Der Traum des Tüftlers

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    Verwunschener Ort: Ulrich Kothe hat den Gewölbekeller behutsam in die Landschaft eingefügt, im Hintergrund der Kirchturm.
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    Das Allerheiligste: Hier reift der Whisky und wird Jahr um Jahr besser.
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    Eine riesige Blume aus Kupferblech weist Besuchern den Weg.
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Im Lautertal hat sich Ulrich Kothe seinen Traum verwirklicht. Der 70-Jährige, der ein Unternehmen in Eislingen leitet, hat in Degenfeld eine Whisky-Destillerie samt Museum gebaut. Heute Abend ist Eröffnung.

Von Dirk Hülser

Es dämmert bereits in Degenfeld. Eine riesige Blume, geschmiedet aus Kupferblechen, reckt ihre Blätter und Blüten in den Abendhimmel, als ob sie die letzten Sonnenstrahlen hier ganz oben im Lautertal noch aufsaugen möchte. Die Luft riecht schon ein wenig nach Frühling, aus der Ferne dringt der heulende Ruf eines Waldkauzes. Einige Meter weiter fällt warmes Licht aus der offenen Tür eines Gewölbekellers, der scheinbar aus dem Nichts plötzlich im leicht ansteigenden Hang auftaucht. Zwei junge Frauen wagen sich ein paar Schritte durch das große Tor, das den Weg zu dem großzügigen Gelände unterm Kalten Feld freigibt. Der Schotter in der Einfahrt knirscht unter ihren Sohlen. Staunend halten sie ihre Handys in die Höhe, fotografieren die magisch anmutende Szenerie.

"Da kommen immer wieder welche", sagt Ulrich Kothe und lacht. Dass Wildfremde sein Grundstück fotografieren, wundert den 70-Jährigen nicht mehr. Der Degenfelder ist Whisky-Brenner, hat sich hier seinen Traum erfüllt. Eine eigene Destillerie mit Whisky-Keller und Museum. "Old Gamundia" - "Altes Gmünd" - hat er sein Projekt getauft, das er im entlegensten Teilort von Schwäbisch Gmünd verwirklicht hat. Am heutigen Samstag feiert Kothe mit vielen Gästen und Live-Musik offiziell die Eröffnung.

Eigentlich ist Kothe gelernter Kupferschmied, hat den Meistertitel. In seinem 1985 gegründeten Unternehmen in Eislingen beschäftigt er rund 25 Mitarbeiter - und die bauen praktischerweise Brennereien. So kam Kothe denn auch zu seiner Whisky-Destillerie. Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, erinnert er sich. "Ich wollte testen, ob meine Anlagen auch funktionieren", sagt der Firmenchef. "Das war der Grundgedanke. So ist das einfach gewachsen." Er dachte sich auch, dass alte Brennereien zu schade zum Verschrotten sind und erstand etliche Exemplare. So war die Idee des Whisky-Museums geboren. Als ihm dann noch einfiel, dass ja womöglich Besuchergruppen die Exponate anschauen und vielleicht auch mal einen edlen Tropfen probieren wollten, merkte Kothe: "Ich brauche Platz."

Da der 70-Jährige kein Mann der leeren Worte ist, schritt er also zur Tat. Innerhalb eines Jahres baute er gemeinsam mit seinem Sohn den Gewölbekeller, der Platz für 60 Personen an zwei riesigen Tafeln bietet und neben den historischen Exponaten Kothes eigene Feinbrennerei, den Whisky-Keller, eine Küche und eine Bar beherbergt. Maurer und sogar eine Spezialfirma hätten alle abgewunken, sagt der Degenfelder, "weils noch niemand gemacht hat". Deshalb griff er zur Kelle. "Wir haben jeden Stein selbst eingesetzt", berichtet der Bauherr, rund 2000 Stück wurden verbaut. Als Zugabe gibts noch eine 75-Quadratmeter-Wohnung oberhalb des Kellers sowie ein Treppenhaus, das in einem Turm untergebracht ist - ein Notausgang für den Keller gehörte zu den Auflagen der Behörden. Im November vergangenen Jahres war dann alles fertig, auch den Außenanlagen hat Kothe mittlerweile den letzten Schliff verpasst. So hat er viele Weinreben gepflanzt, "dann gibts hier vielleicht mal Neuen Wein mit Zwiebelkuchen".

Ulrich Kothe hat nur noch ein Problem. Denn er hat keinen Whisky. Zudem keinen eigenen, den er so nennen darf. Seine Produktion begann erst vor anderthalb Jahren und "drei Jahre muss er im Holzfass lagern, bevor man ihn Whisky nennen darf", erläutert er. Doch sein Produkt schmecke jetzt schon besser, als so manche schottischen Single Malts, hätten ihm Experten versichert. Single Malt: Das ist die Krone aller Whisky-Sorten, nur Gerstenmalz darf als Grundlage verwendet werden, Verschnitt mit anderen Sorten ist verboten. Und im Gegensatz zu anderen "schwäbischen Whiskys", die oft auf Weizen- oder Dinkelbasis hergestellt würden, verwende er ausschließlich die deutlich teurere und bessere Gerste, sagt Kothe. Ganz so wie die kleinen aber feinen Destillerien in Schottland oder Irland. "Ich schrote auch selbst, damit die Gerste dann so fein ist wie Mehl", meint der Tüftler aus Degenfeld.

Ganz am Ende des großen Kellers ist ein Gitter eingelassen, dahinter das Allerheiligste: das Whisky-Lager. Kothe deutet stolz auf das mächtige Schloss am Eingang: "Das ist aus dem 18. Jahrhundert, ich habe es auf einem Flohmarkt gefunden." Die kleineren Fässer im Lager sind aus amerikanischer Weißeiche. In solche neuwertigen Behältnisse wird der Whisky nach dem Brennen abgefüllt. "Nach einem Jahr kommt er dann in gebrauchte, große Sherryfässer, daher kommt dann auch die Farbe", erklärt Kothe. Derzeit sind es drei 220-Liter-Sherryfässer, darin reift der "Staufersaga-Whisky" aus dem Jahr 2012.

Mitten im Raum steht eine Skulptur, zwei Engel sitzen am Rand eines Glaskolbens. Denn der edle Degenfelder Tropfen wird mit 60 Prozent Alkoholgehalt in die Fässer gefüllt - am Ende hat er noch um die 45. "Das, was aus den Fässern steigt, ist für die Engel, heißt es", erläutert Kothe und lacht.

Nahe des Tresens, in unmittelbarer Nähe des riesigen offenen Kamins, der mitten im Gewölbekeller steht, ist noch eine Skulptur. Eva. "Sie ist das Symbol: von der Frucht zum Destillat", erzählt der Whisky-Brenner. "Und wenn Adam ein Schwabe gewesen wäre, hätte er den Apfel gemostet", meint er lachend. Aber das ist eine andere Geschichte. Überhaupt gibt es zurzeit in Degenfeld natürlich nur eine Geschichte, das Gold-Märchen von Carina. Die Goldmedaillen-Gewinnerin des Skiclubs, Carina Vogt, ist in aller Munde, diverse Banner an den Straßen des 460-Seelen-Dorfs künden vom größten Erfolg des Vereins. Klar, dass auch Ulrich Kothe die 22-Jährige ehren möchte, natürlich mit einem Whisky. "Ich wollte einen Olympia-2014-Whisky machen. Ich habe meinen Patentanwalt angerufen, der hat aber gesagt, Olympia ist geschützt. Auch der Name Carina ist für alkoholische Getränke schon geschützt." So soll es jetzt wahrscheinlich ein "Gold-Whisky 2014" werden - limitiert auf 2014 Flaschen. Von dem Erlös jeder verkauften Flasche soll dann ein Teil an den Skiclub gehen.

Die Sonne ist fast untergegangen. Ulrich Kothe schließt die schwere Holztür zum Gewölbekeller ab. Zufrieden schaut er auf sein Anwesen. Lächelnd meint er: "Das ist eine Gnade, wenn ich mit 70 sowas noch machen darf."

Museum & Destillerie
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