Badekitsch erinnert an Ertrinkende

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Direkter Draht nach oben? Schön wär’s. Aber bei der Kitsch-Künstlerin Heike Sauer, bekannter unter dem Namen ihrer Comedy-Figur Marlies Blume, ist ohnehin nicht alles bierernst zu nehmen – wie auch in ihrer neuen Ausstellung in der Kulturmühle zu sehen ist.  Foto: 

Aufgereiht und eingereiht stehen sie da. Wie die Lemminge. Bereit zum Abmarsch auf den Friedhof der abgeliebten Kuscheltiere. Der rosa Plastikelefant, die Kitschvase, ein Zwergadler auf einem Sockel und die hölzernen Babuschkinfigürchen. Wertloser Kitsch? Gibt es für Heike Sauer alias Marlies Blume nicht. Die Kabarettistin und Künstlerin upcycelt „Gruscht“ zur Kunst.

Was aussieht wie Ausschuss, wird von Heike Sauer recycelt. Upcycling nennt die als Marlies Blume bekannte Kabarettistin und Landeskleinkunstpreisträgerin aus Eislingen den Vorgang, bei dem sie scheinbar nutzlos gewordenem Krempel ein neues Leben einhauchen will. Profanes erhebt sie zur Kunst – spielerisch, erfindungsreich, schräg und doch hintergründig. Zuhause in Ulm stapeln sich bei ihr die Kartons. Gefüllt, sortiert nach großen und kleinen Puppen und Figuren, nach allen möglichen Utensilien und getrennt nach Oberbegriffen. Ordnung muss sein. Wenn ausgepackt wird und das eine zum anderen kommt, beginne ein Prozess, der ihr unendliche Freude beschere und bei dem Kunst, die sie Kitsch-Art nennt, entsteht, sagt Heike Sauer. So entstehen große Installationen und Kleinkunst der anderen Art.

Jetzt stellt sie 176 ihrer Arbeiten in der Kulturmühle in Rechberghausen aus. Setzt Politisches und Religiöses, Kindermissbrauch, Konsumrausch oder Flüchtlingsdramen auf ihre Art und Weise in Szene. Ein Ungeheuer aus Ofenrohr, Tand und Tüll verschlingt und stopft in sich hinein, was es kriegen kann. Die Ärmel sind bespickt mit aus dem Verkehr gezogenen 500-Euro-Scheinen. Werte werden in Frage gestellt. An Dürers betenden Händen klebt ein Puppentorso. Der Mund wird zugehalten. Ihr „Schweig fein still“ ruft den Kindesmissbrauch in Erinnerung. Genauso wie die Unmengen an rosafarbenen Bade- und Strandutensilien an Lebensfreude und zugleich an das Flüchtlingssterben im Mittelmeer erinnern. Schrill ist das eine, ein lautloser Hilferuf das andere.

Heike Sauers Protest wird beim zweiten Hinsehen erkennbar. Ihre Kunst ist ambivalent. Das ist ihre Stärke. Weil sie Wunsch und Wirklichkeit zusammenbringt, Kinder- und Erwachsenenwelten nebeneinander stehen lässt und sich Traum zur Wirklichkeit gesellt. Etwas, was Kinder spielerisch zu leisten vermögen: vordergründigen Spaß mit hintergründiger Ernsthaftigkeit zu verbinden. Als Künstlerin und Kabarettistin sind Heike Sauer und Marlies Blume aufreizend bipolar und immer wieder das Gegenteil von sich selbst.

Info Öffnungszeiten in der Kulturmühle Rechberghausen: Sa. und So. 14-18 Uhr (bis 16. Juli). Führungen mit Heike Sauer finden am 2., 8., 9. und 15. Juli jeweils ab 15 Uhr statt.

Alter Ego Als Comedy-Figur Marlies Blume gewann Heike Sauer bereits 2006 den Sebastian-Blau-Preis für ausgezeichnete schwäbische Mundart. Bei den Proben zur Abschlussveranstaltung ihrer Ausbildung als Tänzerin hatte sie einen Tritt vors Knie bekommen und musste operiert werden. Aus war es mit dem Beruf als Tänzerin. Sie wollte Schauspielerin werden, wurde aber nicht angenommen, wollte Mathematik studieren und aufhören mit der Kunst, was bei ihrem Naturell nicht möglich war. 1995 bei einem Silvesterball betrat sie erstmals als Marlies Blume die Bühne. Mit dieser Kunstfigur erhielt sie 2008 den Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg. Zudem erlernte Heike Sauer den Beruf der Logopädin. Am Freitag, 14. Juli, wird sie mit dem Kabarett-Duo „Münch & Sauer“ in der Kulturmühle auftreten.

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