Das Spiel um Wissmach verloren

Einst machte Willi Kühne bei Borussia Dortmund Schlagzeilen, jetzt musste er als Bieter für die insolvente Modekette Wissmach Gerry Weber das Feld überlassen. Dabei hatte er alle Filialen übernehmen wollen.

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Für den Dortmunder Unternehmer Willi Kühne ist der Traum, Wissmach zu übernehmen, geplatzt wie ein Luftballon. Der einstige Marketing- und Merchandising-Chef von Borussia Dortmund wollte auch die Göppinger Zentrale in der Holzeimer Straße mit ihren 40 Mitarbeitern übernehmen. Foto: Giacinto Carlucci

Als schlechter Verlierer möchte Willi Kühne, einstiger Marketing- und Merchandising-Chef von Borussia Dortmund nicht gelten. Dennoch erhebt der Dortmunder Unternehmer schwere Vorwürfe gegen Insolvenzverwalter Michael Pluta. Beim Verkauf der insolventen Göppinger Bekleidungskette Wissmach fühlt sich Kühnle von Pluta getäuscht. Der Verkauf der Mietverträge für die bundesweit rund 200 Wissmach-Filialen und des Warenlagers an den Modekonzern Gerry Weber sei überstürzt erfolgt, das Verhalten der Insolvenzverwaltung und der von ihr eingeschalteten Beratungsgesellschaft "Advantum PuC" sei unredlich, so Kühne. Pluta habe Zusagen nicht eingehalten und einen Zeitplan vorgegeben, an den er sich, kaum habe die Offerte von Gerry Weber vorgelegen, selbst nicht gehalten habe. "So ein Verhalten ist abenteuerlich", ärgert sich der 64-jährige Dortmunder, der nach eigenen Angaben seit 40 Jahren im Textilgeschäft tätig ist.

Das Büro Pluta sieht das naturgemäß anders. "Der Insolvenzverwalter muss natürlich die beste und nachhaltigste Lösung für das gesamte Unternehmen suchen", sagt dazu ein Sprecher. Ansonsten will er das eigene Vorgehen beim Verkauf der Vermögensgegenstände von Wissmach nicht kommentieren. Branchenkenner berichten, dass es in der Tat nicht ungewöhnlich sei, dass sich unterlegene Bieter in Insolvenzverfahren übergangen fühlten und vor Gericht Schadensersatzansprüche ausloteten. Auch Willi Kühne will sein weiteres Vorgehen von der Antwort des Amtsgerichts abhängig machen.

Jedenfalls habe Pluta während der Insolvenz nur die Wissmach-Filialen geschlossen, die an Standorten von Gerry-Weber-Läden stehen, sagt Kühne. "Ich denke, dass die schon lange mit Weber verhandelt und alles für ihn vorbereitet haben", vermutet der Kaufmann, der sein "finales Angebot" am 9. Februar in der Wissmach-Zentrale vorlegen wollte. So war es mit "Advantum" ausgemacht. Einen Tag vorher kam die Absage. "Das ist so, als ob eine Fußballmannschaft nach der Halbzeit aus der Kabine kommt und die gegnerische Mannschaft steht schon auf dem Platz und hat gewonnen", ärgert sich Kühne.

Der Vergleich aus dem Fußball kommt nicht von ungefähr. Als einstiger Marketing- und Merchandisingchef bei Borussia Dortmund - zuvor betrieb Kühnle eine Jeansfilialkette im Raum Dortmund - hatte er im Jahr 2000 ein bis dahin einmaliges Vermarktungsprojekt gestartet. Als erster Klub im deutschen Profifußball machte sich Dortmund unter seiner Ägide daran, sich von Ausrüstern aus der Sportindustrie unabhängig zu machen. Kühne baute eine eigene Sportmarke auf, um Trikots, Fan- und Sportartikel selbst herzustellen und zu vermarkten. Wie der Name schon sagte, setzte "Goool.de" auf den Vertrieb im Internet. Im Kampf gegen Nike, Adidas und Puma ist Kühne allerdings chancenlos gewesen. "Dem Unternehmen gelang es zu keiner Zeit, die ursprünglichen Erwartungen zu erfüllen und dauerhaft erwähnenswerte Marktanteile in der deutschen Sportbekleidungsbranche zu erlangen", heißt es in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Der Geschäftsbetrieb von "Goool.de" wurde am 20. Juni 2008 eingestellt.

Inzwischen ist Kühne nicht mehr bei Borussia. Als selbständiger Kaufmann sei er in Europa unterwegs, um aus Lagerüberhängen Textilien zu kaufen, die er an namhafte Markenhersteller weiterverkaufe, so Kühnle, der noch immer mit seiner Niederlage beim Verkauf von Wissmach hadert. Der Unternehmer ist sich sicher, mit einem Barkaufpreis von weit über zehn Millionen Euro inklusive der Übernahme der Lieferantenschulden und der großzügigen Bezahlung der Mietkautionen bis hin zur Offerte, die Filialen zu kaufen, ein gutes Angebot eingereicht zu haben. Kühne wollte die Bekleidungskette mit Mode für eine etwas jüngere Zielgruppe fortführen. Sein Konzept "sah nicht nur die Übernahme aller Arbeitsverhältnisse, sondern auch die Aufrechterhaltung der Zentrale in Göppingen vor", heißt es in einem fünfseitigen Schreiben an das Insolvenzgericht, in dem Kühnes Anwälte akribisch auflisten, warum sich der Unternehmer von Pluta ausgebootet fühlt. Zudem hat Kühne, der von einem Investor aus der Immobilienbranche unterstützt wird, schriftlich angeboten, bis 31. Dezember 2014 auf betriebsbedingte Kündigungen in der Wissmach-Zentrale zu verrichten.

Wichtigste Frage in dem Schreiben der Anwälte an das Göppinger Insolvenzgericht ist, ob der Gläubigerausschuss, bei seiner Entscheidung für Gerry Weber ausreichend über Kühnes Angebot und die damit verbundenen Zusagen Plutas informiert war. "Herr Kühne behält sich die Erhebung von Schadensersatzansprüchen ausdrücklich vor", heißt es am Schluss des Anwaltschreibens der Dortmunder Kanzlei Niebaum. An deren Spitze steht ein alter Bekannter Kühnes: der frühere Präsident von Borussia Dortmund, Gerd Niebaum.

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