Eine Entscheidung über Leben und Tod

Organspende: Ein Thema, über das jeder einmal in seinem Leben nachdenken sollte. Die SMV des Göppinger Werner-Heisenberg-Gymnasiums bemühte sich mit einer Podiumsdiskussion um Aufklärung.

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Viel Für und wenig Wider wurde bei der Podiumsdiskussion am Werner-Heisenberg-Gymnasium erörtert. Foto: Elke Berger

"Zwei Wochen gaben mir die Ärzte noch zu leben, als endlich das lang erwartete Spenderherz eintraf und mir mein Leben rettete", erzählte Andreas Schwenk, ehemaliger Schüler des Werner-Heisenberg-Gymnasiums, über seine Herztransplantation im Sommer 2008 und eröffnete damit die Podiumsdiskussion. Mit dem Aufruf "Organspende - Keine leichte Entscheidung" lud die SMV des WHG in die Aula ein. Fünf Experten hatten sich für die Runde verpflichten lassen: Ärzte, ein Pfarrer sowie Andreas Schwenk. Etwa 150 Zuhörer waren der Einladung gefolgt. Mit der SWR4-Redakteurin Kristin von Heyden bewies die SMV ein glückliches Händchen für eine Moderatorin, die äußerst kompetent durch die Diskussion führte.

Leider ist Organspende in Deutschland fast noch ein Tabuthema, nur sehr wenige besitzen einen Organspendeausweis. Viele Menschen werden erst durch den Tod eines nahen Angehörigen damit konfrontiert und stehen dann oft vor einem für sie fast unlösbaren Problem: der Entscheidung, Organe des geliebten Angehörigen für eine Transplantation freizugeben. Ein Gewissenskonflikt, den jeder seinen Liebsten ersparen kann, indem er oder sie schon zu Lebzeiten eine Entscheidung trifft.

Über diesen Punkt waren sich auch alle Akteure - ob Gegner oder Befürworter der Organspende - auf dem Podium einig: Egal, ob die betroffenen Patienten zuvor ein Nein oder ein Ja zur Organspende ausgesprochen haben, bleibt den Hinterbliebenen sowie den behandelnden Ärzten im Ernstfall vieles erspart. "Haben Sie nicht Angst vor den Intensivärzten, die sie zum Weiterleben zwingen, haben Sie Angst vor den Angehörigen", warnte Dr. Hans Roth, Leiter der internistischen Intensivstation der Klinik am Eichert, mit einem Augenzwinkern. "Diese widersprechen ständig gegen alles, auch gegen Verfügungen."

Dr. Nadja Komm, Transplantationsbeauftragte des Universitätsklinikums Heidelberg, sprach die Problematik an, dass der Hirntod - in Deutschland die erste Voraussetzung für eine Transplantation - nur recht selten eintrete. Von diesen Personen sei außerdem auch nur ein Teil geeignet für eine Organspende, sei es, dass Krankheiten oder eine Ablehnung dies verhindern.

Der Angst einiger Leute, ein Hirntod könne im Falle eines Unfalls vorschnell diagnostiziert werden, versuchte Dr. Roth entgegenzuwirken. Er erläuterte die ausführlichen Untersuchungen, die am Patienten vorgenommen werden, bevor eine Diagnose ausgesprochen wird. Trotzdem würden von den Kliniken nur etwa 40 Prozent der Hirntod-Fälle gemeldet, da sie diese aufwändigen Untersuchungen oft scheuten.

Kritiker der Runde war Dr. Paolo Bavastro, ehemaliger Chefarzt und Kardiologe in Stuttgart. Sein Problem, erklärte er, sei die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod. Bereits vor vielen Jahren bekam eine verunglückte Schwangere in einer Stuttgarter Klinik 84 Tage nach ihrem Hirntod ein gesundes Baby. Maschinen hielten ihren Organismus am Leben. Laut geltender Definition wäre die Mutter bereits tot gewesen und das Kind entstamme so eigentlich einem Leichnam, was absurd ist. "Deshalb widerspreche ich der Gleichsetzung des Hirntods mit Tod", bekräftigte Bavastro. "Das Sterben ist mit dem Hirntod nicht abgeschlossen." Er schlug eine Neudefinition des Vorgangs vor.

Mit Blick auf den Plan, in Deutschland die so genannte "Widerspruchsklausel" einzuführen, was bedeute, dass jeder, der nicht einer Organspende widerspreche, automatisch Spender sei, wünschte er sich bei der Aufklärung der Patienten auch eine kritische Stimme unter den vielen Befürwortern.

Dr. Günter Renz, Pfarrer und Studienleiter im Bereich Gesundheitspolitik und Medizinethik an der Evangelischen Akademie Bad Boll vertrat die Meinung der Kirchen, die 1990 in einer gemeinsamen Erklärung ihr OK für die Organtransplantation gegeben hatten, doch auch dort bestünden Bedenken gegen die Definition Hirntod gleich Tod. Außerdem warnte er vor Organhandel, der in einigen Ländern Osteuropas sowie außerhalb der EU immer noch praktiziert werde.

Die Diskussion schloss Schwenk mit einem Appell an die Menschen, nicht nur medizinisch, sondern auch emotional zu denken und die Möglichkeit zu nutzen, auch im Tod noch Leben zu retten. "Ohne solch einen Menschen würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich werde ihm für immer dankbar sein."

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