Die Türe oder der Blick dahinter

Man sieht nur, was man weiß: Getreu diesem Goethe-Zitat wollen wir Anhaltspunkte geben, was in einem Kunstwerk alles stecken kann. Heute: eine Arbeit von Dieter Göltenboth im Geislinger Alten Bau.

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Das Werk "Die Türe, Schrein" steht im Alten Bau an der Wand gegenüber des Galerie-Eingangs. Foto: Markus Sontheimer

Hochformatig, fast türhoch, wenig tief, etwas verwittert, geöffnet und dadurch sehr präsent: So zeigt sich die Assemblage, das Kastenbild "Die Türe, Schrein" aus dem Jahre 1969 des 2013 verstorbenen Künstlers Dieter Göltenboth in der aktuellen Ausstellung "Maître du désordre" in der Geislinger Galerie im Alten Bau. Die Arbeit scheint einzig und allein aus Materialien erstellt worden zu sein, die man gemeinhin zur Fertigung von Gebrauchs- und Funktionsgegenständen, etwa Möbeln, benötigt. Holz, das hier im Vordergrund stehende Material, ist seit jeher ein am Menschen hängender, natürlicher Baustoff, dessen Verarbeitung vieles von dem entstehen ließ, was an Zivilisation hängt.

Das Werk setzt sich zusammen aus Überbleibseln und Versatzstücken, die in diesen Zusammenhängen völlig anders funktioniert haben - als Schrank- oder Spind-Türe etwa - und die in diesen Kontexten auch völlig andere Bedeutungen und Geschichten hatten. Damit scheinen Fundstücke menschlicher Zivilisation und damit im weitesten Sinne Nebenprodukte unserer Wegwerfgesellschaft - Zivilisationsschuttelemente eben - Materialien und Ausgangspunkte dieser Arbeit zu sein.

Erkennen lassen sich Holztafeln, Balken, Bretter, die an sich funktionstüchtige Doppeltüre mit ihren kleinen Riegeln, grüne flächige Holzdreiecke und ein verbindender und kontrastierender Umgang mit Farbe in klarer, sich an symmetrischen Aspekten orientierender Anordnung. Diese wird lediglich an wenigen Stellen etwas durchbrochen und umspielt. Im Ganzen zeigt sie eine Art kreuzartiges Arrangement mit Mittelpunkt.

Die Einzelelemente, die man aus anderen Zusammenhängen kennt, und denen man in diesen eindeutig etwas Funktionales beimessen hätte können, wurden hier in einen neuen Formzusammenhang gebracht. Dieser gehorcht auch konstruktiven und konstruktivistischen Aspekten und führt weg von den bekannten, reinen Gebrauchsfunktionen, hin zu ästhetischen Neuerfindungen und damit verbunden zu Umdeutungen.

Hilfreich für den Umgang mit solchen Objekt-Assemblagen ist der Blick auf das Vorher und Nachher, und damit verbunden auf die sich veränderte, durch Kunsthandgriffe herbeigeführte (Neu-)Funktion, (Neu-)Ordnung, (Re-)Organisation der Gegenstände und Materialien. Diese gewinnen im Zuge eines Kunst-Recyclings an neuer, anderer Aussagekraft, Bedeutung und neuen Inhalten.

Auch ist es hilfreich, sich über Bedeutungen klar zu werden, die an Dingen hängen, denn Dinge aus unserer Welt sind aufgeladen mit Konnotationen und Subtexten. So sind Türen Grenzen und Übergangszonen zugleich in andere Welten und Ebenen - sie verbergen und eröffnen zugleich.

Als Schrein wird etwa das sich öffnende Mittelstück eines mit Flügeln verschließbaren Altars bezeichnet, oft steht er dabei im Zentrum eines kirchlichen, kultischen Raumes. Er steht folglich im Zusammenhang mit Religion, Glauben, Kultischem. Das Kreuz steht neben dem Glauben unter anderem für den Tod.

Deutungen bleiben dem Betrachter überlassen - offensichtlich ist, dass viele Aspekte ins Werk mit reinspielen und die Lesart und Deutung lenken. Die geöffnete Türe gehört zum Kunstwerk selbst (siehe Titel) und ist zugleich präsentierender Rahmen der Innenschau, des Innenlebens. Sie ermöglicht den Blick auf, ansatzweise sogar den Gang in diese kreierte Kunstwelt oder sie verwehrt beides, denn sie ließe sich noch immer verschließen und alles Innere und Gestaltete wäre den Blicken entzogen. Die in hoffnungsvollem Grün gehaltenen Dreiecksflächen an den Längsenden des angedeuteten Kreuzes weisen mit ihren Spitzen auf (s)ein rundes Zentrum.

Zeigt sich hier, wie bei so vielem, wenn man hinter die Dinge blicken möchte, Vergänglichkeit? Geht es um Vergehen, Erinnern, um Endlichkeit?

Info Öffnungszeiten: Di.-So. 14-17 Uhr. Finissage: Sonntag, 2. März, 14 Uhr, mit Lesung aus Texten von Dieter Göltenboth.

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