Bodenfeld: Vom Problemfall zum Dynamik-Gebiet

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Das Bauprojekt „Familienwohnen“ im Bodenfeld. Die 60 neuen Wohnungen beim Freibad sind sichtbares Zeichen für die Wandel in dem Quartier.  Foto: 

Gestern um die Mittagszeit im Bodenfeld: An der Großbaustelle „Familienwohnen“ gleich vorne beim Freibad rumort die Betonpumpe auf Hochbetrieb. Dort zieht die städtische Tochtergesellschaft Wohnbau Göppingen (WGG) eine Anlage mit 60 Wohnungen hoch – zum Mieten oder zum Kaufen. Auch ein neuer Kirchsaal und Kita sollen in der neuen Wohnanlage ihren Platz finden. Denn die evangelische Kirche hat die zentral gelegene, aber viel zu groß gewordene Martin-Luther-Kirche verkauft.

Die weithin sichtbare WGG-Baustelle ist auch ein Symbol der großen Dynamik, die in dem von manchen Göppingern kaum wahrgenommenen Quartier herrscht. Geht man durch die Straßen, dann fallen die vielen meist von der WGG frisch modernisierten Mietswohnhäuser auf. Neue Fassaden, Balkone und Grünzonen. Viel hat das kommunale Unternehmen WGG in den vergangenen Jahren in das einstige Problemviertel investiert. „Wir haben die Herausforderungen angenommen“, sagt Wohnbau-Geschäftsführer Volker Kurz. Denn in den 80er und 90er Jahren konzentrierte sich in Teilen des Gebiets das „Wohnen zur Vermeidung von Obdachlosigkeit“, wie es im Beamtendeutsch heißt. Die Sozialstruktur galt als problematisch. Viele Wohnungen waren nicht mehr zeitgemäß, die Bewohner oft sehr alt.

„Diese Konzentration gibt es so nicht mehr“, sagt Kurz. Umfangreiche Kernsanierungen im Herzen hätten dem Quartier neuen Atem eingehaucht. Die Wohnbau setzt auf Durchmischung. Familien mit Kindern gehören ebenso zum Straßenbild wie Studenten. 170 von ihnen leben im Bodenfeld in Wohnheimen. „Meistens funktioniert das“, sagt Detlev Schorlau, Künstler und seit 19 Jahren engagierter Kämpfer für sein Quartier. „Natürlich regen sich immer Leute auf, wenn die an einem schönen Abend draußen ein Bier trinken.“

Auch Flüchtlinge aus anderen Kulturen und mit anderen Lebensgewohnheiten haben zumindest vorübergehend eine neue Heimat in dem Stadtteil gefunden. „Da gab es auch nix Dramatisches“, findet der 75-jährige Schorlau. In seinen Augen macht eben diese Mischung einen lebendigen Stadtteil aus. Einerseits alteingesessene Bewohner in schmuck renovierten 50er-Jahre-Eigenheimen entlang enger Anliegersträßchen. Andererseits eine junge und mobile Bevölkerung, die in Bewegung ist. Mit den Strukturverbesserungen sei es gelungen, „den Trend anzuhalten und umzukehren“, findet Volker Kurz. Der Wohnraum-Bedarf ist ungebrochen. Auf der anderen Seite der Ulmer Straße im Gebiet Bruckwasen, werden jetzt auch wieder Einfamilien- und Reihenhäuser gebaut. Dort entstehen zudem in WGG-Regie viele günstige Wohnungen für Menschen mit etwas schwierigerem sozialen Hintergrund, die auf dem Wohnungsmarkt bei überhitzter Marktlage kaum eine Chance hätten. Die Strategie der Wohnbau beschreibt Kurz in etwa so: Für die treue Klientel neuen oder sanierten Wohnraum zu schaffen, damit beispielsweise für die Unterbringung von Flüchtlingen andere Flächen frei werden. Zeitweise war die Flüchtlingsunterbringung eine Herkulesaufgabe. Die Stadt und die WGG konnten die Unterstützung der Stuttgarter Wohnbaugenossenschaft Flüwo gewinnen: In deren geräumten Mietshäusern an der Julius-Keck-Straße waren und sind viele Flüchtlinge interimsmäßig untergekommen. Wenn diese Altbauten bis Ende des Jahres durch den Landkreis geräumt sein werden, wird die Flüwo dort weitere 42 neue Geschosswohnungen bauen. Allerdings: „Die Anschlussunterbringung ist nicht ganz einfach“, räumt Kurz ein.

Sein Fazit: „Mir ist der Stadtteil wichtig und er kann Vorbild sein für andere Quartiere“. Der Wohnbau-Chef zieht immer wieder den Vergleich zum Reusch an der entgegengesetzten Ecke der Stadt. Wer durch das Bodenfeld geht, sieht aber auch dies: In den meisten ehemaligen Geschäften und Lokalen entlang der Hauptachse Karl-Schurz-Straße ist das Licht schon länger ausgegangen. Eine Kneipe, in der sich alle treffen, das fehle dem Bodenfeld, sagt auch Detlev Schorlau. Das funktioniere irgendwie nicht. Für bessere Einkaufsmöglichkeiten setzen die Bodenfelder auf das beim ehemaligen „Bauhaus“ entstehende Versorgungszentrum mit Aldi und anderen. Allerdings müsse da noch eine gute Verbindung über die ehemalige Bahntrasse her, sagt Schorlau. Ansonsten stimmt er der These vom Stadtteil der kurzen Wege zu. „Man ist in 25 Minuten zu Fuß am Marktplatz und alle 30 Minuten fährt ein Bus“. Und beim Freibad werde der noch unbebaute grüne Zwickel, gewissermaßen das Entree zum Bodenfeld, perspektivisch ebenfalls bebaut, sagt der Wohnbau-Chef Kurz. „Drei Viertel der Flächen gehören der Stadt“

Detlev Schorlau ist jedenfalls sicher: Wegziehen wird er aus dem Bodenfeld nicht mehr.

Ursprung: In den 1930er bis 1950er Jahren entstand das Wohnquartier Bodenfeld im Südosten der Stadt auf der grünen Wiese . Mehrere tausend Göppinger leben hier noch immer.

Versorgung: Früher gab es viele Geschäfte und Lokale, sogar ein Kino. Die Infrastruktur ließ sich auch hier nicht  halten. Geblieben sind aber die Grundschule und die Hermann-Hesse-Realschule.

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