Göppinger Bildungsmesse: Nachwuchs dringend gesucht

Ob Elektroniker, Gerber oder Angestellter im Finanzamt: Die Göppinger Bildungsmesse ist ein riesiger Markt der Möglichkeiten.

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Ein volles Messegelände, 140 Aussteller, mit tausenden Besucher. Schon kurz nach 9 Uhr am Samstagmorgen sind in der Werfthalle die Mitarbeiter auf den Messeständen vieler Firmen von Interessierten umlagert: Die Bildungsmesse 2017 ist ein riesiger Markt der Möglichkeiten, für Betriebe, Institutionen und natürlich für Berufseinsteiger. Denn um den Nachwuchs geht es den Ausstellungsmachern der Staufen-Plus-Agentur und den ausstellenden Betrieben ganz besonders: „Mehr als 1000 Karrieremöglichkeiten gibt es hier“, hat NWZ-Verlagsleiter und Staufen-Plus-Geschäftsführer Mario Bayer gezählt.

Trotz des großen Interesses und des Andrangs an vielen Ständen haben viele Unternehmen im Landkreis das gleiche Problem: Zu wenig Nachwuchs. „Es kommen einfach zu wenig Bewerbungen rein“, sagt Martin Leutz, Obermeister bei der Metall-Innung des Landkreises Göppingen. Viele Betriebe suchten händeringend. Voraussetzung für eine Ausbildung ist „ein guter Hauptschulabschluss und Spaß am Umgang mit Metall“.

Ob Metall zu ihnen passt, sollten Interessierte mit einem Praktikum ausprobieren. Auch am Messestand können sie etwas lernen: Schweißen, mitten in der Werfthalle. Nicht einmal der Brandschutz hat etwas dagegen, Leutz hat einen Schweißsimulator mitgebracht. Er setzt sich die Schweißermaske auf, mit der Schweißpistole fährt er über ein grünes Kunststoffbrett. Auf dem Bildschirm in seiner Maske sieht er nicht das Brett, sondern eine Flamme und eine virtuelle Schweißnaht, die er in schönster Regelmäßigkeit über zwei Metallstücke zieht. Auch auf dem Bildschirm am Tisch neben ihm ist zu sehen, wie exakt Leutz schweißt.

Bei den Lehrlingen zeigt das Gerät aber auch Fehler an. „Die Digitalisierung ist in der Ausbildung angekommen“, sagt Jürgen Wittlinger, Schulleiter der Gewerblichen Schule Göppingen, in deren Räumen die Berufsschüler an vier Schweißsimulatoren üben können. Gut 200 Metaller in allen drei Lehrjahren lernen an seiner Schule. Und nicht nur die. Auch um den dringend benötigten Elektroniker-Nachwuchs kümmert sich Wittlingers Schule. Um auch Abi­turienten dafür zu begeistern, gibt es in enger Zusammenarbeit mit den Unternehmen Heldele und Speidel ein neues Ausbildungsformat. Elektro-Plus heißt es und dabei können Berufseinsteiger „innerhalb von viereinhalb Jahren zum Meister ausgebildet werden“, sagt Rolf Locher, Ausbildungsleiter bei Heldele in Salach. Das Programm setzt sich aus Trainee-Einheiten in den Unternehmen, klassischer Berufsausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik und Weiterbildung zum Meister Elektrotechnik zusammen. Das Projekt ist brandneu, im Februar starten die ersten beiden Auszubildenden mit der Berufsschule.

Ganz alt ist dagegen das Gerber-Handwerk. Und das ist ein Problem, denn „es ist ein alter Beruf, den kaum noch jemand kennt“, sagt Benjamin Frandl. Er ist Personalreferent und Ausbildungsleiter bei der Firma Bader, und dort ist das alte Handwerk hochaktuell. Das Göppinger Unternehmen ist einer der ganz wenigen Leder-Lieferanten für die Autoindustrie. Ob Porsche-, Daimler- oder Toyota-Fahrer, alle sitzen auf von Bader veredelten Rinderhäuten. Kira Packham kannte den Beruf. „Zu Hause auf dem Bauernhof gab es immer Rinder“, sagt sie, es wurde selbst geschlachtet. Irgendwann begann sie zu nähen, besonders gern mit Leder. Der Weg zu Bader war dann trotz der Entfernung, Packham kommt aus Bremen, nicht mehr weit. Auch die einzige Berufsschule für Gerber ist im Süden, in Reutlingen. Packham ist im zweiten Lehrjahr bei Bader, wenn sie mit der Ausbildung fertig ist, ist sie Fachkraft für Lederherstellung und Gerbereitechnik, so heißt die Gerberin von heute.

Vom Gerberhandwerk zum Finanzamt, in der Werfthalle ist das nur ein kurzer Weg. Der Göppinger Amtsvorsteher Michael Birk hat zwar keine akuten Nachwuchssorgen: „Aber die Finanzverwaltung hat die Ausbildungsstellen erhöht, in den kommenden Jahren gehen viele Mitarbeiter in Pension.“

Messegelände Angesichts der Größe und Relevanz der Bildungsmesse für die Wirtschaft im Landkreis Göppingen erinnert OB Guido Till daran, dass die Werfthalle und das Gelände durch den Verkauf an die Firma Kleemann bald nicht mehr zur Verfügung steht. „Es wäre jammerschade, wenn dieses Format verloren gehe.“ Göppingen brauche ein Messegelände nicht nur für die ­Bildungsmesse, auch für die Märklin-Tage mit 60.000 Besuchern. Till hat als neuen Messestandort die alte ­Gießerei im Boehringer-Areal im Auge.

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