Ein rätselhafter Kaiser

|
   Foto: 

Vor 825 Jahren starb Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der zum nationalen Mythos und politischen Instrument werden sollte. Hinter den historischen Interpretationen bleibt die Person

des Rotbarts aber

weiterhin im Dunkeln.

Von Margit Haas

(Text) und

Giacinto Carlucci

(Foto)

Staufen-Movieplex-Kino,

Staufencenter - in der

Hohenstaufenstadt Göp-

pingen ist das Herrscher-

geschlecht präsent. Auch

einer seiner herausragenden Vertre-

ter, Kaiser Friedrich I. Barbarossa,

begegnet den Menschen in der

gleichnamigen Apotheke oder

Straße und natürlich in den

Barbarossa-Thermen. Diese

Namensnennung lässt aller-

dings auf einen gewissen Hu-

mor der Verantwortlichen

schließen. Schließlich war der

Kaiser am oder im Wasser ums

Leben gekommen. Was genau

am 10. Juni 1190 am Fluss

Saleph in der heutigen Türkei

passierte, lässt sich indes nicht

exakt rekonstruieren. Zu wider-

sprüchlich sind die Quellen.

Auch Professor Dr. Knut Görich

kommt nach einem intensiven Quellen-

studium zu keinem eindeutigen Schluss. Der Historiker gilt als ausgewiesener Kenner des Rotbarts. Ihn fasziniert das Mittelalter in seiner ganzen Fremdartigkeit, mit seinen "aus heutiger Sicht irrelevanten Zügen". Barbarossa, über den er eine viel beachtete Biografie geschrieben hat, beeindruckt ihn vor allem in der posthumen Karriere vom nüchtern kalkulierenden Realpolitiker zum Nationalmythos und der politischen Instrumentalisierung im 19. Jahrhundert. Die Erinnerung sei "in besonderem Ausmaß von den Sehnsüchten und Hoffnungen des nationalen Geschichtsbildes verzerrt". Unter den "vielen Übermalungen" die historische Gestalt des zwölften Jahrhunderts zu suchen, "ist besonders reizvoll". Die "historisch weitest reichende Entscheidung" sei gewesen, mit dem Normannenkönig Wilhelm II. Frieden zu schließen und dies - wie üblich - "durch ein Heiratsbündnis zu besiegeln". Freilich: Barbarossa konnte nicht ahnen, dass seine Schwiegertochter Konstanze, die sein Sohn und Nachfolger Heinrich VI. 1186 heiratete, schon drei Jahre später zur Erbin des Königreichs werden würde und so "das sizilische Königreich zu einem Teil des staufischen Imperiums wurde".

Im Gegensatz zum Todestag ist der Geburtstag Barbarossas nicht genau bekannt. Sein Taufpate war Otto von Cappenberg - und ihm verdanken wir auch die berühmteste Ansicht des Staufers. Diesen "Cappenberger Barbarossakopf" - eine Kopie ist in Hohenstaufen zu sehen - stellt Dr. Görich, auch Präsident der Gesellschaft für staufische Geschichte, neuerdings in Frage. "Derzeit würde ich Barbarossa, wenn ich ihn treffen könnte, deshalb am liebsten fragen, ob er ihn seinem Paten tatsächlich geschenkt hat". Versieht der Historiker dies mindestens mit

einem Fragezeichen, ist unstrittig,

dass sich die Staufer selbst nicht als Staufer bezeichneten, dass der Name erst im späten 15. Jahrhundert üblich wird. Überhaupt scheint auch Barbarossa die Stammburg nicht wichtig gewesen zu sein - das schmerzt gerade in Göppingen, wo die Staufer ja bis heute allgegenwärtig sind.

Über die ersten Lebensjahre Barbarossas ist nichts bekannt. Weshalb er seinem Onkel Konrad III. auf dem Thron folgt, dessen Sohn aber übergangen wird, auch dies lässt sich nicht mit letzter Sicherheit klären. Wie alle Herrscher des Mittelalters regierte auch Barbarossa "vom Sattel aus", so Dr. Görich. Der Mittelpunkt des Reiches befand sich also immer dort, wo sich der Hof, der Herrscher aufhielt. Auch für Göppingen sind Aufenthalte des Kaisers nachgewiesen. So stellte er 1154 im Mai "apud Geppingen" eine Urkunde aus. Der Hof war auch der Ort, wo dem Kaiser öffent-

lich Ehre erwiesen wurde. Ehre - sie scheint in weit höherem Maße Herrschaftswirken bestimmt zu haben, als bislang angenommen. Ehre, Ehrgefühl standen im Zentrum des adligen Ethos. Ehre dominierte die Herrschaftsverhältnisse und nahm hohen Einfluss auf die Handlungen des Kaisers, der sich kei-

neswegs freimachen konnte - und dies wohl auch nicht wollte - von herrschenden Ehrbegriffen.

Barbarossa war zweimal verheira- tet. Seine zweite Ehe mit Beatrix von Burgund ist von beinahe ebenso vielen Mythen überlagert wie der Kaiser. Die glanzvolle Hochzeit in Würzburg hat nicht zu- letzt Giovanni Batista Tiepolo wir- kungsvoll in Szene gesetzt. Beatrix war etwa 20 Jahre jünger als ihr Mann und brachte in knapp 30 Ehejahren mindestens elf Kinder zur Welt. Sie begleitete den Kaiser auf sei- nen ständigen Reisen. In einer Urkunde wird sie als "unsere Ge- liebteste, liebe Freundin und Ge- liebte, unsere immer Treue" be- zeichnet. Ob dies aber persönli- che Wertschätzung oder eine dem Rang geschuldete Formel war, bleibt offen. Den Tod ihres Ge- mahls erlebte sie nicht mehr.

Die einzige erhaltene Beschreibung des Kaisers entstand zu diesem Zeit- punkt. "Dieser berühmte Mann war von etwas mehr als mittelgroßer Statur, hatte rötlich-blondes Haupthaar und einen roten Bart, beides schon altersgrau meliert, markante Augenbrauen, brennende Augen, kurze und breite Wangen, breite Brust und Schultern; auch seine übrige Erscheinung war recht männlich." Dies überlieferte ein unbekannter deutscher Kreuzfahrer.

Unbekannt bleibt auch, wo die sterblichen Überreste des Kaisers geblieben sind. "Die Bestattung an verschiedenen Orten war seit den Ottonen die Regel", weiß Dr. Görich. In Tarsus wurde der Leichnam mit Salz eingerieben, die Eingeweide dort wohl beigesetzt. Einige Wochen später wurde der Körper in Stücke geschnitten, in Wasser und Essig so lange gekocht, bis sich das Fleisch von den Knochen löste. Es wurde dann in einem Sarkophag in der Peterskirche in Antiochia beigesetzt. Die Gebeine gelangten nach Syrien, gingen dann aber in den Kreuzzugswirren verloren. Ohne ein materielles Grab konnte die Legendenbildung einsetzen. "Die Erzählung vom Herrscher, der zwar gestorben, aber nicht tot ist, sondern im Berg schläft und auf seine Wiederkehr wartet, hätte sich nicht an Barbarossa knüpfen und die Phantasie späterer Jahrhunderte so sehr anregen können, dass ihm noch eine posthume Karriere als Nationalmythos beschieden war", resümiert Dr. Görich. Die Kyffhäuser-Sage, von Friedrich Rückert 1817 in Verse gefasst, hat nicht nur seine Zeitgenossen beflügelt. Der Preuße Wilhelm I. ließ dem Kaiser augenscheinlich ein Denkmal setzen, das nicht zuletzt seinen eigenen Machtanspruch inszenierte.

Info "Friedrich Barbarossa - Eine Biografie" von Dr. Knut Görich ist im Verlag C.H.Beck erschienen (ISBN: 978-3-406-59823-4).

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Architekt spricht von Affront

Der Planer der neuen Klinik am Eichert, Manfred Ehrle, kann sich nicht vorstellen, dass die Pläne zum Erhalt des Altbaus ernst gemeint sind. weiter lesen