Auf einer Bühne verstaubt

Das Kunstkabinett der WMF in Geislingen zeigt derzeit Arbeiten aus der Galvanoplastischen Kunstanstalt, die 1953 geschlossen wurde. Viele der Exponate lagerten Jahrzehnte lang unbeachtet auf dem Werksgelände.

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60 Jahre lang fertigten die Galvanoplastischen Betriebe auf dem Werksgelände der Geislinger WMF Denkmäler, Gartenfiguren, Bauornamente, Grabfiguren und Reliefs. 1953 wurde die Kunstanstalt geschlossen, das Gebäude abgerissen. Im Kunstkabinett der WMF-Fischhalle sind derzeit in der Schau "Von der Palastkuppel bis zum antiken Fingerring" beispielhaft Stücke aus der Blütezeit der Kunstanstalt zu sehen - ausgewählt und aufgearbeitet vom Leiter des WMF-Archivs, Heinz Scheiffele.

"Vor allem die Gipsmodelle waren in keinem guten Zustand", sagt Scheiffele. Die Sachen lagerten Jahrzehnte lang auf einer Bühne in einem alten Gebäude auf dem Werksgelände. Staub und der Dieselruß von der B 10 hatten sich besonders in die filigranen Strukturen der Gipsmodelle gesetzt und sind auch nicht mehr blütenweiß zu bekommen. Mit Wasser kann man die Modelle nicht behandeln, der Gips saugt es auf, seine Oberfläche wird zerstört.

Überhaupt ist nur noch ein Bruchteil der Stücke erhalten. Als die Galvanoplastischen Betriebe geschlossen wurden, hat man mit den übriggebliebenen Modellen Bauland im Notzental gefüllt - und später das Hallenbad darauf gebaut.

Für die Ausstellung, die noch bis zum 8. März verlängert wird, hat Heinz Scheiffele Exponate ausgewählt, die einen sinnvollen Querschnitt durch die Produktepalette der Galvanoplastischen Betriebe bieten und die religiösen Motive ausgelassen. "Grab-Engel, Heiligenfiguren und Tafeln mit Stationen des Kreuzwegs passen schlecht in eine Ausstellung".

Dafür dokumentiert die Schau tatsächlich die Bandbreite der Produktion: Eine wandfüllende Fotografie zeigt die in der Kunstanstalt gefertigte Kuppel des Kaiserpalastes in Bangkok auf dem Werksgelände der WMF, eine weitere die Ansicht des Palastes mit weiteren in Geislingen gefertigten Kuppeln. "Das war der imposanteste und größte Auftrag überhaupt", sagt Scheiffele. Daneben: Die filigranen Nachbildungen mykenischer Fingerringe, die nicht am Fingerschaft, sondern auf den Fingernägeln getragen wurden, wie Scheiffele erläutert.

Dazu gibt es Zeitgeist: Replikate des Hildesheimer Silberschatzes - ein Fund römischen Tafelsilbers aus augustinischer Zeit - mit denen man vor hundert Jahren gerne das bürgerliche Wohnzimmer geschmückt hat. Ebenso wie mit florentinischen Plaketten mit bekannten Persönlichkeiten. Oder die verkleinerte Nachbildung des im Original in Venedig stehenden berühmten Reiterstandbilds Colleonis. Das wie aus einem Guss wirkende Replikat ist aus 16 Einzelteilen zusammengesetzt und innen verdrahtet. Ein aufwendiges Verfahren hat die Lötstellen unsichtbar gemacht.

Ein stark vergrößertes Foto aus dem Jahr 1910 an der Stirnseite des Ausstellungsraums lässt einen spannenden Einblick in die Werkstatt zu, die davor aufgebauten Werkzeuge - Zirkel, Taster, Rührquirl, ein Schellack-Glas - und Gipsmodelle vermitteln einen plastischen Eindruck des Arbeitsalltags in der Kunstanstalt.

Info Ausstellungsdauer: bis 8. März; Öffnungszeiten: Mo bis Sa 9.30 bis 18. 30 Uhr

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