Chinesisches I Ging in Eckwälden

|
Vorherige Inhalte
  • 1/3
  • Richard Wilhelm - unser Bild zeigt ihn als jungen Missionar - ist zusammen mit seiner Frau Salome auf dem Friedhof der Brüdergemeine in Eckwälden begraben. Auf dem oberen Bild ist die Treppe zum Taishan, dem heiligen Berg des Daosimus in China, zu sehen. Fotos:Triluna Film AG 2/3
    Richard Wilhelm - unser Bild zeigt ihn als jungen Missionar - ist zusammen mit seiner Frau Salome auf dem Friedhof der Brüdergemeine in Eckwälden begraben. Auf dem oberen Bild ist die Treppe zum Taishan, dem heiligen Berg des Daosimus in China, zu sehen. Fotos:Triluna Film AG
  • Bettina Wilhelm hat dem Leben des Großvaters nachgespürt. 3/3
    Bettina Wilhelm hat dem Leben des Großvaters nachgespürt.
Nächste Inhalte

Bettina Wilhelm, Enkelin des weltbekannten Sinologen Richard Wilhelm, der 1930 auf dem Eckwäldener Friedhof der Herrnhuter Brüdergemeine beigesetzt wurde, hat dem Leben ihres Großvaters nachgespürt und einen Dokumentarfilm gedreht.

Von Sylvia Nickus

Ich wollte meinen Großvater kennen lernen", sagt Bettina Wilhelm. Das sei ihr Motiv gewesen, den Dokumentarfilm "Wandlungen - Richard Wilhelm und das I Ging" zu machen. "Mein Großvater starb über 20 Jahre vor meiner Geburt. Ich kannte nur seine Bücher, die bei uns zu Hause im Regal standen". Sie machte sich auf die Spurensuche und reiste ihm an die Orte in China und Deutschland nach, an denen er wirkte. Es sei ihre Erstbegegnung mit dem heutigen China gewesen, Orte mit teilweise deutscher Architektur. Das ehemalige Wohnhaus ihres Großvaters stehe noch und sei gut gepflegt. Eine Plakette mit seinem Namen sei an der Wand des Hauses befestigt, in Deutschland habe sie solche Hinweise auf sein Wirken nirgends gesehen. Auch die Schule, die ihr Großvater in Qingdao gründete, steht noch. Das Tagebuch ihres Großvaters diente ihr als Wegweiser für ihre Reise.

Ihre eigenen Reiseimpressionen, gemischt mit Aufnahmen aus der Zeit ihres Großvaters, setzte Bettina Wilhelm filmisch zu einer abwechslungsreichen Collage um. Es entstand ein Dokumentarfilm, der in Stuttgart im Kino Bollwerk die Säle füllte.

Geboren wurde Bettina Wilhelm in Shanghai, heute wohnt sie in Basel und Berlin. Förderung erhielt die Koproduzentin von einer Filmfirma aus der Schweiz. Aus Deutschland fanden sich keine Förderer für den Film, der rund 300 000 Euro gekostet habe.

Sie sei mit einem erstklassigen und hochmotivierten Team an die Orte nach China gereist, sie konnten sich über einen Dolmetscher verständigen und waren sehr gut untergebracht. Ihr Großvater sei inzwischen "rehabilitiert" worden, sagt Wilhelm, denn im kommunistischen China befasste man sich damals nicht mit den alten Schriften. Heute sei er aber wieder im Bewusstsein einiger Chinesen aus dem akademischen Bereich, konnte die Filmemacherin auf ihrer Reise feststellen.

Richard Wilhelm wurde 1873 in Stuttgart geboren. Nach seinem Studium der evangelischen Theologie in Tübingen wirkte Wilhelm 1897 in Bad Boll als Pfarrer. Seine Begegnung mit dem Bad Boller Pfarrer Christoph Friedrich Blumhardt wurde für ihn lebensbestimmend. Wilhelm verlobte sich 1899 mit Blumhardts Tochter Salome. Zunächst brach er als Missionar alleine im Dienste der Ostasien-Mission in das Kaiserreich China auf, ließ seine Verlobte aber wenig später nachkommen und heiratete sie 1900 in Shanghai. Beide wirkten zwanzig Jahre lang in der Stadt Qingdao in der Provinz Shandong, die damals deutsches Kolonialgebiet war. Der sprachbegabte junge Missionar lernte den liberalen Missionar Dr. Ernst Faber kennen, der bereits eigene Übersetzungen chinesischer Schriften gemacht hatte und ihm als sein Erster Vorgesetzter empfahl, zunächst einmal die chinesische Sprache gründlich zu erlernen.

Statt die Chinesen zum christlichen Glauben zu bekehren, wie es seine Aufgabe gewesen wäre, begann Richard Wilhelm jedoch bald mit seiner Mission in "umgekehrter" Richtung: Er taufte keinen einzigen Chinesen, wandte sich stattdessen dem Verständnis des chinesischen Denkens zu und wurde "zum Vermittler zwischen Ost und West." Er gründete eine Schule, die heute noch seinen Namen trägt, sowie ein Hospital.

Damals wurde China von Kolonialmächten ausgeblutet, darunter auch Deutschland. Wilhelm erlebte die Revolten gegen die verhassten Ausländer. Gemeinsam mit einem chinesischen Arzt schaltete er sich als Vermittler ein, als deutsche Truppen chinesische Dörfer angriffen, und verhinderte so weiteres Blutvergießen. Er erlebte das Ende des über zweitausend Jahre währenden chinesischen Kaiserreichs und die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, bei dem Deutschland seine chinesische Kolonie Qingdao verlor.

In dieser Zeit, in der alles im Umbruch und Neuentstehen war, machte sich Richard Wilhelm auf die Suche "nach der tiefsten Wahrheit, die den Menschen hilft, mit dem Wandel umzugehen und befähigt, das eigene Leben zu gestalten." Er studierte die alten chinesischen Schriften und übersetzte sie ins Deutsche: Konfuzius, Laotse, die wichtigsten Texte des Daoismus und vor allem das "I Ging", das Buch der Wandlungen, das bis heute vielen Lesern im Westen als Inspiration dient und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

"Das I Ging ist eine der ältesten Schriften der Menschheit", erklärt Bettina Wilhelm. Es spiele in China eine ähnlich bedeutende Rolle wie die Bibel bei uns in Deutschland. Die ältesten Teile stammten noch aus schamanistischen Zeiten vor rund 4000 Jahren. In der Zeit von Konfuzius, etwa 500 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung, habe es Ergänzungen erfahren und sei zu einem philosophischen Werk geworden. Im Alten China wurde das I Ging von den chinesischen Kaisern vor wichtigen Entscheidungen als Orakelbuch befragt.

Wie die Zeremonie vor sich ging, ist in Hermann Hesses Buch "Das Glasperlenspiel" nachzulesen. Man teilt ein Bündel Schafgarbenstängel in vorgeschriebener Abfolge, um ein Hexagramm zu erhalten, dessen Bedeutung im Buch der Wandlungen nachzulesen ist. Voraussetzung für eine exakte Weissagung ist, dass man seine Frage exakt formuliert, was nicht so einfach ist. Das I Ging weist die Richtung, wie man aus einer bestimmten prekären Situation das Beste machen kann.

Richard Wilhelm gilt bis heute als bedeutendster Sinologe (Chinakenner) weltweit, aber Bettina Wilhelm schränkte ein, dass die Übersetzungen der alten chinesischen Schriften ihres Großvaters ins Deutsche unter den deutschen Sinologen heute in Teilen umstritten seien.

Zurückgekehrt nach Deutschland übernahm Wilhelm 1924 den ersten Lehrstuhl für Chinakunde an der Frankfurter Universität und gründete das China-Institut für weiteren Kulturaustausch. 1930 starb er im Alter von 56 Jahren und fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof der Herrnhuter Brüdergemeine in Bad Boll. Acht Strich-Symbole aus dem I-Ging umrunden den erdballförmigen Grabstein Richard Wilhelms und seiner Frau Salome.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

CDU siegt trotz schwerer Verluste im Landkreis Göppingen

Hermann Färber (CDU) verliert kräftig, verteidigt aber sein Direktmandat. Auch Heike Baehrens (SPD) schafft den Wiedereinzug in den Bundestag. Neu in Berlin ist der AfD-Mann Volker Münz. weiter lesen