Das Amateurtheater im Land geprägt

Am 2. Oktober fällt der letzte Vorhang. Gerhart Kraner, der das Aktionstheater Donzdorf in 42 Jahren zur Marke gemacht hat, nimmt Abschied.

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Gerhart Kraner, der langjährige Leiter des Aktionstheaters Donzdorf, verabschiedet sich von der Bühne.  Foto: 

Dass die letzte Inszenierung Gerhart Kraners ausgerechnet „Donzdorfer Jahrmarktsfest“ heißt, kann eigentlich kein Zufall sein. Was zugleich die Frage provoziert: Ist nach 42 Jahren alles Jubel, Trubel, Heiterkeit? Er freue sich auf seinen Abschied, betont Kraner, es solle ein Fest, ein letzter Höhepunkt einer an Höhepunkten reichen Inszenierungsarbeit werden.

Doch er weiß auch, dass es in jüngerer Zeit hinter den Kulissen mehr Trubel als Jubel um den verdienten Theatermann gegeben hat – und dass darüber bei einigen Beteiligten die Heiterkeit wohl auf der Strecke geblieben ist.

Das Doppeltalent verabschiedet sich nicht nur vom Aktionstheater Donzdorf, sondern von der Bühnenarbeit überhaupt – und dies ist zweifellos ein Verlust für die Theaterszene nicht nur im Landkreis.

Nun also das Jahrmarktsfest. Dabei handelt es sich um eine für die große Chinareise im Frühjahr zusammengestellte Collage mit Goethe-Texten, die man vor 1200 Zuschauern in einer Welturaufführung in Jiaxing zeigte. Schauspieler des Aktionstheaters wirkten ebenso mit wie Bürgermeister Martin Stölzle oder Pfarrerin Katinka Kaden. Und beide sind wieder dabei, wenn es am 1. und 2. Oktober die Derniere gibt.

42 Jahre lang hat Gerhart Kraner in 120 Inszenierungen das Aktionstheater Donzdorf geleitet und darüber hinaus eine Menge für die Qualität des Bühnenspiels in Baden-Württemberg bewirkt. Als Künstlerischer Leiter des Landesverbands Amateuertheater hat er vor 20 Jahren ein neues, noch heute gültiges Curriculum für die Fortbildung entwickelt, er hat sich für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Profi- und Laientheatern eingesetzt und ist mit seinen eigenen Ensembles immer wieder neue, experimentelle Wege gegangen. Generationen von Spielern und Besuchern hat das Aktionstheater künstlerische Impulse gegeben, neue Sichtweisen ermöglicht. Unvergessen ist die Aufführung von Faust I im Schlosspark, zu der sogar der spätere Stuttgarter Schauspieldirektor Friedrich Schirmer anreiste.

Auch mit seinen Kontakten ins Ausland hat er viel bewegt, vor allem durch das alle drei Jahre stattfindende Theaterfestival Donzdorf, das die kleine Stadt für einige Tage zum Mekka des internationalen Theaters machte. „Brücken zu bauen und ein politisches Bewusstsein zu schaffen“ – das ist ihm immer wichtig gewesen.

Inzwischen ist Kraner 74 Jahre alt. „Es ist die Zeit gekommen, als Kapitän das Aktionstheaterschiff zu verlassen“, meint der 2006 pensionierte Lehrer des Rechberg-Gymnasiums, aus dem eine Vielzahl von jungen Talenten zum Aktionstheater stieß. So habe er auch endlich mehr Zeit für die Malerei, seine zweite große Leidenschaft.

Ein Abschied also ganz ohne Reue? Der Regisseur Kraner macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Arbeit mancher Kollegen zu wenig politisch und gesellschaftskritisch ist („Viele machen Theater nur noch zur Belustigung“). Auch hätte er sich den Generationenwechsel und die Trennung im eigenen Verein harmonischer gewünscht, als er in Donzdorf vonstatten ging. Doch wenn am 2. Oktober zum letzten Mal der Vorhang fällt, dann wird dies alles weit in den Hintergrund gerückt sein. Dann wird auf der Bühne gefeiert Und was wäre dafür passender als ein Donzdorfer Jahrmarktsfest.

Info Aufgeführt wird die Theatercollage „Donzdorfer Jahrmarktsfest“ am Samstag, 1. Oktober, ab 20 Uhr, sowie am Sonntag, 2. Oktober, ab 19 Uhr.

Zur Person

Gerhart Kraner wurde 1942 im thüringischen Gera geboren. 1972 begann er seinen Lehrdienst am Rechberg-Gymnasium in Donzdorf. Der Künstler und Regisseur hat 42 Jahre lang das Aktionstheater Donzdorf geleitet und ist Initiator und künstlerischer Leiter des Theaterfestivals Donzdorf, das 1992 ins Leben gerufen wurde und alle drei Jahre stattfindet. Seit 1989 betätigt sich Kraner als Theaterlehrer. Außerdem war er bis vor zwei Jahren Künstlerischer Leiter des Landesverbands Amateurtheater Baden-Württemberg. Seine zweite große Passion hatte Kraner bereits früh in der Bildenden Kunst gefunden, er engagierte sich auch als Maltherapeut auf der Palliativstation der Geislinger Helfenstein-Klinik. Für sein Lebenswerk erhielt er 2006 das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk. maz

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