Dem Himmel so nah

Es ist mit 54,5 Metern das größte und dominierende Gebäude in Göppingen. Derzeit wird der Turm der Kreissparkasse komplett saniert. Ein Job für nervenstarke Kerle in schwindelerregender Höhe.

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Der Müll wird in Container geladen und getrennt entsorgt.

Der Boden unter den Füßen vibriert. Eine knappe Minute lang. Die Schwingungen bahnen sich ihren Weg von der vierten Etage bis auf das Dach des Kreissparkassen-Turms. Ausgelöst durch einen Presslufthammer. Auch als das schwere Gerät eine Pause bekommt, scheint sich der Boden zu bewegen. Der fantastische Rundblick über die Stadt lenkt ab. Man ist dem Himmel nah, die Sonnenstrahlen wärmen nach dem Marsch durch das entkernte Hochhaus, das einer Tiefkühltruhe gleicht.

Hier oben auf dem Dach wird sich am allerwenigsten ändern, sagt Claudio Sferruzza, der als stellvertretender Projektleiter der Sparkasse das Millionen-Vorhaben begleitet. Photovoltaik-Elemente werden installiert und eine so genannte Fassadenbefahranlage montiert, erklärt der Fachmann, während sein Blick zum Kranführer schweift. Der Mann sitzt noch ein paar Meter höher, sein Arbeitsplatz schwankt deutlich mehr als der Fußboden des Dachs. "Das ist nicht jedermanns Sache", meint Sferruzza. Zustimmendes Nicken.

Über das äußere Treppenhaus, das bisher als Fluchtweg diente und in dieser Form nicht bestehen bleibt, geht es wieder hinunter. Ein kurzer Blick in die elfte Etage, das Technikgeschoss. Den zehnten Stock kennen die Göppinger am besten: Hier fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, jetzt wirbeln Bauarbeiter jede Menge Staub in dem ehemaligen Kreissparkassen-Saal auf. Sie beladen einen Container mit alten Möbeln und Holzverkleidungen, drei andere versuchen, hartnäckige Schrauben an einem Betonteil zu lösen. Mit dem Mann auf dem Gerüst möchte man nicht tauschen. Ihm scheint die Höhe nichts auszumachen, vielmehr ärgert ihn, dass es gerade nicht vorwärts geht.

"Diese Betonfertigteile werden jetzt noch vollends abgebaut", sagt Claudio Sferruzza. Bis Ende April oder Mitte Mai soll der Abbruch erledigt sein, "dann geht es an das Neue". Das Sparkassen-Hochhaus, das 1973 eröffnet wurde, wird komplett modernisiert, mit einer Rundum-Glasfassade aufgepeppt und energetisch auf Vordermann gebracht. "Wir liegen gut in der Zeit", meint der stellvertretende Projektleiter. 25 bis 30 Arbeiter werkeln im Schnitt täglich auf der Baustelle. Im Frühjahr oder Sommer 2014 soll alles fertig sein. In den zweiten Bauabschnitt steckt das Geldinstitut 23 Millionen Euro. Insgesamt kosten Neubau plus Turm-Sanierung rund 67 Millionen Euro, rechnet Dr. Bernhard Kopf, Pressesprecher der Kreissparkasse, vor.

Im neunten Stock, wo früher in der Kantine der Duft von Schnitzel und Maultaschen in der Luft hing, kriecht einem ein beißender Geruch nach Estrich in die Nase. Der Staub bahnt sich seinen Weg durch jede Ritze - spätestens jetzt wird klar, warum die Bauarbeiter oft einen Mundschutz tragen. Die Männer rücken dem alten Fußboden mit schwerem Gerät zu Leibe - nur Stück für Stück gibt er nach. Die Arbeiter schwitzen, obwohl der Beton noch immer die frostigen Februar-Temperaturen in sich zu haben scheint. "Die haben auch bei minus 17 Grad hier gearbeitet", erzählt der stellvertretende Projektleiter.

Immer wieder fällt der Blick über die flache Brüstung auf den benachbarten Neubau der Kreissparkasse, der aus der Vogelperspektive eher klein ausfällt. Je tiefer es geht, desto mehr kleben die Augen aber auf dem Boden. "In den oberen Stockwerken liegt kaum noch Schutt, das wurde alles schon abtransportiert", erklärt Claudio Sferruzza. Im unteren Turmdrittel jedoch türmen sich Berge von alten Rohren, Dreck, Geländern und Kabeln, ein ausgedientes Förderband erinnert an längst vergangene Zeiten. "Damit hat man früher die Post durchs ganze Haus transportiert", meint Bernhard Kopf schmunzelnd. Wenige Schritte weiter stinkt und qualmt es gewaltig. "Betonsägearbeiten", erklärt Claudio Sferruzza.

Vorbei an der Vorstandsetage - derzeit eine Ablage für Holzlatten - geht es hinunter in die "Kundenhalle". Der Lärm des Presslufthammers ist ohrenbetäubend, der Boden vibriert. So wie oben auf dem Dach, aber der Himmel ist jetzt deutlich weiter weg.

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