Ausschlafen kostet Freizeit

Den Unterricht auch mal später anfangen lassen - mit diesem Vorschlag ließ der Göppinger Landrat im Herbst aufhorchen. Schüler, Eltern und Schulleiter sind nicht abgeneigt, sie kennen aber auch die Fallstricke.

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Kreis Göppingen - Über flexible Schulbeginn- und Schlusszeiten müsse nachgedacht werden, forderte Landrat Edgar Wolff und hatte vor allem den Ansturm auf die Schulbusse im Blick. Die NWZ hat sich umgehört, ob Schüler, Eltern und Rektoren die Idee gut finden und auch für umsetzbar halten.

Das sagen Schüler:

Inka Falke aus der zehnten Klasse der Heinrich-Schickhardt Gemeinschaftsschule in Bad Boll findet den Vorschlag für flexible Schulanfangszeiten schlecht. Sie befürchtet dass dadurch an weiteren Nachmittagen Unterricht stattfinden würde. Somit hätte sie weniger Zeit für ihre Hobbies und müsste öfter den ganzen Tag in der Schule bleiben. Sie denkt auch, dass dieser Vorschlag so nicht in die Praxis umgesetzt werden könnte, da es auch "Beschwerden von den Vereinen geben würde."

Anders sieht das Melanie Liebrich aus der Schiller-Realschule Göppingen. Die 14-Jährige findet den Vorschlag gut, weil sie davon überzeugt ist, dass sie bei späterem Schulbeginn besser denken könnte. In der ersten Stunde ist sie oft müde und kann sich nicht so gut konzentrieren. "Trotzdem glaube ich, dass sich der Vorschlag nicht in die Praxis umsetzen lässt", sagt Liebrich.

"Das ist eine super Überlegung" freut sich Annelie Steinbrenner, Schülerin des Hohenstaufen-Gymnasiums. Sie kann sich vorstellen, dass die Schüler fitter seien, wenn der Unterricht später beginne. Einen weiteren Vorteil von flexiblen Schulanfangszeiten sieht sie für die momentane Bussituation. Oft komme es vor, dass die Fahrer überfüllter Busse die Schüler an den Haltestellen stehen lassen müssten. Deswegen kommen diese zu spät in die erste Stunde. Andererseits ist die Gymnasiastin der Meinung, dass vor allem die Schüler der Mittelstufe durch flexible Schulanfangszeiten zu wenig Zeit für außerschulische Aktivitäten wie zum Beispiel einen Tanzkurs hätten.

Das sagen Elternvertreter:

Umberta Condo ist Elternvertreterin an der Schiller-Realschule und denkt, dass flexible Schulanfangszeiten "nicht realisierbar" wären. Die Problematik liegt ihrer Meinung nach vor allem bei den Lehrern und deren Stundenplänen. Sie müssten immer zu unterschiedlichen Zeiten mit dem Unterricht anfangen. Ein Vorteil des Vorschlags wäre allerdings, dass die Busse zu den Stichzeiten nicht mehr so überfüllt wären. Weiter erklärt Condo: "Kinder müssten dann auch nicht mehr so früh raus."

Die Elternbeiratsvorsitzende des Hohenstaufen-Gymnasiums Christiane Steinbrenner sieht den Vorschlag als diskussionswürdig an. Besonders für weiterführende Schulen würde die Umsetzung sich aber "eher schwierig gestalten", so Steinbrenner. Obwohl Schüler bei flexiblen Schulanfangszeiten länger ausschlafen könnten, würden die "Freizeitaktivitäten wie Sport und Musik" unter längeren Nachmittagen an Schulen leiden. Daher sieht sie den Vorschlag als organisatorisch schwer umsetzbar an. "Die einzige Möglichkeit, die ich mir vorstellen könnte, wäre, dass beispielsweise Fünftklässler erst zur zweiten Stunde anfangen - später allerdings nicht", meint Steinbrenner.

Auch Martina Würbs, Elternbeirätin in der Heinrich-Schickhardt Schule in Bad Boll, ist geteilter Meinung. Sie erklärt: "Fünftklässler haben ein anderes Schlafverhalten als zum Beispiel Siebtklässler." Die älteren Schüler gehen abends später ins Bett als die Jüngeren und sind morgens in der Schule müde. Würbs glaubt, dass sich "die Bussituation sich durch die flexiblen Schulanfangszeiten entzerren würde." Jedoch ist auch sie der Meinung, dass Vereine darunter leiden würden. Deshalb wäre der Vorschlag nicht umsetzbar.

Das sagen Schulleiter:

Auch die Schulleiterin des Hohenstaufen-Gymnasiums, Martina Wetzel, sieht den Vorschlag über flexible Schulanfangszeiten eher kritisch. Gerade an Gymnasien sei er schwer umsetzbar, da es so genannte Kooperationskurse für die Oberstufen mit anderen Schulen in Göppingen gibt. Das bedeutet, dass alle Schulen ihre Stundenpläne aufeinander abstimmen müssen. Einen weiteren Nachteil sieht sie darin, dass mehr Mittagschule stattfinden müsste. "Das wäre vermutlich nicht im Sinne der Eltern", wendet Wetzel ein. An Grundschulen könnte sie sich flexible Schulanfangszeiten jedoch gut vorstellen. Dort könnte beispielsweise erst zur zweiten oder dritten Stunde mit dem Unterricht begonnen werden.

Albrecht Bizer, Schulleiter der Schiller-Realschule in Göppingen, hält den Vorschlag für "schwer umsetzbar." Bei flexiblen Schulanfangszeiten müssten mehr Lehrer eingesetzt werden. Trotzdem hätte der Vorschlag einen entscheidenden Vorteil: "Lernen ist um halb acht laut Studien nicht so effektiv", führt Bizer an. Deshalb wäre ein späterer Schulbeginn von Interesse. "Allerdings liegt es nahe, dass die Schüler, die später in die Schule gehen, länger aufbleiben", so der Rektor. Das hieße, dass sie genau so müde wären wie bei normalen Schulzeiten.

An der Heinrich-Schickhardt Gemeinschaftsschule gibt es bereits eine so genannte Gleitzeit: ab 7.40 Uhr können die Schüler individuell lernen, der offizielle Unterrichtsbeginn ist um acht Uhr. Rektor Thomas Schnell verweist auf Bildungsforscher, die herausgefunden haben, dass "Kinder so früh morgens nicht gut lernen können". Für ihn wäre ein Schulbeginn um 8 oder 8.30 Uhr umsetzbar. Ein späterer Beginn allerdings nicht, da sonst Freizeitaktivitäten der Schüler zu kurz kommen würden.

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