Dominique Horwitz über Preis der Kunst und Kräuterkippen

Er ist Lebenskünstler und Genussmensch, ausgezeichneter Chansonnier und leidenschaftlicher Schauspieler, der auf der Bühne und vor der Kamera seine Berufung lebt: Dominique Horwitz spricht über den Umgang mit Kunst, Thüringer Klöße und lustlose Lehrer.

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    Er ist Lebenskünstler und Genussmensch, ausgezeichneter Chansonnier und leidenschaftlicher Schauspieler, der auf der Bühne und vor der Kamera seine Berufung lebt: Dominique Horwitz. Foto: 
  • Dominique Horwitz: "Wenn man nicht das große Bedürfnis hat, etwas auszudrücken, dann sollte man es bleiben lassen." 2/2
    Dominique Horwitz: "Wenn man nicht das große Bedürfnis hat, etwas auszudrücken, dann sollte man es bleiben lassen." Foto: 
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Im Stück "Rot" spielen Sie den Künstler Mark Rothko auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Dabei qualmen Sie eine Zigarette nach der anderen. Sind Sie Raucher?

DOMINIQUE HORWITZ: Nicht mehr. Ich hab früher drei Packungen am Tag geraucht, aber vor etwa acht Jahren mit Freuden aufgehört.

Es wirkt aber so, als gierten Sie nach jedem Zug. Im Unterschied zu vielen Ihrer Kollegen sieht man Ihnen den Nichtraucher nicht an.

HORWITZ: Da überkommt mich auch immer ein Unbehagen, wenn ich so etwas sehe. Das ist der Schauspielerberuf: Man macht es, oder man lässt es bleiben. Beim Rauchen gibt es keinen Mittelweg. Rothko war Kettenraucher.

Aber als Nichtraucher jeden Abend eine halbe Packung rauchen . . .

HORWITZ: Es sind keine Tabak-, sondern Kräuterzigaretten. Und so viele sind es auch nicht.

Was hat Sie denn an der Rolle des Mark Rothko gereizt?

HORWITZ: Auch wenn das vermessen klingt: Im Stück werden die Themen behandelt, mit denen ich mich seit Jahren intensiv beschäftige.

Zum Beispiel?

HORWITZ: Zum Beispiel die Bedingungslosigkeit, mit der man seinen Beruf ausübt, oder die Klarheit darüber, dass Leben und Kunst für den Künstler nicht zu trennen sind, die Frage, welchen Preis man bereit ist, für das Leben, das man führen will, zu zahlen.

Hierzulande ist Rothko nicht so bekannt wie etwa Jackson Pollock oder sein großes Vorbild Matisse. Aus Ihrer Sicht zu Unrecht?

HORWITZ: Absolut zu Unrecht. Mark Rothko ist für mich einer der größten Künstler, auch, weil sich bei ihm die philosophische Größe und Bedeutung von Kunst offenbart - nicht nur für den Maler, sondern auch für den Zuschauer. Er war ein großer Denker.

Kommen wir zu Ihrer Biographie: Sie sind als 14-Jähriger aus Paris ins geteilte Berlin gezogen. Ein Kulturschock für Sie?

HORWITZ: Es war nicht Paris, sondern ein kleines Nest bei Paris. Ja, ein Kulturschock, aber ein positiver. Was will man mehr als 14-Jähriger: ein Leben in der Großstadt, zudem die Stadt des Vier-Mächte-Abkommens - absolut aufregend! Dann geht man in den Dschungel und sieht alle diese berühmten Orte und Leute. In den 70ern ist in Berlin viel passiert: Alles, was Rang und Namen hatte in der Rockmusik, durfte ich sehen.

Also eine schöne Zeit für Sie?

HORWITZ: Für mich war das vermutlich die Rettung.

Inwiefern?

HORWITZ: Dadurch ist mein Leben so geworden, wie es heute ist.

Waren Sie denn zuvor in Frankreich so brav?

HORWITZ (überlegt): Das fiel mit der Pubertät zusammen und war für mich der notwendige Quantensprung. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht in Berlin gewesen wäre, wenn ich nicht das Französische Gymnasium besucht hätte, wenn ich nicht Christian Berkel als Schulfreund gehabt hätte, der mit mir Theater gemacht hat. Das war mein großes Glück.

Und war es kulinarisch ein Schock?

HORWITZ: Auf jeden Fall. Das Essen in Deutschland war schon harte Kost. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich esse wahnsinnig gerne, und wahnsinnig gerne gut. Aber das hat sich gottlob ins Gegenteil verkehrt. Deutschland ist für jeden Genießer ein Paradies geworden.

Sind Sie sicher? Sie haben mal gesagt, dass Thüringer Klöße wegen ihrer Schwere unter das Waffengesetz fallen müssten. Mit solchen Sätzen macht man sich in Ostdeutschland nicht nur Freunde. Was hat denn Ihre Frau dazu gesagt, die ja in Weimar ein Lokal betreibt?

HORWITZ: Als meine Frau und ich uns kennenlernten, war das meine Meinung. Zu Beginn mussten zum Braten immer für mich extra noch Kartoffeln serviert werden. Aber das hat sich gewandelt. Inzwischen liebe ich Thüringer Klöße, auch wenn sie schwer sind. Aber ich muss zugeben, dass mir einer reicht.

Sie haben ja einige Zeit am Zimmertheater in Tübingen gespielt und wissen, dass hier ebenfalls recht schwer und herzhaft gegessen wird. Mögen Sie die schwäbische Küche?

HORWITZ: Sehr. Nach der Göppinger Vorstellung von "Rot" wurde ein Teller mit Linsen, Spätzle mit Würsten zu viel gebracht, der an mir vorbei wieder zurück in die Küche gebracht wurde. Ich habe eine Minute lang mit mir gekämpft, weil ich weiß, dass ich schlecht schlafe, wenn ich so spät esse. Es war ein großer Kampf . . .

Und Sie haben ihn gewonnen . . .

HORWITZ: Die Vernunft hat ihn gewonnen. Doch, ich liebe die schwäbische Küche.

Mit was hat denn Ihre Frau Anna Sie kulinarisch verzaubert?

HORWITZ: Meine Frau braucht nicht zu kochen, um mich zu verzaubern.

Sie sind oft auf Tour und sehen Ihre Frau dann selten. Wie ist eine solche Partnerschaft über so viele Jahre lebbar? Nur mit viel Organisation?

HORWITZ: Ich habe das große Glück, eine großartige Frau gefunden zu haben, die mich nicht nur liebt, sondern auch noch immenses Verständnis dafür hat, was ich mache. Wenn ich unterwegs bin, besucht sie mich, so oft es geht.

Sie hat weiterhin Ihr Restaurant in Weimar?

HORWITZ: Ja. Natürlich muss dieses Leben sehr gut organisiert werden. Und es ist eine Meisterleistung meiner Frau, das gesamte Familienleben mit so wenig Präsenz meinerseits zu organisieren.

Können Sie sich noch an Ihre erste Fernsehrolle erinnern?

HORWITZ: Klar, das war "Eine Jugendliebe" von Radio Bremen. Damals beschloss ich, Schauspieler zu werden.

Warum? Hat es so Spaß gemacht?

HORWITZ: Es hat so Spaß gemacht - mehr jedenfalls als mein übriges Leben. Ich arbeitete damals als Verkäufer im KaDeWe in der Herrenartikel-Abteilung. Und plötzlich merkte ich, dass da etwas war, was für mich eine Perspektive bedeutete. Ich hatte zuvor schon gewusst, dass mir das Schauspiel liegt. Ich hatte ja viel Schultheater gemacht. Aber als Lebensperspektive war es eine neue und faszinierende Erfahrung.

Sie unternahmen auch ein Gastspiel als Kabarettist. Hat Ihnen das dann keinen Spaß mehr gemacht?

HORWITZ: Was mich ausmacht, ist, dass ich gerne Unterschiedliches mache. Die Kunstform des Kabaretts hat sich für mich erschöpft. Kabarett ist eine große Kunst, aber das ist, was es ist. Es gibt keine großen Überraschungen. Nehmen Sie jeden großen Kabarettisten. Der Zuschauer kauft eine Karte und weiß, was ihn erwartet - inhaltlich und stilistisch. Und das ist etwas, was ich nicht mag. Und das ist etwas, was ich als Macher nicht besonders schätze. Das heißt nicht, dass mich die Kunstform langweilt. Im Gegenteil.

Sie wollten also raus aus der Schublade . . .

HORWITZ: Ich will am liebsten gar nicht erst rein in eine Schublade und dafür mit vollem Risiko mein Berufsleben leben. Wenn jemand in das Stück "Rot" kommt, weiß er nicht, was ihn erwartet. Und wenn er das nächste Projekt sehen wird, wird das nichts mit dem jetzigen zu tun haben.

1992 haben Sie die Hauptrolle in Joseph Vilsmaiers Film "Stalingrad" gespielt und wurden danach auch international wahrgenommen. Haben sich da plötzlich Türen geöffnet? Hat sich Ihr Berufsleben verändert?

HORWITZ: Nein, mein Leben ist beruflich sehr stetig verlaufen. Ich rechne nie mit großen Veränderungen. Ich habe wichtige Rollen gespielt, die auch von anderen wahrgenommen wurden. Aber das hat nichts an meinem Weg geändert.

Dann haben Sie sich auch nicht durch die Medien korrumpieren lassen, für die man als Schauspieler vorher nicht exisitiert und die einen danach zum Gott erklären?

HORWITZ (lacht): Das mit der Existenz ist ein schöner Satz (überlegt lang). Meine Existenz lässt sich zurückverfolgen. Und ob es jemand wahrnimmt oder nicht, sagt nichts über mich aus. Ich bin jetzt so lange Schauspieler und hatte immense Glücksgefühle, habe Großes erleben dürfen zum Beispiel als junger Schauspieler in Tübingen, eine der großartigsten Zeiten meines Lebens. Und ob darüber hinaus Leute wissen, was ich gemacht habe, ist mir völlig gleichgültig. Man muss wissen, dass man diesen Beruf für sich macht. Es sei denn, man ist irgendein Affe, der gerne Kunststücke macht und dafür im Blitzlichtgewitter stehen will. Wenn man nicht das große Bedürfnis hat, etwas auszudrücken, dann sollte man es bleiben lassen.

Sie haben eben das Tübinger Zimmertheater angesprochen. Bedauern Sie es, dass viele kleine Theater inzwischen finanzielle Probleme haben?

HORWITZ: Ja, ich bedaure allgemein den Umgang mit Theater, mit Sprache, mit Kunst in unserer Gesellschaft. Man kann als Politiker heute öffentlich sagen, dass man ein Kunstbanause ist, und wird dafür unverständlicherweise nicht geteert und gefedert. Früher war das ein Muss, dass man ins Theater, in die Oper geht. Wir reden hier von Kultur. Ich finde es auch grausam, wie die Schulen damit umgehen. Welcher Lehrer hat noch Lust, mit seinen auch von ihm nicht erzogenen Schülern ins Theater zu gehen.

Das ist nicht überall so. In den städtischen Theateraufführungen in Göppingen sitzen meist viele Schüler.

HORWITZ: Ich war fassungslos, wie viele junge Gesichter dort zu sehen waren. Da ist Göppingen offenbar die rühmliche Ausnahme.

Sie sind Schauspieler ohne klassische Ausbildung geworden. Haben Kollegen oder Regisseure Sie das anfangs spüren lassen?

HORWITZ: Nein. Aber ich selber habe gemerkt, wie viel mir fehlt. Ich konnte jedoch meine Mängel im Lauf der Jahre ausmerzen - learning by doing.

Sie singen seit vielen Jahren Chansons, wurden für Ihre Brecht- und Brel-Interpretationen hoch gelobt. Hatten Sie anfangs Bammel vor den Reaktionen?

HORWITZ: Nein. Und das ist auch nicht Übermut oder Hochmut. Einfach nur Mut.

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