Der lange Weg von Ost nach West

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Karin Sorger an einem der kleinen ungarischen Grenzübergänge, an denen DDR-Bürger in den Wochen vor der Maueröffnung in den Westen gelangten. 1977 war Sorger  bei der Vorbereitung zur „Republikflucht“ verhaftet worden.  Foto: 

Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ Vor über 2000 Jahren soll der griechische Philosoph Perikles gesagt haben, was Karin Sorger über viele Jahre hinweg ganz unmittelbar gespürt und erlebt hat. Ihr ganz persönlicher Weg über die Freiheit ins Glück begann 1939 – da wurde sie in Magdeburg geboren. Die kindliche Beklemmung während des Krieges, die Enttarnung eines Familiengeheimnisses, der frühe Tod der Mutter, staatliche Einmischungen – Gründe genug, um zu klagen. Karin Sorger sieht im Klagen keinen Sinn, sie erzählt ihre Geschichte vielmehr berichtend, nicht kühl, aber doch mit klarem Blick aus der Distanz von Jahrzehnten.

Ihr Werdegang im scheinbar privilegierten, gut situierten Umfeld, die Ausbildung zur Medizinerin, die Gründung der eigenen Familie, deren Vereinbarkeit mit dem Beruf, Arbeitsbedingungen in Wissenschaft und Kliniken, Gängelungen durch die Herrschenden, Zweifel, Verrat, Haft, Trennung von ihrer Tochter, Entfremdung. Da ist viel Persönliches, Erlebtes und Gefühltes, jedoch streift Sorgers biografischer Blick über das Eigene hinaus und gibt damit Einblick in gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen der Deutschen Demokratischen Republik.

Fluchtversuch, Haft, Freikauf, Fremdsein, Emanzipation von Klischees, berufliches Wachsen, immer weiter hin zu einem selbstbestimmten Leben. Mit gleichermaßen kritischem und wohlwollendem Blick auf die Bundes­republik öffnet und erweitert ­Karin Sorger die Bedeutung von Freiheit.

Immer wieder hatten Freunde sie aufgefordert, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie wollte es nicht. Sie konnte es nicht. Heute, nachdem sie die Hälfte ihres bisherigen Lebens im Osten und die andere Hälfte im Westen gelebt hat, empfindet sie einen weiteren Aspekt von Freiheit: Distanz. „Ich hatte nicht das Bedürfnis, mir etwas von der Seele schreiben zu müssen.“ Sie lächelt, wenn sie ihre Enkel und all die anderen Kinder und Jugendlichen als Wegweisende für ihr Buch erklärt. Für die folgenden Generationen hat sie aufgeschrieben, was sie bewegt, behindert, verstört, besorgt, angetrieben und ermutigt hat. „Ich wollte nie nur von dem Grauen berichten, ich will ohne Polemik und ohne Hass erzählen.“ Sie hält kurz inne. „Das gelingt mir nur mit der notwendigen Distanz; Deshalb hat es seine Zeit gebraucht, bis ich das Buch schreiben konnte.“

Das „Hinabsteigen in die Erinnerung“ und das wahrheitsgetreue Berichten sind das Eine. Das Andere ist das Nach-außen-Kehren des Eigenen. Als „es“ raus, das Buch also erschienen war, hatte sich ihre Angst davor aufgelöst. Da ist sie ganz die pragmatische, die wissenschaftlich geschulte Pathologin: „Jetzt ist es so und damit lebe ich.“

Dass sie bereits nach wenigen Lesungen „überwältigend positive Rückmeldungen aus Ost und West“ erreichten, tut gut. Vor allem aber spornt es Karin Sorger an, weiter daran mitzuwirken, dass man aus Vergangenem lernen könne und müsse. „Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe“, zitiert sie den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel mit Blick auf die Gegenwart, in der Freiheit an vielen Orten der Welt in höchster Gefahr ist. „Möge es uns gelingen, diese Aufgabe zu erfüllen, damit Freiheit in Europa und auf der ganzen Welt eine Zukunft hat.“

Info Karin Sorger, Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Helios-Verlag, ISBN 978-3-869 33-151-5. Die Autorin liest am 21. Februar ab 20 Uhr in der Göppinger Buchhandlung Herwig aus ­ihrem Buch.

Biografisches: Als adoptiertes Kind in der DDR aufgewachsen, erlebt Karin Sorger nach einem Medizin-Staatsexamen mit „sehr gut“ den Alltag als Ärztin zuerst auf dem Land, dann an der Universität Leipzig, wo sie Fachärztin für Pathologie wird. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann lebt sie mit ihrer Tochter allein, wird 1977 bei der Vorbereitung zur Flucht in den Westen verhaftet und zu 18 Monaten Zuchthaus im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck verurteilt. Die Tochter bleibt beim Vater. Als Karin Sorger vom Westen aus der Haft freigekauft wird und ihre Tochter in den Westen holen darf, kann sie an der Universität Mainz ihre Habilitation abschließen. Karin Sorger wird zur Professorin ernannt und arbeitet bis zu ihrer Pensionierung als Chefärztin für Pathologie in Göppingen im Klinikum Am Eichert.

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