Bettelrufe von Jungvögeln sind kein Hilfeschrei

Viele Menschen bringen einen scheinbar verletzten Jungvogel zum Tierarzt. Bei der Hälfte der Fälle stellt sich dann aber heraus, dass das Tier nicht verletzt ist. Wie kann der Laie in dieser Situationen reagieren?

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Wenn die Vogelmama Futter bringt, dann piepsen die jungen Vögel laut im Nest.  Foto: 

Ein Jungvogel sitzt in der Natur und piepst mit zartem Stimmchen vehement um Futter. Die Vogelmama ist weit und breit nicht in Sicht. Der Nachwuchs scheint verloren umher zu ziehen. Immer wieder kommt es vor, dass Tierliebhaber diese Zeichen falsch deuten, denn die Bettelrufe sind meistens keine Hilfeschreie: Sobald sich der vermeintliche Retter nämlich entfernt, wird seine Mama den kleinen Piepmatz einsammeln und wieder ins Zuhause bringen. Woher soll aber der Finder wissen, ob das Tier nicht doch Hilfe benötigt?

Jürgen Schmid vom Tierheim in Göppingen weiß, an wen sich Tierfreunde bei Unsicherheit wenden können: Zuerst solle ein Tierarzt um Rat gefragt werden. Dieser könne den Zustand des Jungvogels besser einschätzen. Der Naturschutzbund oder die Naturschutzbehörde im Göppinger Landratsamt, können ebenfalls weiterhelfen.

Der Göppinger Tierarzt Dr. Peter Rolf berichtet, dass etwa zwei Mal pro Monat Tierliebhaber mit Jungvögeln in die Praxis kommen. Er möchte klarstellen, dass beim Umgang mit Jungvögeln das Alter entscheidend ist: Nestlinge erkenne der Finder an einem nackten und faltigem Körper, Ästlinge dagegen haben schon ein flauschiges und ausgebildetes Federkleid. Der große Unterschied liege darin, dass Nestlinge aus Versehen aus der Brutstätte gefallen und dringend auf fremde Hilfe angewiesen sind. Sie könnten nur überleben, wenn sie zurück in ihr Nest oder zum Tierarzt gebracht werden, erklärt der Veterinär.

Ästlinge hingegen seien ganz bewusst aus dem Nistplatz gehüpft, um die Umgebung zu erkunden. Sie sind oft noch nicht in der Lage zu fliegen und werden deshalb fälschlicherweise mitgenommen und zum Tierarzt gebracht. Das darf aber nur geschehen, wenn das Tier verletzt ist. Denn es bedeute für die gesunden Vögelkinder meistens, dass sie nicht überleben werden - trotz sorgfältiger und liebevoller Pflege. Etwa die Hälfte der Vögel überleben nicht, wenn sie vom Menschen großgezogen werden, schätzt der Arzt.

Piepsende Jungvögel sind nicht automatisch bedroht: Die Vogelmama wird ihren Nachwuchs auf jeden Fall suchen und wieder zurück in das Zuhause bringen, wenn der Vogel den Weg nicht mehr finden sollte. Spätestens, wenn er Hunger hat, wird er so laut piepsen, dass seine Mama ihn orten kann. "Die Leute meinen es natürlich nur gut, aber mir wäre es immer lieber, wenn die Finder die Ästlinge einfach am Fundort lassen, denn Vögelmütter suchen nur eine gewisse Zeit lang nach dem Nachwuchs, danach ist es dann zu spät und dem Finder bleibt keine andere Wahl, als den Vogel selbst großzuziehen oder ihn dem Tierarzt zu übergeben", fügt der Doktor hinzu.

Gefundene Nestlinge hingegen müssen vom Menschen mitgenommen werden, denn das Vogelbaby kann sich noch kein Gehör verschaffen. In der Natur ist das Vogelbaby dann anderen Tieren schutzlos ausgesetzt. "Wenn Nestlinge zu uns gebracht werden, geben wir natürlich unser Bestes, damit es ihm bald wieder gut geht und werden ihn übergangsweise bei uns behalten, bis wir ein neues Zuhause für den Vogel gefunden haben", erzählt Dr. Rolf. Es sei klar, dass Tierarztpraxen nicht jeden Vogel behalten können. Oft würden dann Tierliebhaber das Vogelbaby großziehen.

Für Nestling und Ästling gelte jedoch gleichermaßen, dass sie aus Gefahrenzonen, wie zum Beispiel von einer Straße gebracht werden müssen. Sollte der Vogel verletzt sein, müsse er zum Arzt gebracht werden, denn eine Verletzung oder ein Handicap bedeuten in der Tierwelt das Todesurteil. Eine Verletzung könne der Finder daran erkennen, dass der Vogel auf dem Boden schleift oder auffällig blutet. Es solle aber trotzdem nicht als Verletzung gedeutet werden, wenn der Vogel nicht fliege, denn die Flügel seien oft noch nicht ausgewachsen.

Eine weitere irrtümliche Annahme möchte der Arzt ebenfalls aus dem Weg räumen: Die Menschen würden glauben, dass man weder Vogel noch die Vogeleier anfassen dürfe, weil diese sonst von der Mutter abgestoßen werden. Das sei aber falsch, denn Vögel hätten ein schlechtes Riechvermögen und würden ihren Nachwuchs wegen des menschlichen Geruchs nicht abstoßen.

Wer übernimmt eigentlich die Kosten für die Behandlung eines gefundenen Wildvogels? Das sei unterschiedlich, erzählt der Arzt: Normalerweise gelte, dass der Finder die kompletten Kosten übernehmen müsse. Die Göppinger Kleintierpraxis macht hier aber eine Ausnahme und übernimmt die Kosten, wenn es sich um kleinere Behandlungen wie einen Verband handele. Wenn eine Operation notwendig sei, um das Tier zu retten, würde man sich die Kosten teilen. "Es sollte natürlich in erster Linie um das Leben des Tieres gehen, das mit den Kosten, können wir mit dem Finder dann schon klären", betont Rolf.

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