals das erste weibliche Paar – das sich im Landratsamt für die eingetragene Lebenspartnerschaft entschied. Als das Gesetz rauskam, hat sich Yvonne darüber informiert. „Mach du nur“, sagte Antonia damals zu ihr und war einverstanden. Von einem traditionellen Antrag mit Kniefall hielt sie hingegen nichts. „Dafür gab es eine tolle Party mit der Fußballmannschaft“, erzählt die heute 51-jährige Antonia im Gespräch mit unserer Redaktion. Damals gab es auch schon eine Torte und Ringe. Ihre Hochzeitsreise führte die beiden bereits im Mai 2001 nach New York. Sie waren auch zusammen auf dem World-Trade-Center , bevor es im September nach dem Anschlag einstürzte.

Gehalten hat dagegen ihre Liebe füreinander. Dass sie lesbisch sind, ist kein Geheimnis, weder im privaten noch im beruflichen Umfeld. Yvonne ist Polizistin, Antonia arbeitet als Postzustellerin. „Wir gehen offen damit um“, sagt Yvonne. Auch wenn die Leute nach der Entstehung ihres Sohnes fragen. Der neunjährige Steven weiß, dass er einen biologischen Vater hat. Einen Papa gibt es aber nicht, Yvonne nutzte eine anonyme Samenspende. Steven habe deswegen keine Probleme gehabt. „Es kamen sogar schon Freunde, die sagten ich finde es toll, dass du zwei Mamas hast“, erzählt Antonia lachend. Für ihn sei das ganz normal, sagt Steven selbst dazu.

Besonders für ihren Sohn ist ihnen die Ehe wichtig, damit gesetzlich alles geregelt ist, wie etwa der Familienzuschlag oder das Erbrecht. Sie hoffen, dass nun finanzielle Verluste während der Elternzeit auch rückwirkend angeglichen werden. Groß war die Freude, als die Gesetzesänderung auf den Weg gebracht wurde. „Wir haben den ganzen Tag im Geschäft mitgefiebert und uns dann gefreut – darauf gab’s ein Feierabendbierchen“, erinnert sich Yvonne.

Bei der Eheschließung am Montag wurde die Lebenspartnerschaft formell umgewandelt. Gerne hätten sie wieder am 11. Oktober geheiratet, so wie schon im Landratsamt, aber an dem Tag macht das Göppinger Rathaus einen Ausflug. „Deswegen ist es jetzt der 9. Oktober geworden“, erklärt Yvonne.

Eine zweite große Party wollten beide nicht. Stattdessen haben sie dieses Mal die Verwandten eingeladen. Es sollte ein kleines Fest im Garten geben, mit Leberkäs und Kartoffelsalat, Kaffee und Kuchen. Eine Sache ist Yvonne dann aber bei aller Schlichtheit doch wichtig: Die Torte bekommt dieses Mal Figürchen – und zwar Frau und Frau – wie im echten Leben. „Beim letzten Mal 2001 waren nämlich Mann und Frau drauf, das muss jetzt schon richtig sein“, lacht sie.

Im Video-Interview sprechen sie über Vorurteile gegenüber Lesben und was sie von der Kirche erwarten:

Mit dem Bundestagsbeschluss vom 30. Juni wurde der Weg zur gleichgeschlechtlichen Ehe geebnet. Das Gesetz trat am 1. Oktober in Kraft und wurde mit einer großen Mehrheit beschlossen. Nach einer emotionalen Debatte hob Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fraktionszwang auf, weil die Entscheidung eine reine Gewissensfrage sei. Abgeordnete konnten damit unabhängig von den jeweiligen Parteilinien abstimmen, denn oft waren die Meinungen in den einzelnen Parteien gespalten und man kam auf keinen gemeinsamen Nenner.

Schwulen und lesbischen Paaren blieb es bisher verwehrt, gemeinsam ein nicht-leibliches Kind zu adoptieren. Gerade hier greift die neue Gesetzesänderung. Dank der Gleichstellung fallen die rechtlichen Hürden und eine Adoption wird von staatlicher Seite nun nach den gleichen Maßstäben wie bei den zuvor gängigen Eheleuten behandelt. (max)

Noch gibt es keinen Ansturm auf die Standesämter im Landkreis. In Salach, Eislingen, Donzdorf liegen keine Anmeldungen für eine gleichgeschlechtliche Eheschließung vor. In Geislingen fand bisher noch keine Trauung statt, ob Anmeldungen vorliegen, ist noch offen. Je einen Antrag zur Umwandlung einer Lebenspartnerschaft in eine Ehe verzeichnen Uhingen und Rechberghausen. In der Hochzeitsgemeinde läuten am Wochenende erstmals für ein gleichgeschlechtliches Paar die Hochzeitsglocken. In Göppingen wurden bisher zwei  gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen. (max)

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