Elitetrupps für die harten Fälle (8)

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Die Bilder aus Winnenden verschwinden nicht aus dem Kopf, sagt der langjährige SEK-Beamte, der mittlerweile in der Führungsgruppe tätig ist, leise. „Aber sie belasten mich nicht. Man lernt in der Ausbildung, mit Stress umzugehen, und verarbeitet das. “ Beim Amoklauf in dieser kleinen Stadt hatte am Vormittag des 11. März 2009 ein 17-Jähriger ein Blutbad angerichtet: Er tötete 15 Menschen und anschließend sich selbst. Der heute 45-jährige Beamte war damals verantwortlich für eine Einsatzgruppe, die alle miteinander diese schrecklichen Bilder mit nach Hause nahmen.

Wie schafft man das, tagtäglich mit solchen Situationen umzugehen? Was macht den Reiz aus, sich beim Spezialeinsatzkommando der Polizei zu bewerben? „Für mich war schnell klar: Ich will einmal zum SEK“, sagt der großgewachsene Mann. Zu dieser „handverlesenen Gruppe“ zu gehören, da könne man schon stolz sein, fügt er hinzu. Der Druck in der Ausbildung sei zwar enorm, und man wisse nie, ob man diese harten Monate durchziehen kann. Doch die Herausforderung, bei schwierigen Einsätzen dabei zu sein, habe ihn gereizt. „Man fiebert der ersten Lage entgegen, wenn man tatsächlich einem Gewalttäter gegenüber steht“, erinnert sich der erfahrene Beamte. „Und man erlebt im Team eine Kameradschaft und Verbundenheit, die man nicht auf jeder Dienststelle hat.“

Der Mann will unerkannt bleiben. Wer beim SEK oder MEK arbeitet, ist inkognito unterwegs. Nur das persönliche Umfeld weiß, welchem Job er nachgeht ­ – auch wenn der 45-Jährige dem „Agentengetue à la Schwarzenegger“ nichts abgewinnen kann. Dennoch: Die Spezialkräfte der Polizei tauchen nirgends mit Namen auf, sie haben Kennziffern, um den Identitätsschutz zu wahren. „Die Nummer 007 ist allerdings nicht vergeben“, fügt Klaus Danner schmunzelnd hinzu.

Der Chef der Direktion Spezialeinheiten beim Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen sieht seine Aufgabe als „herausfordernd, spannend, aber auch verantwortungsvoll“ an. Seine „100 Prozent motivierten Mitarbeiter“ sind die Kräfte für die harten Fälle: Sie rücken aus, wenn es um Rauschgifthandel, Terror, Amokdrohungen, Rockerkriminalität, Waffenhandel, Geiselnahmen, Entführungen sowie Durchsuchungen und Festnahmen bewaffneter Täter geht. Die Erfahrung sei dabei das A und O: „Wir können Vieles üben, aber das Salz in der Suppe ist der operative Einsatz.“ Wenn die SEK-Beamten beispielsweise eine Wohnung stürmen und erst dann feststellen, dass ein Kind dabei ist, müssen sie in Sekundenbruchteilen anders entscheiden, als sie es sich vorher – ohne diese Information – zurechtgelegt hatten. „Wir können viel, aber wir können nicht durch Wände schauen“, verdeutlicht der Chef der Spezialeinheiten. „Es kommt daher auf geistige Flexibilität an.“ SEK-Beamte seien eben keine Rambos oder harten Kerle. Klaus Danner zeigt auf seine beiden Oberarme und anschließend auf seinen Kopf: „Wenn ich da 100 Volt und da 100 Volt habe und dort brennt die Birne nicht – das brauchen wir nicht.“

Der Job verlangt den Polizisten der Spezialeinheiten viel ab. Der Druck ist enorm – schon allein wegen des Einsatzgeschehens. Klaus Danner formuliert es so: „Wenn jemand aus einer Wohnung schießt oder mit einem Messer in der Hand durchdreht, gehen die Kollegen natürlich besonders umsichtig vor.“ Regelmäßiges Training und Fortbildungen seien unabdingbar, aber oft gar nicht so einfach: Mit der Zahl der Einsätze stünden die Spezialeinheiten oft an der Grenze der Belastbarkeit, das Personal sei auf Kante genäht – „das sehe ich mit Sorge“, sagt Danner. Zudem sei es ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel: SEK und MEK müssen Schritt halten mit der Professionalität der Schwerverbrecher. „Wir sind daher auch mehr denn je auf die bestmögliche Technik angewiesen“, unterstreicht der Direktionsleiter. In Entwicklung und Forschung müsse daher ordentlich Geld investiert werden, um mit den Tätern nicht nur mithalten zu können, sondern ihnen sogar eine Nasenlänge voraus zu sein.

Druck und Stress entstehen natürlich auch, weil das SEK bei jedem Einsatz mit Toten und Verletzten rechnen muss – auch wenn das oberste Ziel ist, den Täter dingfest zu machen, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Die Täter griffen heute schneller zur Waffe, „die Aggressionen gegenüber Polizeibeamten haben sich verschärft“, sagt Danner. Der langjährige SEK-Beamte nickt: „Die Gewalt nimmt zu. Da wird aus heiterem Himmel zugestochen.“ Belastend empfinden in der Rückschau frühere SEK-Beamte auch das unplanbare Privatleben durch die Rufbereitschaft: Jederzeit kann nachts das Handy klingeln oder eine Geburtstagsparty mit Schutzausrüstung am Einsatzort enden. „Bis zur Pensionierung kann daher kaum einer dieses Geschäft machen“, räumen Klaus Danner und der langjährige SEK-Beamte ein. Nach ihrer Zeit bei den Spezialeinheiten werden die Polizeibeamten in anderen Bereichen eingesetzt.

An das Ende denken die neun jungen Kollegen der Ausbildungsgruppe noch nicht. Die künftigen SEK-Beamten absolvieren an diesem Tag ihre Abschlussprüfung. Das stillgelegte Heizkraftwerk auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen wird momentan zum Trainingszentrum für die Spezialeinheiten umgebaut. Katzengleich klettern die sportlichen jungen Männer den 32 Meter hohen Turm hoch und seilen sich aus dieser Schwindel erregenden Höhe wieder ab. Eine ausrangierte Hubschrauberkufe simuliert einen fliegenden Helikopter, aus dem die schwarzen Männer geräuschlos zu Boden gleiten. In Teamarbeit erklimmen die künftigen SEK-Beamten jede Hürde, hangeln sich an Seilen entlang, überwinden Häuserfassaden. Noch etwas außer Atem erklärt einer der jungen SEK-Anwärter, dass ein Lehrer die Begeisterung für das Spezialeinsatzkommando bei ihm geweckt hat. „Das Aufgabengebiet interessiert mich“, sagt der Mann, der sich beim Kampfsporttraining am Vortag ein blaues Auge geholt hat. Ein Vorgeschmack auf das Leben als SEK-Beamter.


Ausbildung: Nur ein Bruchteil des Personals bei der Polizei im Land arbeitet bei der Direktion Spezialeinheiten, die beim Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen angesiedelt ist. Nach einem aufwändigen Auswahlverfahren durchlaufen die künftigen Spezialkräfte eine sechsmonatige Ausbildung für den Einsatz beim Spezialeinsatzkommando (SEK), sieben Monate sind es für das Mobile Einsatzkommando (MEK). Die Polizisten für die besonderen Fälle müssen körperlich absolut fit sein, mit der Schusswaffe extrem gut umgehen und sehr sicher Auto fahren können. Zudem gehören geistige Flexibilität und Teamgeist zu den Voraussetzungen, betont Klaus Danner, Chef der Direktion Spezialeinheiten.

Statistik: In den vergangenen 40 Jahren hatte das Spezialeinsatzkommando rund 7500 Einsätze. Dabei musste es nur sechs Mal in Notwehrlagen von der Schusswaffe Gebrauch machen. Es gab dabei vier Verletzte und zwei Tote.

SEK UND MEK: Während das MEK verdeckt und in zivil unterwegs ist und Zielpersonen observiert und damit die Kripo und das LKA bei ihren Ermittlungen (hauptsächlich in Sachen Rauschgift- und Waffenhandel, Terrorismus und professionelle Einbrecherbanden) unterstützt, sind die Polizisten des SEK insbesondere für Terrorismusbekämpfung, Geiselbefreiung und Zugriffe ausgebildet. Sie kommen bei besonderen Gefährdungslagen sowohl präventiv als auch operativ zum Einsatz. Es gibt ein SEK in Göppingen und vier MEKs in Freiburg, Göppingen, Karls­ruhe und Stuttgart. Alle gehören zur Direktion Spezialeinheiten mit Sitz in Göppingen, zu dem auch das Technikzentrum Spezialeinheiten zählt.

Personenschutz: Der Personenschutz gehört ebenfalls zur Direktion Spezialeinheiten. Derzeit werden vier besonders gefährdete Personen der Landesregierung und der Justiz im Land geschützt. Die Personenschützer werden geschult, potenzielle Attentäter oder Psychopathen frühzeitig zu erkennen. Sie müssen wie das SEK und MEK sportlich fit sein und mit der Schusswaffe sehr sicher umgehen können.

Stellenwert: Das SEK Baden-Württemberg gehört neben der GSG 9 der Bundespolizei als einziges SEK Deutschlands dem Atlas-Verbund europäischer Polizei-Spezialeinheiten an und hat national und international einen hohen Stellenwert. Bereits dreimal konnte das Göppinger SEK den wichtigsten internationalen Vergleichswettkampf von Spezialeinheiten, die Combat Team Conference (CTC), gewinnen.

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