David Stellmacher hat Paris während der Terror-Anschläge erlebt

David Stellmacher aus Ottenbach war am Freitag in Paris, als die Terroristen zuschlugen. Am Morgen danach verließ er die "traurigste Stadt der Welt". Für unsere Zeitung berichtet er über seine Eindrücke.

|

Ein bisschen mehr als dreieinhalb Stunden Bahnfahrt - mehr ist es nicht, was die Region Stuttgart von der Metropole an der Seine trennt. Deshalb nutzen viele Besucher aus dem Landkreis die direkte Anbindung für einen Trip ins nahe Nachbarland. Diesen Plan hatte am Wochenende auch ich: Drei Tage bei Freunden in Paris: geschichtsträchtige Kultur, weltoffenes Flair und das freiheitsliebende "Savoir-vivre". Doch dann kam alles anders.

Freitagabend ist bei den Parisern Ausgehzeit. Sie bevölkern die vielen Bars und Restaurants der Stadt. Auch ich war an diesem Abend in einem Restaurant - im 18. Arrondissement, dem Norden der Stadt. Zwar sieht man in Paris oft Blaulicht und hört Sirenen. Nach dem siebten, achten, neunten Einsatzwagen der Feuerwehr begann jedoch das Grübeln - ein größerer Unfall? Klarer wurde die Lage, als die ersten Meldungen auf dem Smartphone erschienen. Dabei wurde zunächst über eine "fusillade", eine Schießerei, berichtet, in den Übertragungen der Fernsehsender später von gezielten Anschlägen im elften und zwölften Arrondissement - einem angesagten Viertel für junge, wohlhabende Pariser. Das Heulen der Polizeisirenen und das Dröhnen der Hubschrauber hörte nicht auf. Fast im Minutentakt wurden immer höhere Opferzahlen genannt.

Die Straßen im Viertel Montmartre, wo ich unterwegs war, leerten sich zunehmend. Der Bevölkerung schien zu schwanen, dass etwas Schreckliches im Gange war. Um Mitternacht dann die Gewissheit: Präsident François Hollande trat vor die Kameras und klärte die Menschen über die Terrorangriffe und seine Maßnahmen auf - der Präsident verhängte den Ausnahmezustand. Stadt und Polizei appellierten an die Bürger, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Facebook meldete mir, ich befände mich in einem Terrorgebiet und solle für meine Freunde markieren, ob ich noch lebe und in Sicherheit bin.

Am Samstagmorgen erwachte ein verändertes Paris, das ganze Ausmaß des Terrors war nun bekannt. Die sonst so vielbefahrenen Pariser Straßen waren gespenstisch leer, kaum Fußgänger, kaum Autos. Sogar die Métro, die Lebensader der Stadt, zeigte sich menschenleer. Alle städtischen Einrichtungen, Museen, Schulen, Universitäten, die meisten Supermärkte und einige Métrolinien blieben geschlossen, in der gesamten Stadt war Militär aufgefahren. Schwer bewaffnete Soldaten patroullierten seit den Morgenstunden durch die Häuserschluchten. Angesichts der angekündigten Grenzschließungen war für mich schnell klar, Paris vorzeitig verlassen zu müssen, schließlich sollte ich es bis Montag zurück nach Deutschland schaffen. Da die Warnung, man solle seine Wohnung nicht verlassen, noch immer galt, rieten mir meine Gastgeber, statt der Métro ein Taxi zum Ostbahnhof nehmen.

Auch dem Taxifahrer war der Schrecken anzumerken: Noch nie habe er seine Stadt so erlebt, betonte er - leere Straßen und die andauernde Angst, es könnten noch Terroristen in der Stadt sein. Selbst nach den Anschlägen im Januar sei die Situation eine andere gewesen, sagte der Taxifahrer. Am Bahnhof dasselbe Bild schwer bewaffneter Soldaten und Polizisten, dazu Spürhunde. Glücklicherweise fuhren - entgegen der Ankündigung - einige Züge nach Deutschland. Am Grenzübergang gingen Polizisten mit Maschinenpistolen durch die Waggons. Mitreisende meldeten sich bei ihren Familien und Freunden, gaben Bescheid, dass sie okay seien und freuten sich auf zu Hause.

Zurück bleibt das unwirkliche Gefühl, ein völlig verändertes, neues Paris zurückgelassen zu haben. Ein Paris, das von bisher nicht gekanntem Terror gezeichnet ist und trauert - mit der ganzen Welt.

Thema beim Volkstrauertag

Reden: Die Terroranschläge von Paris spielten am Sonntag auch in den Reden zum Volkstrauertag eine große Rolle. Der Göppinger Stadtrat Alex Maier sagte in Hohenstaufen und Maitis: "So viele Menschen sind gewaltsam aus dem Leben gerissen worden von denen, die die Freiheit, wie wir sie kennen, zu zerstören versuchen. Wir müssen jetzt zusammenstehen und solidarisch sein . . . aber wir dürfen uns in unserer Reaktion nicht vom Hass leiten lassen, denn dieser träfe die falschen. Er träfe diejenigen, die ebenso trauern und ebenso abgestoßen sind von diesen schrecklichen Verbrechen. Lassen Sie uns . . . für Demokratie und Menschenrechte einstehen . . . Hass und Gewalt mit Menschlichkeit und Liebe entgegentreten."

Zur Person: David Stellmacher ist freier Mitarbeiter der NWZ.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Behörde muss sich wegen Baustelle auf B 297 der Kritik stellen

Ab Montag ist die B 297 zwischen Göppingen und Rechberghausen komplett gesperrt. Mit den Umleitungsstrecken ist nicht jeder einverstanden. weiter lesen