Ein Wall aus lauter Bäumen

In der kalten Jahreszeit wird der Wald ausgelichtet, auch an den Steilhängen neben der B 466 in Weißenstein und der Geislinger Steige. Immer wieder begeben sich Passanten und Autofahrer leichtsinnig in Gefahr.

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Ein riesiger Holzverhau schützt die Häuser in Weißenstein. Die gefährliche Arbeit am Steilhang ist nur etwas für Spezialisten. Foto: Giacinto Carlucci

Schon von Weitem sind sie zu erkennen: Wer das Lautertal hinauffährt, der sieht am Südhang unterhalb des Beutelfelsens auf halber Höhe über Weißenstein riesige Holzverhaue. Wie ein gewaltiger Zaun im Wald zieht sich der hölzerne Wall den Hang entlang, jeder Verhau besteht aus vielen aufgeschichteten Baumstämmen. So soll verhindert werden, dass Bäume oder Steine auf Häuser und Bundesstraße stürzen.

Die Männer im Wald haben noch viel vor: Insgesamt rund 3000 Festmeter Holz wollen sie bis etwa Ende März abgeholzt und wegtransportiert haben, berichtet der Leiter der Gräflich Rechbergschen Forstverwaltung, Wilhelm Holzapfel. Um die schwierige Aufgabe der Hangsicherung zu schultern, ist die Rechbergsche Zentralverwaltung mit der Stadt Lauterstein eine Kooperation eingegangen, die Stadt wurde Miteigentümer am Wald unterhalb des Eselswegs - dort, wo jetzt der Holzverhau ist. "So eine Kooperation gibt es landesweit noch nirgends", sagt Holzapfel.

Die gefährliche Arbeit am Steilhang ist nur etwas für Spezialisten. Eine Spezialfirma aus Bodman am Bodensee leitet die Aktion, auch Schweizer Experten sind beteiligt. Insgesamt sind ständig zehn bis fünfzehn Mann im Einsatz, sagt Holzapfel. Im 40-Meter-Abstand wurden Trassen senkrecht zum Hang angelegt. Hier kommt der Seilkran hin, sein Endmast steht auf dem Eselsweg. Wenn ein Gebiet fertig ausgelichtet ist, wird der Mast zur nächsten Trasse versetzt. "Am Mast hängt das Seil dran, das das Holz nach oben transportiert. Jeder Baum wird im Seil gefällt", erläutert Holzapfel. Damit es schneller geht, ist von der kommenden Woche an ein zweiter Seilkran im Einsatz.

Soviel Spezialgeräte und Experten gehen ins Geld: "Wir sind jetzt schon bei Kosten von 100 000 Euro und haben noch keinen einzigen Baum verkauft." Holzapfel schätzt den finanziellen Verlust der Aktion nach Abzug der Einnahmen durch den Holzverkauf auf eine Summe im unteren sechsstelligen Bereich.

"Die Bevölkerung steht eigentlich voll dahinter", hat Holzapfel registriert, wundert sich aber über so manche Zeitgenossen. Da gebe es Spaziergänger, die über den riesigen Holzverhau klettern - trotz Absperrungen und Warnschildern. Dann werde auf dem Eselsweg entlangspaziert und auf Nachfrage bekämen die Arbeiter zu hören: "Das haben wir nicht gewusst, dass es hier gefährlich ist." Holzapfel kann darüber nur den Kopf schütteln: "Die Leute ignorieren einfach die Absperrbänder, Jogger springen einfach darüber."

Auch an der Geislinger Steige wird ausgelichtet, allerdings in weit kleinerem Ausmaß - und immer in Nachtschichten. Grelles Scheinwerferlicht streift entlang der B 10 durchs Gehölz. Es bleiben knapp acht Stunden. Nacht für Nacht. Dann muss die B 10 zwischen Geislingen und Amstetten wieder befahrbar sein und aussehen, als sei nichts gewesen. Zwei Wochen hat die Gehölzpflege-Firma aus Altbach Zeit, den Bewuchs entlang des Steilhangs zu entfernen, den Waldrand zurückzudrängen, auf eine Distanz von mindestens zehn Metern von der Straße. Aus Gründen der Verkehrssicherheit. Die Stadt Geislingen und die Deutsche Bahn, beide Eigentümer verschieden großer Waldstücke, sahen sich gezwungen, dem wilden Bewuchs Einhalt zu gebieten. Wieder einmal.

Hier, zwischen Bahn und Bundesstraße, wird deutlich, wie schnell sich die Natur zurückholt, was man ihr nimmt. Vor sieben, acht Jahren erst, so schätzt Forstrevierleiter Gottfried Schön, waren die Gehölze zurückgeschnitten worden - und schon haben Ahorn, Esche und Buche wieder kräftig ausgetrieben. Mehrere Meter hoch. Diese Stocktriebe beweisen, dass die Wurzeln noch vital sind - ganz wichtig, hier am Steilhang, der allzu leicht ins Rutschen käme, gäbe es diesen Halt nicht mehr. Auf weniger stark befahrenen Strecken reicht während des Holzfällens meist eine einspurige Sperrung mit Ampelregelung aus. Auf der Geislinger Steige allerdings wäre dies viel zu riskant. Um den Verkehr aber nicht allzu sehr durch eine weite Umleitungsstrecke zu beeinträchtigen, darf nur nachts gearbeitet werden, zwischen 21 und 5 Uhr. Dann riegelt der städtische Bauhof die B 10 mit rot-weißen Barrieren ab. Für Autos sollte eigentlich kein Durchkommen möglich sein. Aber es gibt immer Uneinsichtige, die überall fahren, wos ein Schlupfloch gibt. Bis vor zur Arbeitsmaschine.

Ein sogenannter "Fäller-Bündler", ausgelegt auf Schwachholz, reckt seinen Greifarm in den Steilhang hinein, schnappt sich die Bäumchen und "pflückt" sie, als seiens riesige Blumen. Der Mann, der im erhöhten Führerstand jede Bewegung steuert, braucht Fingerspitzengefühl. Vor ihm streicht grelles Scheinwerferlicht über die Böschung, wenn sich die Maschine mit dem Greifarm dreht, um Gehölz in den bereitstehenden Häcksler zu stopfen. Augenblicklich verwandeln sich Äste und Stämme in Hackschnitzel, die ein Gebläserohr in einen Container hinüberspuckt.

Mehr als 300 Meter pro Nacht schaffen die paar wenigen Männer, die zur Bedienung der Maschinen notwendig sind, nicht. Insgesamt werden sie drei Hektar abräumen müssen, etwa 150 Festmeter Holz.

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