Der Wasserberg ruft

Seit 50 Jahren wandern zwei Vettern aus Salach am Ostersonntag auf den Wasserberg. Gut möglich, dass die anstehende Tour die letzte wird. Aber das Jubiläum wird auf jeden Fall gefeiert.

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Am Ostersonntag auf den Wasserberg - für Werner Benzhaf (links) und Fritz Deppert ist das seit 50 Jahren ein Muss. Das Bild zeigt die beiden Vettern an Ostern 2009 an ihrem Ziel.
Osterfest mit der Familie? Das war den damals 13- und 14-jährigen Vettern Fritz Deppert und Werner Banzhaf zu langweilig geworden. Sie haben sich „ausgegrüßt“ und selber was unternommen. Ein Marsch zum Wasserberg war das Richtige, das war ein Hauch von Freiheit und Abenteuer. Im Wasserberghaus, wo viele Wanderer an Ostern hinpilgern, konnten sie auch ein Bierchen trinken.

Das Abenteuer lockte auch im nächsten Jahr, und so wurde eine Tradition draus. Was nicht so einfach durchzuhalten war. Die Jungs hatten dann ja auch Freundinnen, wurden Ehemänner und Väter. „Das war manchmal schon eine schwere Entscheidung“, erzählt Deppert, dass der Papa ausgerechnet am Ostersonntag verschwindet. „Aber es gab ja auch noch den Ostermontag.“ 1980 kam erschwerend hinzu, dass Familie Deppert Zuwachs erhielt. Die Mama lag mit dem neugeborenen zweiten Töchterchen im Krankenhaus. Was machte der Vater? Er nahm seine ältere Kleine, die drei Jahre alt war, auf der Rückentrage auf den Wasserberg mit.

Alle Wetter haben die beiden Ostermarschierer im Lauf von 50 Jahren erlebt, mal sind sie durch den Schnee gestapft, mal bei Regen von außen und innen nass geworden, weil es noch keine atmungsaktive Jacken gab. Das Maximum waren sommerliche 22 Grad. Einmal haben sie ihre Familien mitgenommen, um ihnen den Wasserberg zu zeigen, und dass der Steilhang nicht ohne ist. Aber das war nicht an Ostersonntag, und die Ehefrauen konnten erstmals sehen, auf welchen Spleen ihrer Ehemänner sie sich da eingelassen haben. Obwohl der Blick vom Wasserberg auf die Kaiserberge ein königlicher ist. Heute wissen schon Depperts Enkel, dass der Opa an Ostern auf den Wasserberg geht. Deppert muss dazu von Herrenberg anreisen, wo er seit 1975 wohnt. Er frühstückt dann erst mal mit seinem Vetter in Salach, den er manchmal das ganze Jahr nicht sieht.

Die Tour hat sich gewaltig verändert. „Früher ging das fast direttissima“, erzählt Deppert, „dann kam der Stausee im Schlater Wald, und heute erfordert die neue B 10 einen erheblichen Umweg.“ Der Stausee und der Trimm-Dich-Pfad haben eine Idylle von Deppert und Banzhaf zerstört. Sie hatten zuvor in dieser Ecke das Grab eines verunglückten Holzfällers entdeckt und es wie ein Geheimnis empfunden. Heute kommen dort viel Ausflügler vorbei. Am Holzfällergrab machen sie heute noch Rast, bei Regen in einer Wetterhütte. Ein Ei, belegtes Brot und Apfel – das ist ihre klassische Wegzehrung.

Bärlauch ginge auch – der ganze Hang am Wasserberg ist damit übersät. „Anfangs haben wir das für Maiglöckchen gehalten“, erzählt Deppert, „und dann, als der wilde Knoblauch Kult wurde, auch die Wurzeln probiert.“

Leberkäs, Linsen und Spätzle, Schnitzel – das waren die Gerichte, die anfangs als Lohn der Mühen auf dem Wasserberghaus auf sie warteten. Später kamen Pommes, Steaks und Rostbaten dazu, heute kriegt man sogar was Vegetarisches, erzählt Deppert. Drei Generationen von Pächtern haben sie schon erlebt. Voriges Jahr haben die beiden den Wirt vorgewarnt, dass es bei ihrem nächsten Besuch ein größeres Event wird. Ein Champagner darf es da schon sein. Deppert ist stolz, „dass wir so durchgehalten haben.“ Das ist auch für die beiden nicht mehr selbstverständlich. Vor zwei Jahren wollte Banzhaf schon hinschmeißen. Was sollten sie alte Dackel noch auf den Wasserberg wandern. Aber Deppert motivierte ihn mit einem Versprechen nochmal: „Den 50er ziehen wir noch durch.“ Ob es nächstes Jahr weitergeht – „es ist offen.“

Wirt rückte Sekt aus Privatbeständen heraus

Jubiläumskarten Fritz Deppert hat für die 25. und die 40. Wanderung zum Wasserberg sogar Jubiläumskarten entworfen. Als Mann aus der Computerbranche war das für ihn ein leichtes. Die Karten ließen sich die Wanderer vom Wirt abstempeln. Bei der 25. Wanderung rückte der Wirt einen Sekt heraus, wohl aus seinen Privatbeständen. Anstoßen konnten die beiden Jubilare damals mit einem dritten Vetter, der rein zufällig auch auf dem Wasserberg war. Erstes Bier Ein Bierchen auf dem Wasserberg: Das hat sich Ostermarschierer Fritz Deppert all die Jahre versagt. Er hat dem Alkohol ziemlich abgeschworen und dem Bier gänzlich, verrät er. Nur bei seinem ersten Ostermarsch vor 50 Jahren war das noch anders. Aber zum Jubiläum, will er sich wieder eines genehmigen. Seine Vorfreude ist gedämpft: „Das ist absolutes Neuland, den Geschmack von Bier kenne ich nicht mehr. Ich lasse mich überraschen.“

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