Eine Mutter verzeiht dem Mörder ihres Sohnes

Tim, der 23-jährige Sohn von Dianne B. Collard, wurde 1992 erschossen. Die US-Amerikanerin hat keine Rache geschworen, sondern dem Mörder verziehen. In Briefen ins Gefängnis.

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Dianne B. Collard  Foto: 

Mrs. Collard, kann der Glaube Berge versetzen? Ihrer - so scheint es mir - schon.?

DIANNE B. COLLARD: Vielen Dank, aber ich würde es anders ausdrücken. Es ist nicht mein Glaube, der die Berge bewegt, sondern es ist eher das Objekt meines Glaubens - Gott - das auf überfließende Weise mehr tun kann als wir bitten oder denken könnten. Es stört mich immer, wenn Menschen annehmen, ich hätte einen außergewöhnlichen Glauben oder Charakter, weil ich weiß, dass Gott alle Ehre gebührt.

Macht Sie stark, was andere zerstört?

COLLARD: Ich glaube, dass Gehorsam gegenüber Gottes Geboten und in seiner Kraft zu leben mich befähigt, sowohl geistlich als auch emotional zu wachsen. Dadurch, dass ich erfahren habe, Gott ist es möglich, mich in einer schwierigen Lebenserfahrung zu stärken, ist es mir möglich, ihm noch mehr zu vertrauen.

Dann passiert Unvorstellbares: Ihr ältester Sohn Tim, 23 Jahre alt, wird ermordet. Aber dieser Schicksalsschlag haut Sie nicht um. Sie verzeihen tatsächlich dem Mörder?

COLLARD: Vor Tims Tod hätte ich nicht gedacht, dass ich solch einen schrecklichen Verlust überleben könnte. Als es geschah wusste ich, dass ich keine Kraft zum Überleben hatte, noch viel weniger, wieder aufzublühen. Ich wusste nur Eines: Ohne Gottes wirksame Kraft, wäre ich zerstört. Der einzige Weg, diese Kraft zu erhalten, war vollkommenes Vertrauen und Gehorsam seinem Wort gegenüber. Sein Wort verlangt deutlich, dass ich Tims Mörder vergeben musste, genauso wie Gott durch Jesus mir vergeben hat. Ich musste das ernst nehmen - oder meine einzige Quelle der Hoffnung aufgeben. Ich würde nicht sagen, dass ich dem Mörder im rechtlichen Sinne verziehen habe. Ich habe nicht erklärt, dass das, was er getan hatte, in Ordnung war oder dass er keine Strafe verdient hätte. Was ich getan habe ist, ihm zu vergeben. Meine Wahl, zu vergeben, bedeutete, dass ich meinen Wunsch nach Rache aufgab.

Ehrlich Mrs. Collard, haben Sie nicht eine Sekunde an ihrem Glauben, an Gott gezweifelt?

COLLARD: Es wurden sicherlich ernste Fragen aufgeworfen, als Tim getötet wurde. Die erste war: Ist Gott wirklich gut, wenn er so etwas erlaubt? Das war weniger ein Zweifel für mich als nur eine Frage. Gott hat mich geduldig seiner Güte und Liebe versichert. Tatsächlich steht auf Tims Grabstein: "Das Leben ist nicht fair, aber Gott ist gut."

Und Sie haben keinen Hass verspürt?

COLLARD: Natürlich haben wir Hass gefühlt. Insbesondere Glenn, mein Mann musste mit einer großen Wut fertig werden. Mein Gefühl war eher Verzweiflung. Was mit Tim geschah, war falsch. Gott nennt es Sünde. Viele Jahre lang konnte ich nicht einmal den Namen des Mörders erwähnen - er war zu einem "Monster" geworden, das unsere Familie verletzt hatte. Aber als ich mich entschied, Gottes Gebot der Vergebung zu gehorchen, entfernte Gott den Hass und ersetzte ihn durch Mitgefühl und sogar Liebe.

Warum musste Tim sterben?

COLLARD: Tim musste nicht sterben. Tim starb, weil ein wütender Mann im Besitz einer Schusswaffe war und damit eine schreckliche Tat beging. Wir leben in einer sündigen, gefallenen Welt und schreckliche Dinge geschehen. Gott hat sich nicht entschieden, uns zu sagen, warum Tim starb. Er bat uns, diese Frage ihm zu überlassen und seiner Hoheit und Güte zu vertrauen. Er stellte mir eine andere Frage: "Was kann Gott mit dieser schrecklichen Situation tun, um sich Ehre zu verschaffen und den Menschen Hoffnung zu geben?" Diese Frage beherrscht mein Leben.

Was war das für ein Gefühl, als Sie zum ersten Mal dem Mörder ihres Sohnes begegnet sind?

COLLARD: Wegen der Gefängnisregeln ist es uns als Tims Eltern nicht gestattet, den Mörder zu besuchen. Deshalb bin ich ihm noch nicht begegnet. Meine Verbindung zu ihm bestand immer in Briefwechseln. Sicherlich werden wir uns eines Tages treffen, wenn er aus dem Gefängnis entlassen wird.

Verzeihen - heißt das, der Verstand ignoriert, was das Herz empfindet? Sie ignorieren ihren Hass?

COLLARD: Vergebung ist kein Gefühl. Es ist eine Willensentscheidung. Wir haben unsere Gefühle nicht verneint oder ignoriert, sondern uns entschieden, mit Gottes Hilfe zu vergeben. Es ist eine Entscheidung zwischen mir und Gott. Ich fand das heraus, als ich den zweiten Schritt des "Segnens" gegenüber dem Verbrecher machte, indem ich - so wie ich dies nenne - "handelte und vergab". Da begannen sich meine Gefühle zu ändern. Ich kann ehrlich sagen, dass ich heute keinen Hass oder Bitterkeit gegenüber dem Mann empfinde, der unseren Sohn getötet hat. Das bedeutet nicht, dass ich nicht betrübt bin, noch entschuldige ich, was er getan hat.

Kann man verzeihen und dennoch Hass empfinden?

COLLARD: Vergeben ist oft kein einmaliges Ereignis. Es ist eine Folge von Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen. Als ich mich entschied, zu vergeben und außerdem Gott zu gehorchen, indem ich den Verbrecher segnete, begann ich, für den Mann namentlich zu beten. Als das geschah, habe ich nicht mehr an ihn als Mörder oder Monster gedacht, sondern jetzt war er ein Mensch, der im Bilde Gottes geschaffen war und von Gott geliebt wurde. Ich begann diesen Mann zu sehen, so wie ihn Gott sieht - als eine Person, die er liebte und die doch Jesus persönlich kennen lernen musste. Ich konnte keine Person hassen, wenn sie so gesehen wird, wie sie Gott sieht.

Verzeihen zu können, wie hat das ihr Leben verändert?

COLLARD: Es hat mich drastisch verändert. Sie hat mich befreit von dem Geschwür der Verbitterung. Es war mir möglich, zu trauern und heil zu werden ohne Hindernisse.

Auch das Leben des Mörders? Leidet er unter seiner Schuld? Denn die bleibt auch wenn Sie ihm verziehen haben.

COLLARD: Der Mörder hat zugegeben, dass er schuldig ist und hat viele Jahre lang gefühlt, Unverzeihbares getan zu haben. Er glaubte nicht, dass er Vergebung verdiente - durch Gott oder uns. Heute kann ich sagen, dass der Mörder Gottes Vergebung durch Jesus Christus angenommen hat. Der Mörder betrachtet uns als "seine einzige Familie". Er bringt seine Liebe für uns zum Ausdruck und unterstützt meinen Dienst als Rednerin und Autorin. Er hat sogar ein Bibel-Pult für mich angefertigt, welches ich bei Vorträgen vor Gruppen in den USA verwende und er erzählt anderen über unsere Geschichte der Vergebung. Nur Gott kann so etwas vollbringen.

Sie leiten die christliche Organisation "Artists in Christian Testimony international" in Europa. Was ist das für eine Einrichtung?

COLLARD: "Künstler mit christlichem Bekenntnis" ist eine Dienst- und Missionsagentur mit Sitz in den USA durch die gläubige Künstler Gott mit ihren künstlerischen Begabungen dienen wollen. Wir haben Künstler aller Art in den USA und in der ganzen Welt, die rege ihren Glauben durch ihre Kunst weitergeben. Ich bin die Europadirektorin - nicht die Leiterin der Organisation.

Und Sie und ihr Mann Glenn bilden Missionare aus und kümmern sich um Wohnsitzlose, ehemalige Drogenabhängige und Strafgefangene?

COLLARD: Ich war eine interkulturelle Ausbilderin seit 1990 und habe das Privileg gehabt, Hunderte von Missionaren auf ihren weltweiten Dienst vorzubereiten. Wenn wir zu Hause in Charlotte sind, leiten wir eine kleine Innenstadtkirche, die sich bemüht, den "Vergessenen" zu dienen. Das können Ex-Gefangene, frühere Drogenabhängige sein. Oder es sind Flüchtlinge oder andere Menschen in Not.

Gott hat den Menschen die Liebe gegeben. Auch den Hass? Warum soll der Mensch nicht auch den Hass ausleben? Reinigt Hass die Seele?

COLLARD: Ich glaube nicht, dass Gott Hass gab, so wie er sich in menschlichen Beziehungen abzeichnet. Das Einzige, von dem Gott wollte, dass ich es hasse, sind die Sünde oder ungöttliches Verhalten. Hass ist das Ergebnis der sündigen Natur, die die ganze Menschheit beeinträchtigt. Hass reinigt nicht - nur Gottes Liebe kann dies tun.

Warum scheitern Menschen an Schicksalsschlägen, wo doch dieselben andere erst stark machen?

COLLARD: Alles, was ich sagen kann, ist, dass aufgrund meiner Erfahrung Gott mir die nötige Kraft gab, um Heilung von diesem tiefen Kummer zu erfahren, und die Fähigkeit zu vergeben und das Verlangen, ihm zu dienen. Ohne ihn würde ich auf jeden Fall zusammenbrechen.

Sie haben angefangen, dem Mörder Briefe zu schreiben. Warum? Was haben Sie geschrieben und wie hat der Mörder ihres Sohnes darauf reagiert?

COLLARD: Das Briefeschreiben geschah einzig aus Gehorsam gegenüber Gottes Gebot, wo es heißt, "dass wir die segnen sollen, die uns verletzen". Das Wort Segnen bedeutet, "gut über oder zu der Person zu sprechen". Zu dieser Zeit konnte ich nicht gut über ihn sprechen. Aber ich konnte gut zu ihm sprechen. Ich konnte ihm von meiner Entscheidung erzählen, ihm zu vergeben und - noch wichtiger - ihm von Gottes angebotener Vergebung erzählen. So begann mein Briefschreiben. Zu Beginn war er schockiert und empfand, dass er meiner Vergebung nicht würdig war. Im Lauf der Jahre habe ich ihn in meinen Briefen immer mehr zu einem christlichen Lebenswandel ermutigt. Er benützt außerdem mein Buch, um im Gefängnis mit Mitgefangenen und Wärtern über die Kraft der Vergebung zu erzählen.

20 Jahre nach dem Tode von Tim haben Sie ein Buch über die Geschichte ihrer Reise zur Vergebung, wie Sie es nennen, geschrieben.

COLLARD: Ich will Gott ehren und anderen Menschen Hoffnung geben. Ein Teil der Antwort ist die öffentliche Bekanntmachung meiner Reise hin zur Heilung meines Kummers und zur Vergebung. Ich hatte keine Ahnung, dass Gott dieses Buch in vielen verschiedenen Ländern benützen würde. Ohne mein Zutun ist es inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und veröffentlicht worden. Etwa In den USA, Deutschland, Frankreich, Bulgarien, Pakistan, Ruanda und Äthiopien. Eines möchte ich noch richtigstellen. Meine Reise ist eine der Vergebung - keine Reise der Beilegung. Vergebung ist eine Entscheidung, die zwischen mir und Gott getroffen wird. Beilegung findet zwischen zwei Menschen statt. Sie erfordert Vergebung. Dies ist aber ein anderes Thema.

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