Vortrag: Bücher, die Raub der Flammen wurden

Die Angst vor dem geschriebenen Wort – sie ist allen totalitären Regimen gemein. In der Stadtkirche wurde der Bücherverbrennung vor 84 Jahren gedacht.

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Wolfgang Klein erinnerte in der Göppinger Stadtkirche an bekannte und vergessene Autoren, die Opfer der Verfolgung wurden.  Foto: 

Welch ein Visionär: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen.“ Heinrich Heine formulierte dies bereits in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Seine Bücher waren ebenfalls ein Raub der Flammen geworden, als der NS-Studentenbund kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis zum Angriff gegen das geschriebene Wort aufrief und Bücher von unliebsamen Geistern verbrannte.

Gemeinsam scheint allen Diktaturen die große Angst vor dem geschriebenen Wort zu sein – daran hat sich, wie aktuelle Ereignisse belegen, nichts geändert. Anlässlich des 84. Jahrestages der Bücherverbrennungen in Deutschland erinnerten Ilona Abel-Utz und Wolfgang Klein in der Göppinger Stadtkirche an bekannte und vergessene Autorinnen und Autoren, die Opfer der Verfolgung wurden, die ins Exil getrieben wurden und die deutlich machen, wie wertvoll das freie Wort ist.

„Lassen Sie uns gemeinsam eintreten für die Meinungsfreiheit und Demokratie“, ermunterte Thomas Meyer-Weithofer von der Evangelischen Erwachsenenbildung die überwiegend älteren Besucher der Lesung. Sie war geprägt von den engagierten und emotionalen Vorträgen von Abel-Utz und Klein.

Während Klein die bekannten Opfer des Akts der Barbarei zu Wort kommen ließ – Brecht, Kästner, Tucholsky – gab Abel-Utz meist vergessenen Frauen eine Stimme. Sie hatten es doppelt schwer – schreibende Frauen waren in der NS-Ideologie nicht vorgesehen.

Im Übrigen taten sich auch viele Kollegen schwer mit ihnen wie auch die (überwiegend männliche) Kritik. Zu Herzen geht die Geschichte von Selma Merbaum-Eisinger, die für eine Heranwachsende überraschend eindrückliche Gedichte schrieb, die mit gerade einmal 18 Jahren ermordet wurde.

„Wie Rauch ins Nichts verfliegend“ empfand sie sich im letzten Gedicht aus dem Arbeitslager Michailowska. Fantastisch ist die Geschichte der Rettung ihrer Gedichte, die ihrem Leben Stimme geben – und allen die Hoffnung, dass das ehrliche Wort letztendlich bleibt.

Gedenken Die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 waren Höhepunkt der „Aktion
wider den undeutschen Geist“, mit der die Nazis jüdische, marxistische, pazifistische und oppositionelle Autoren verfolgten.
Zu den „Verfemten“ gehörten Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Marieluise Fleißer, Sigmund Freud, Franz Kafka, Heinrich und Klaus Mann, Erich Maria Remarque, Joachim Ringelnatz, Bertha von Suttner und Stefan Zweig.

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