Die Kunst des Schildaufhängens

Auch Schilderaufhängen kann eine Kunst sein. Zumindest ist diese eigentlich handwerkliche Tätigkeit offenbar so schwierig, dass die Umsetzung Monate dauern kann.

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  • Oben: Vom Sommer 2014 bis Februar gab es in Göppingen eine Straße der Kunst, dann ließ die Verwaltung das Schild entfernen. Nun soll Barbarossa ein neues Straßenschild bekommen, aber noch ist "nix drin" (u.). Fotos: Staufenpress/Hanns-Horst Bauer 1/2
    Oben: Vom Sommer 2014 bis Februar gab es in Göppingen eine Straße der Kunst, dann ließ die Verwaltung das Schild entfernen. Nun soll Barbarossa ein neues Straßenschild bekommen, aber noch ist "nix drin" (u.). Fotos: Staufenpress/Hanns-Horst Bauer
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Auch Schilderaufhängen kann eine Kunst sein. Zumindest ist diese eigentlich handwerkliche Tätigkeit offenbar so schwierig, dass die Umsetzung Monate dauern kann. Diese Erfahrung zumindest haben die Bewohner an der Ecke Kleber-/Barbarossastraße im Osten Göppingens gemacht, die derzeit direkt vor ihrer Haustür einen Schild(bürger-)streich bestaunen dürfen.

Aber der Reihe nach: Im Sommer 2014 war sie plötzlich da, die "Straße der Kunst". Ein Kunstfreund hatte das Schild quasi über Nacht angebracht. Es wurde viel gerätselt über den Hintergedanken der Aktion. Die Kleberstraße ist nämlich eher ein Sträßle, und eine Kunstgalerie sucht man dort vergeblich. Vielleicht habe jemand auf "Hinterhofsituationen der Kunst in Göppingen" aufmerksam machen wollen, meinte Kunsthallenleiter Meyer damals, kam aber dem Geheimnis auch nicht auf die Spur.

Jetzt ist das Rätsel gelöst: Die Göppinger Künstlerin Ina Höllriegl, wohnhaft in der Kleberstraße, hatte etwa ein Jahr lang auf ein leeres Schild vor ihrem Fenster geblickt und sich gewundert. Das alte Barbarossastraßenschild war zuvor entweder abgefallen oder gestohlen worden. Da in unmittelbarer Nähe weitere kunstsinnige und musisch begabte Menschen wohnen - etwa die Künstlerin Ulla Spaeth, die Chorleiterin Patricia Heil oder der Rockmusiker Gerhard Mutschler - kam Höllriegl auf die Idee, die Lücke mit einem eigenen Schild zu füllen. Was lag näher als die "Straße der Kunst"?

Die Stadtverwaltung, von der NWZ auf die offene Wunde in der Göppinger Schilderlandschaft aufmerksam gemacht, reagierte - im Februar 2015. Wenn hier jeder "nach eigenem Geschmack" Schilder aufhänge, wie und wo er wolle, könnten sich im schlimmsten Fall Fahrer von Rettungs- oder Feuerwehrwagen gar nicht mehr orientieren, erklärte Pressesprecher Olaf Hinrichsen für die Stadt, die nach geraumer Zeit tatsächlich das corpus delicti von Mitarbeitern des Bauhofs entfernen ließ. Diese wollten das alte Schild freundlicherweise auch gleich entsorgen, was Ina Höllriegl gerade noch verhindern konnte.

Allein: Das zur Orientierung der Rettungswagen so wichtige neue Schild mit der richtigen Aufschrift "Barbarossastraße" lässt weiter auf sich warten. Bereits seit sechs Wochen klafft nun wieder ein Loch zwischen dem Haltegestänge - und dies ausgerechnet im 825. Todesjahr Barbarossas. Dafür hängt die Straße der Kunst jetzt - quasi strafversetzt - an der Regenrinne des besagten Hauses in der Kleberstraße.

Doch warum gibt man dem armen Barbarossa nicht einfach sein Straßenschild zurück? Da fallen einem spontan zwei mögliche Gründe ein: Entweder mahlen die Mühlen der Bürokratie extrem langsam (eher unwahrscheinlich), oder - und dies spräche für den sprichwörtlichen Weitblick der Verwaltung - die finanziell klamme Stadt will bares Geld sparen und wartet mit der feierlichen Einweihung des Schilds einfach bis zum nächsten Barbarossa-Jubiläum. Das findet bereits 2022 statt, wenn Kaiser Rotbart seinen 900. Geburtstag feiert. Wem sieben Jahre als zu lang erscheint, dem sei versichert: Für einen Herrscher, der in seiner 38-jährigen Regentschaft so viel erlebt hat und der seit gut 800 Jahren im Kyffhäuser auf seine Rückkehr als Friedenskaiser wartet, ist das kaum mehr als ein Wimpernschlag der Geschichte.

Eine clevere Idee! Und bis dahin kann die Stadt das Schild ja als Wechselwerbefläche vermieten. Dann müsste sie eigentlich nur noch den Sanitätern und Notärzten Bescheid sagen . . .

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