Die Figuren sind das A und O

|

Sie sind einer der wenigen Autoren in diesem Bereich, der einen großen Verlag für seinen Roman gefunden hat. Wie viel Prozent Glück und wie viel Können war da dabei?

UWE LAUB: Schwierig zu sagen . . . Manchmal kann man sein Glück auch erzwingen . . .

Und Sie habens erzwungen?

LAUB: Eine Portion Glück gehört immer dazu, ich habe aber auch für das Glück gearbeitet.

Und wie lange haben Sie daran gearbeitet?

LAUB: Von der ersten Idee, den Roman zu schreiben, bis zur Veröffentlichung sind fünf Jahre vergangen.

Eine lange Zeit . . . Und dass ein großer Verlag wie Ullstein Ihr Buch verlegen würde, stand ja in den Sternen. Gibt es eine Situation, wo Sie heute sagen würden: Das war der Durchbruch?

LAUB: Das war, als ein befreundeter Autor, Rainer Wekwerth, mich gefragt hat, ob er mal mein Expose und später das Manuskript lesen darf. Er sagte mir dann, er finde es gut, und fragte, ob er es seinem Agenten zeigen darf. Ein paar Wochen später meldete sich die Agentur bei mir. Das war für mich das Zeichen: Da könnte was draus werden.

Literaturagenten spielen also eine große Rolle in diesem Bereich?

LAUB: Mittlerweile schon. In Amerika und England spielen sie schon seit vielen Jahren eine große Rolle, aber auch in Deutschland ist es inzwischen nahezu undenkbar geworden, ohne einen Agenten einen guten, einen großen Verlag zu finden.

Die Agenten können aber nicht alles überblicken. Arbeiten die Agenturen auch mit Scouts zusammen?

LAUB: Ja, Rainer Wekwerth zum Beispiel ist so ein Scout. Rainer hat ein großes Netzwerk an Autoren und kennt viele Leute. Und wenn er etwas Interessantes findet, schickt er das an seine Agentur.

Wenn Sie einem jungen Autor nahe legen wollten, wie er am besten einen Verlag findet, was würden Sie ihm raten?

LAUB: In erster Linie sind die Charaktere, die Protagonisten wichtig. Die müssen interessant sein. Oft erinnert man sich weniger an die Geschichte als an die Figuren. Das ist das A und O, dass man viel Wert auf die Entwicklung der Figuren legt. Aber natürlich muss die Story auch noch was bieten (lächelt).

Apropos Story: Ihr eigenes Buch spielt im Jahr 2052 und skizziert eine erdrückende Datenüberwachung. Wenn Sie sich nun den sehr realen NSA-Datenskandal anschauen: Hat da nicht unsere Realität Ihre Zukunftsvision schon längst eingeholt?

LAUB: Ja, zu einem gewissen Teil schon. Aber man darf nicht vergessen: Als ich vor fünf Jahren begonnen habe, die Geschichte zu entwickeln und zu recherchieren, war man da im Wissen noch sehr weit entfernt. Enthüllungen wie die von Edward Snowdon waren damals undenkbar. Rückblickend hätte ich vieles in der näheren Zukunft ansiedeln können, sprich: Man hätte nicht unbedingt ins Jahr 2052 gehen müssen.

Sie schreiben, dass der Einfluss auf die Erderwärmung bei Methanhydrat 20 bis 30 Mal höher ist als bei Kohlendioxid, das noch immer gemeinhin als Klimakiller Nummer eins gilt. Haben Sie die Zahlen selbst überrascht?

LAUB: Die haben mich überrascht. Vor allem war mir gar nicht so bewusst, dass sich unabhängig von einer möglichen Methangasförderung schon allein durch die Klimaerwärmung eine Spirale entwickelt, durch die zum Beispiel die Permafrostböden in der Tundra auftauen, in denen gewaltige Mengen an Methan enthalten sind, die dann in die Luft gelangen. Und dies ist wahrscheinlich um einiges schlimmer als ein möglicher Methanabbau.

Sie schauen also durchaus düster in die Zukunft: totale Überwachung, Klimakatastrophe. Sind Sie ein Apokalyptiker?

LAUB: Nein, natürlich wird sich die Welt, das Antlitz der Welt verändern, aber ich möchte auch nicht zu schwarz malen.

Sie glauben noch an die Vernunft oder an das Gute im Menschen?

LAUB: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es immer auch Lösungen gibt. Aber man muss anfangen zu handeln. Und man muss schnell handeln.

Sie wechseln in Ihrem Debütroman recht routiniert zwischen den Handlungsebenen, verwenden auch viele Thriller-typische Elemente. Wo lernt man so was?

LAUB: Ich habe sehr viel gelesen, vor allem Schreibratgeber, was Anfängern unbedingt zu empfehlen ist. Ich habe aber auch einen Online-Schreibkurs mitgemacht, bei dem wir gemeinsam an meinem Manuskript gearbeitet haben, der mir auch sehr viel gebracht hat. Es gibt keine Regeln, wie man einen Bestseller schreibt, aber es gibt bestimmte handwerkliche Kniffe, die man erlernen kann.

Apropos Bestseller: Ihr Thriller hat mich von der Machart ein wenig an "Der Schwarm""erinnert. Ist Frank Schätzing so etwas wie ein literarisches Vorbild für Sie?

LAUB: Ich würde nicht von einem Vorbild sprechen, aber "Der Schwarm" hat mich schon geprägt und beeinflusst, ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat, auch vom Stil und der ganzen Machart her.

Hatten Sie beim Schreiben so etwas wie einen fertigen Masterplan, einen festen Plot im Kopf? Und wie viel davon hat sich im Endprodukt, Ihrem Buch niedergeschlagen?

LAUB: Ja, ich hatte einen Masterplot. Ich hatte mir alles genau skizziert. Der rote Faden ist enorm wichtig.

Aber nicht jeder Schreiber geht auf diese Art an ein Romanprojekt heran, oder?

LAUB: Nein, es gibt zwei Arten von Schreibern: Es gibt die Planer und die Bauchschreiber. Ich bin ein Planer. Ich muss genau wissen, wann ich was schreibe, an welchen Stellen ich meine Plot-Twists (dramaturgischer Fachbegriff, in etwa zu übersetzen mit: überraschende Wendung; die Redaktion) haben will. Ansonsten würde ich mich verzetteln.

Im Prolog werden Menschen gejagt und wüst zu Brei geschlagen. Braucht man solche wüsten Gewaltschilderungen, um heute im knallharten Thriller-Geschäft bestehen zu können?

LAUB: Ich meine, es wird erwartet. Ob man es braucht, sei dahingestellt. Es wird erwartet, dass es auch mal etwas zur Sache geht. Aber abgesehen vom Prolog und dem Ende mit einer gewissen Anhäufung von Action hat das Buch durchaus seine ruhigeren Momente.

Sind die Thriller in den vergangenen Jahren blutiger, brutaler geworden?

LAUB: Das ist durchaus möglich. Ich hatte sogar den Eindruck, dass es zwischendurch eine Welle gab, bei der es scheinbar nur noch darum ging, Morde möglichst brutal zu schildern, immer abartigere Szenen und Foltermethoden zu erfinden. Das aber ist etwas, was mich langweilt. Das mag ich nicht mehr lesen - und schreiben sowieso nicht. Natürlich gehört zu einem Thriller Action und Gewalt. Aber Gewalt nur um der Gewalt willen oder um der Verherrlichung willen, das ist nicht mein Ding.

Hat der Verlag Einfluss auf Ihren Plot genommen?

LAUB: Zum Glück sehr viel weniger, als ich dies im Vorfeld erwartet hätte. Natürlich wird im Rahmen des Lektorats über die eine oder andere Szene diskutiert. Die Lektoren machen aus ihrer Erfahrung heraus sehr gute Vorschläge, sagen zum Beispiel, das eine könnte man noch mehr hervorheben oder an anderen Szenen könnte man noch was weglassen. Aber am Plot, an der Story selber haben sie mir überhaupt nicht drein geredet.

Namen sind ja meist Verlagsrecht. Gab es da Änderungen?

LAUB: Gab es bei meiner Hauptfigur, der Emma Fisher, da hatte ich zuerst einen anderen Namen. Dafür haben sie meinen Arbeitstitel Blow Out übernommen, das passiert im Verlagsgeschäft auch nicht allzu häufig.

Schreiben Sie an einem neuen Roman?

LAUB: Ja, ich bin dran. Es wird wieder ein Thriller, der diesmal aber in der Gegenwart spielt. Und es ist wieder ein Umwelt-Thema, aber diesmal eines, das uns alle betrifft, und zwar sehr aktuell und sehr real.

Das klingt sehr spannend, aber auch sehr unkonkret . . .

LAUB: (lacht) Da möchte ich noch nicht zu viel verraten.

Und wie viele Exemplare von Blow Out haben Sie bis jetzt verkauft?

LAUB: Das weiß ich gar nicht. Wir Autoren werden da, vor allem wenn wir an einem weiteren Roman schreiben, bewusst im Dunkeln gehalten, weil man vermeiden möchte, dass, wenn man gute Zahlen vermeldet, die Autoren einen Höhenflug bekommen . . .

Oder umgekehrt . . .

LAUB: Genau, dass es heißt, das Buch geht gar nicht. Dann fällt man ins tiefe schwarze Loch..

Und was haben Sie jetzt anders gemacht als bei Ihrem Erstling?

LAUB: Ganz bewusst gar nichts - außer dass ich mich etwas kürzer halten werde. Bei Blow Out musste ich doch einiges kürzen, um auf die vorgegebenen 500 Seiten runter zu kommen.

Und wie verträgt sich das alles mit ihrer Arbeit als Selbständiger in der Pharma-Branche?

LAUB: Ja, das gestaltet sich schon schwierig. Für mein erstes Buch hatte ich alle Zeit der Welt. Da hat mir niemand einen Termin, eine Deadline genannt, ich konnte schreiben, wie und wann ich wollte. Jetzt muss ich ein wenig disziplinierter rangehen.

Wann haben Sie eigentlich festgestellt, dass Sie richtig Lust haben zu schreiben?

LAUB: Bei mir fing es damit an, dass ich Urlaubstagebücher geschrieben habe. Wir haben vor etwa zehn Jahren einen Bootsurlaub gemacht, da gibt es ja diese Logbücher. Ein reines Logbuch zu schreiben - so in der Art: Abfahrt 10.30 Uhr, Wind Südost. . . - war mir aber zu langweilig: Also hab ich das kombiniert mit unseren Erlebnissen, hab noch ein Foto dazu geklebt. Und irgendwann hab ich festgestellt, dass mir das Schreiben mehr Spaß macht als das Bilder einkleben . . . Damals war ich noch viel im Außendienst tätig. Und wenn ich da etwas im Radio gehört habe, regte das meine Fantasie an, und dann hab ich mir irgendwelche Kurzgeschichten ausgedacht. Irgendwann hab ich angefangen, die aufzuschreiben.

Es gibt nicht mehr viele jüngere Menschen, die selber schreiben . . .

LAUB: Das ist richtig, nicht mehr so viel wie früher. Die Medien verändern viel.

Meine Tochter liest zwar zum Glück noch sehr gern und viel, aber in ihrem Freundeskreis werden höchstens noch SMS verschickt.

LAUB: Ich merke es an mir selber: Ich habe auch i-pad, i-phone, das ist schon alles praktisch, nur: Man kann sich darin verlieren. Mittlerweile mach ich das Ding aus, wenn es irgend möglich ist, um meine Ruhe zu haben. Andererseits kommt man als Autor durch die Internet-Recherche an Informationen, an die man sonst nie drangekommen wäre.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Architekt spricht von Affront

Der Planer der neuen Klinik am Eichert, Manfred Ehrle, kann sich nicht vorstellen, dass die Pläne zum Erhalt des Altbaus ernst gemeint sind. weiter lesen