Das Netz ist nur die Autobahn

In diesem Jahr werden die Stromkonzessionen in neun Voralbgemeinden vergeben. Wohin führt der Weg? Jürgen Schäfer sprach mit dem Gammelshäuser Bürgermeister Hans-Peter Zaunseder.

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Warum soll man etwas ändern, was gut funktioniert, fragt Bürgermeister Hans-Peter Zaunseder. Der Gammelshäuser Schultes erarbeitet für zehn Gemeinden einen Anforderungskatalog für Stromnetz-Betreiber. Foto: Giacinto Carlucci

Herr Zaunseder, Sie sagen, das Stromnetz sei eine technische Anlage und es gehe bei der Vergabe des Stromnetzes nicht um die Stromlieferanten. Aber hängt beides nicht doch zusammen?

HANS-PETER ZAUNSEDER: Das Netz ist nur die Autobahn für den Strom. Das ist völlig getrennt von den Stromlieferanten. Auch Sie und ich könnten zusammen eine Gesellschaft gründen, die Strom produziert oder verkauft. Nein, diesen Zusammenhang gibt es einfach nicht.

Ihr Bad Boller Kollege bezeichnet das Stromnetz als Schlüssel zu den Kunden. Das Albwerk, mit dem die Bad Boller kooperieren, hat diese Erfahrung offenbar gemacht. Wer die Konzession hat, kriegt auch Kunden.

ZAUNSEDER: Für die Kunden ist wichtig: Was kostet der Strom. Entscheidend ist der Preis. Und dann kann man noch unterscheiden: Will man Ökostrom ja oder nein.

Bad Boll oder Göppingen wollen das Stromnetz mit Partnern aus der Region betreiben. Sie versprechen sich davon Gewinne. Ist das für Ihre Gemeinde keine Perspektive?

ZAUNSEDER: Wenn ich Modelle wie Bad Boll anschaue - da sind die Gemeinden in geringer Form beteiligt. Vielleicht mit 25 Prozent. Das bedeutet 25 Prozent vom Gewinn - oder auch vom Risiko. Ob eine Gemeinde auch unternehmerisch tätig sein muss? Ich sehe ihre Aufgabe darin, Infrastruktur vorzuhalten.

Für einen Wechsel spricht: Die Wertschöpfung bleibt in der Region, und man kann damit die Stromart beeinflussen. Ob man grünen Strom will oder einen Anteil Atomstrom auf zehn Jahre hinaus. Ob man regenerative Energien fördern will über ein eigenes Stromwerk. Sind das Argumente?

ZAUNSEDER: Da muss man wieder unterscheiden: Es geht jetzt um die Konzession, das ist das Recht, in den Boden Leitungen zu legen. Das Netz ist für alle da, wir müssen jeden Strom durchlassen, ob Atomstrom oder regenerativer Strom, von Fotovoltaik oder Biogas. Zum Thema Wertschöpfung: Die Mitarbeiter für den Netzbetrieb werden im Normalfall aus der Region kommen, so oder so. Natürlich kann man mit dem Netz Gewinn machen. Aber man muss es auch unterhalten. Die Marge ist eng begrenzt und ist von der Bundesnetzagentur vorgegeben.

Die Bewerber für die Stromkonzession unterscheiden sich auch im Punkt Strom verkaufen oder Strom sparen. Die Energiewerke Schönau, die sich bei der Bürgerversammlung vorgestellt haben, verstehen sich als Bürger-Werke, die das Stromsparen aktiv fördern wollen.

ZAUNSEDER: Vorab nochmals - es geht bei der Konzessionsvergabe nur ums Netz. Die Schönauer wollen auch Strom verkaufen und müssen das auch. Sie können nur soviel Anreize zum Stromsparen schaffen, wie es ihr Budget zulässt. Im übrigen hat sich Schönau bei uns nicht beworben. Sie sind mit dem Ziel angetreten: weg vom Atomstrom, hin zu regenerativer Energie, aber diese Energie muss erst einmal erzeugt sein. Das kann man nicht über Nacht machen. Und was das Stromsparen betrifft: das liegt im ureigenen Interesse von jedem.

Sie sind der Federführende für zehn Gemeinden von Schlat bis Albershausen, wie die Anforderungen an den künftigen Stromnetz-Betreiber aussehen sollen. Wie sieht dieser Katalog aus? Ist damit schon eine Richtung vorgegeben?

ZAUNSEDER: Ich mache die Vorarbeiten, entscheiden muss jeder Gemeinderat für sich. Ich versuche einen möglichst gemeinsamen Weg zu finden. Die Richtung ist damit nicht vorgegeben. Es gibt immer wieder Punkte, auf die einer mehr oder weniger Wert legt. Und die Vergabe muss diskriminierungsfrei sein. Wir können nicht frei vergeben, sondern an den, der unsere Kriterien am besten erfüllt. Da gibt es formale Kriterien und Dinge, bei denen es ums Geld geht. Ganz wichtig ist Zuverlässigkeit.

Wenn wir es recht sehen, ist die Bereitschaft zum Wechsel in den Voralbgemeinden gar nicht da. Bad Boll ist die Ausnahme.

ZAUNSEDER: Es gibt die klare Aussagen von den Bürgermeister-Kollegen: Wir wollen das Netz zusammenhalten, in welcher Form auch immer. Je größer das Netz, umso wirtschaftlicher der Netzbetrieb. In Gammelshausen gibt es genau zwei Bewerber: die ENBW und die EVF. Es gibt auch das Modell Süßen: Das Netz wird zurückgekauft und an den bisherigen Konzessionär verpachtet. Das hieße für Gammelshausen: 500 000 bis 600 000 Euro für den Netzkauf, und wenn man dann auch noch den Betreiber wechselt, plus Entflechtungskosten. Von den Netznutzungsgeldern müsste man das Netz unterhalten.

Was ist mit der Befürchtung, die Netze würden zersplittert, wenn jede Gemeinde ihr eigenes Netz betreibt. Ist das ein Problem? Jede Gemeinde hat ja auch ihr eigenes Straßen- oder Abwassernetz.

ZAUNSEDER: Beispiel Gammelshausen: Wir kriegen Strom von Heiningen und Bad Boll. Wenn die Leitung von Bad Boll gekappt wird - ich weiß nicht ob das technisch so passiert - ist der Verbund zerschnitten. Es müssen mindestens Messstellen rein. Das Handling wird komplizierter, wenn es mal einen Stromausfall gibt. Da braucht man den Netz-Nachbar für Umleitungen. Und wenn wir ein eigenes Netz hätten, müssten wir es wirtschaftlich betreiben, das heißt in Schuss halten, weil wir sonst geringere Nutzungsentgelte von den Stromlieferanten bekommen. Beispiel Abwasser: Wir haben auch keine eigene Kläranlage, wir haben sie in Göppingen.

Finden Sie die Diskussion über die Stromkonzessions-Vergabe richtig? Oder hätte man es einfach beim Alten belassen sollen? Den Vertrag alle 20 Jahre erneuern?

ZAUNSEDER: Sie ist richtig, weil transparent wird, was es denn an Möglichkeiten gibt. Vor 20 und 40 Jahren gab es ja noch keine Trennung zwischen Stromversorger und Netzbetreiber. Ich persönlich bin mit dem seitherigen Betreiber absolut zufrieden, da kann ich auch für die Kollegen sprechen. Ich tendiere dazu, es bei der jetzigen Form zu belassen. Warum soll man etwas ändern, was gut funktioniert.

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