Erntezeit im Wald

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Die bereits gefällten Stämme werden vermessen und die Ergebnisse akribisch notiert.

Gerade bei eisiger Kälte wird es im Wald zum Teil richtig laut. Der Grund: Im Winter stehen Baumfällarbeiten an. Die Stämme werden danach gestapelt und verkauft. Sabine Ackermann hat sich das Geschehen rund um die Baumernte einmal näher betrachtet.

Jogger drehen im Wald zügig ihre Runden, Nordic-Walking-Gruppen marschieren flotten Schrittes mit ihren Stöcken auf den Wegen und Kinder sammeln für die nächste Bastelstunde Zapfen oder kleine Wurzeln. Der Wald gilt gerade bei wärmerem Wetter als ideales Naherholungsgebiet. Aber was passiert in der kalten Jahreszeit, wenn Spaziergänger und Freizeitsportler lieber im Warmen sind? Und was macht dann der Förster? "Gerade von Oktober bis März haben wir am meisten zu tun, viel mehr als im Sommer. Dann ist die beste Zeit für den Holzeinschlag. Auch deshalb, weil der Lebenssaft der Bäume auf dem tiefsten Stand des Jahres steht", verrät Revierförster Martin Gerspacher und fügt hinzu: "Je kälter und vor allem je trockener, umso besser. Gerade die zweistelligen Minusgrade der letzten Wochen waren für uns optimale Bedingungen."

Mit Grausen erinnert sich der 56-Jährige ans vergangene Jahr, als die Arbeit aufgrund schlammiger Böden erschwert wurde. Und weil es ja auch Nutzwald heißt, nutzten die Waldarbeiter die letzten Wintertage zur Baumernte aus. Flächenlos? Brennholzpolter? Was es damit auf sich hat, will ich wissen und begleite das Forstteam.

Der Tag beginnt zeitig. Punkt 7.30 Uhr ist Dienstbesprechung, ausnahmsweise nicht im Bauhof sondern am Forststützpunkt Bad Boll. So fahre ich zum ersten Mal ganz legal den schneebedeckten Schotterweg am Ortsende von Eckwälden zur Speller Ebene hoch. Es ist steil und kurvig.

Acht junge Männer sitzen am Tisch, die derzeit zum Forstwirt ausgebildet werden. Es ist Rosenmontag und einem jungen Mann steht das strapaziöse Wochenende noch förmlich ins Gesicht geschrieben. Dennoch, da muss er jetzt durch, die Kälte "minus 8 Grad" wirds schon richten. In Absprache mit Vorarbeiter Gregor Mauch und Ausbildungsmeister Rolf Wahl verteilt der Chef die jeweiligen Aufgaben in verschiedenen Einsatzgebieten: "Zwei, drei Mann gehen zum oberen Riesweg und machen das Brennholz der Gemeinde fertig."

Steht im Mitteilungsblatt die Ankündigung einer Versteigerung, informieren sich die meisten Kunden im Vorfeld über die Ware. Aufgeteilt sind die einzelnen Gebiete in Gemeindewald (Boll 265 Hektar, Gruibingen 300 Hektar), Staatswald (260 Hektar) und Privatwald (840 Hektar). Bei uns greift das Real-Erbteilungsgebiet, das heißt, die rund 840 Hektar Wald teilen sich 1000 Eigentümer in rund 2500 Parzellen auf. "Im Schwarzwald ist es umgekehrt, da hat ein Hof 50 Hektar Wald - fertig. Die unzähligen privaten Miniwälder sind für uns Förster sehr arbeitsintensiv", sagt Martin Gerspacher, der heute auch einem Privatmann sein kürzlich ererbtes Waldstück zeigt und markiert.

Der Chef nimmt mich in seinem grünen Kombi mit, in dem sich bereits der halbe Wald befindet. Putzen? Lohnt nicht wirklich. Schnee weg - Schlamm da. Doch heute ist es stellenweise noch spiegelglatt. An einem steilen Feldweg schafft nicht mal der routinierte Geländefahrer den Aufstieg. Geht nicht gibts nicht. Mittels eleganter Drehung bringt er das Fahrzeug in Position, nimmt auf der Geraden Schwung und wir erklimmen rückwärts den steilen Feldweg. Gratis-Action am Boller Hang. Oben warten schon die zwei Azubis mit der Ausrüstung. Einer mit Motorsäge und Helm, der andere mit einem riesigen Gürtel um die Taille, an dem allerlei Utensilien hängen.

Als ich erfahre, dass heute keine Bäume gefällt werden, bin ich ein wenig enttäuscht. Zu gern hätte ich die Riesen fallen sehen. "Haben wir alles schon erledigt, heute wird nur vermessen", erklärt mir der Revierförster, der 2013 dann insgesamt 30 Jahre lang sein Gebiet betreut.

Trotz guten Schuhwerks schlittere ich dem vorauseilenden Trio hinterher. Rutschig eben! Und kalt! Schon von weitem sehe ich die Baumstämme, die dank Achim Molls Rückeschlepper horizontal am Wegesrand liegen. Der Gruibinger Unternehmer mit dem starken "Greifarm" wird regelmäßig gebucht und stapelt fürs Forstamt quasi im Akkord die Stämme.

Auch er hat mit der Glätte zu kämpfen und deshalb wenigstens einem Rad eine dicke Schneekette verpasst. Die Dinger seien sauschwer zu montieren, rechtfertigt er mit einem Lächeln das Ungleichgewicht. Egal, es reicht, der Schlepper bleibt standhaft. Während die Stämme durch die Lüfte schweben, erzählt mir der Revierförster, dass es wenig Sinn ergebe, einen Wald besenrein zu machen. "Holz und Äste verrotten zu Humus und zudem gibt es seit 2010 ein so genanntes Alt- und Totholzkonzept." Waren früher alte oder kranke Bäume nichts wert, gilt es heute als unsinnig diese umzusägen, da sie vielen Insekten, Bienen, Vögeln und anderen Kleintieren als Behausung dienen.

Weiter gehts. Ich lerne, dass ein Flächenlos zu dem Holz zählt, das quasi unordentlich im Wald liegen bleibt und Brennholzpolter die aufeinander gestapelten Stämme am Wegesrand sind. "Ungefähr 80 Prozent davon ist Buche, meist mit einem Durchmesser zwischen 20 und 40 Zentimetern, der Rest Eiche, Esche oder Ahorn." Rund 200 Kunden nehmen jährlich um die 3500 Festmeter Brennholz ab. Viermal im Jahr, je zweimal in Bad Boll und Gruibingen, wird versteigert. "Eine Versteigerung steht noch aus, aber hochgerechnet kommen da schon 40 000 Euro für beide Gemeinden zusammen," weiß Martin Gerspacher.

Im ganzen Landkreis gibt es insgesamt 14 Forstreviere. "Leider herrscht bei den Kommunen gerade Einstellungsstopp für Forstwirt-Azubis. Doch die Jugendlichen wissen bereits, dass sie nicht übernommen werden", bedauert der Revierförster. Dominik Fischer aus Kornwestheim ist im dritten Lehrjahr und pendelt täglich bis zu einer Stunde nach Bad Boll. Während der 23-Jährige heute fürs Messen zuständig ist, arbeitet sein zwei Jahre jüngerer Kollege Claudius Roth aus Unterfranken mit der Kettensäge. Wie Butter gleitet das Sägeblatt durch die Rundungen, wobei das durchdringende Geräusch dazu gar nicht passen will.

Mittlerweile ist mir noch kälter, immer wieder fängt es an zu schneien und meine Finger sind irgendwie gefühllos. "8,50 lang und 35 Durchmesser, 8 Stück gleich 9,63 Festmeter", wiederholt und rechnet Martin Gerspacher. Sprühen - rechnen - schreiben: Chefsache. Im schrillen Pinkrot sprüht er "7004" sowie verschiedene Zahlen auf die Stammenden. 7 gleich Revier, also Bad Boll. 0 steht für Staatswald und 04 ist die Holzlisten-Nummer.

Dann werden noch die Stückzahl sowie die errechneten Festmeter vermerkt. Alle Informationen, die sein Azubi mit dem Rollmessband und der Kluppe (ermittelt den Durchmesser von Rundholz) ansagt, tippt der Förster in seinen "Handcomputer" und kann somit gleich die Festmeter (jeweils ein 0,7 Meter breiter, lang und hoch aufgerichteter Stapel) ausrechnen.

Ein Hoch auf die Technik. Ein Raummeter luftgetrocknetes Holz (jeweils 1 Meter) ersetzt zirka 210 Liter Heizöl. Zudem wird beim Verbrennen von Holz nur soviel Kohlendioxid frei, wie der Baum zuvor gespeichert hat. Vor allem Buchen- und Eichenholz hat einen Brennwert von 4,3 Kilowattstunden pro Kilogramm.

Obwohl ich heute nur einen Bruchteil vom Wirken eines Försters miterlebt habe, weiß ich nun, dass er als kompetenter Manager für das komplexe Ökosystem Wald fungiert und die Arbeit hart ist, aber auch spannend-schön. Auf jeden Fall nichts für Weicheier ist.

So muss er zum einen in seinem Revier als Kaufmann und Holzverkäufer auftreten und zum anderen über Mathematik, Biologie, Zoologie, Botanik, Vermessungswesen, Forstrecht und EDV Bescheid wissen. Außerdem hat Martin Gerspacher zum Beispiel bei Umweltsündern oder Baumdieben die Aufgabe eines Hilfsbeamten der Staatsanwaltschaft.

Mit Erholungssuchenden im Wald wird es dann schwierig, wenn diese in bestimmten Situationen unvorsichtig sind. "Wenn wir im Hieb arbeiten und in unter zehn Sekunden ein Baum fällt, ist es schon wichtig, dass die Leute nicht kreuz und quer herumlaufen", sagt Gerspacher und berichtet, wie es früher gehandhabt wurde: "Vor der Verabschiedung des Landeswaldgesetzes 1976, durfte man sich eine Stunde vor Sonnenaufgang sowie eine Stunde nach Sonnenuntergang nicht mehr im Wald aufhalten. Von wegen Vollmond-Walking oder Geo-Caching, alles gestrichen. Heute wird das lockerer gesehen, aber Regeln und Verbote gibt es natürlich noch immer jede Menge."

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