Appell an Menschlichkeit: Kabarett mit Hagen Rether im Odeon

Im sanft-klugen Erzählmodus verstand es Vielredner Hagen Rether, den Besuchern im ausverkauften Odeon über drei Stunden den Kopf zu waschen.

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„Seien Sie gut zu Ihren Kindern“, lautete Hagen Rethers letzter Satz um Mitternacht. Nur sechs Worte von zig Tausenden, die aber genauso zum Nachdenken anregen, wie der mannigfaltige Inhalt seines Programms „Liebe sechs“. Falsch gedacht, wer hinter dem seit Jahren konstanten Titel Romantik oder gar erotische Zellverschmelzungen vermutet. Vielmehr beruht des Kabarettisten Menschenliebe auf einer besseren Welt, den Leuten mit klaren Aussagen den Kopf zu waschen, Tacheles zu reden, frei nach dem Motto: „Mit einem Herz aus Buttercreme kommst du nicht weiter.“ Bleibt er dabei fast emotionslos und halten sich Mimik und Gestik in Grenzen, offenbart er dennoch im gut verständlichen Plauderton mit analytischem Verstand seine Weltanschauung.

Da Zeit für den deutschstämmigen Siebenbürger scheinbar keine Rolle spielt, lässt er wenngleich „voll Scheiße geparkt“ in seiner gegenwärtigen Bestandsaufnahme kaum etwas außen vor. So wie die Freiheit, die über Nacht verschwinde wie ein scheues Reh, den Slogan „Yes wie can“, der halt nur in Amerika funktioniere oder das Abitur mit Siebzehn. Die Jugend würde nach dem Abi nur im Wege rumstehen oder sich für ein FSJ entscheiden. Themenwechsel. Mit Rückblick auf die Kölner „Sylvester-Nacht“, sei diesmal die sexuelle Gewalt halt „vor der Kirche“ gewesen. Weicheier, sagen unsere Großväter im Altersheim, wenn sie den IS-Spiegel lesen. „War Deutschland bis 1945 der ultimative Alptraum, sei es jetzt weltweit das lebenslustigste Land“, berichtet der 46-Jährige.

Ohne erkennbaren roten Faden wechselt er im Minutentakt die Problematik der Menschheit. Kapitalismus bedeute „Stille und Leere“, früher gab´s noch Briefgeheimnis und Achselhaare. Heute verreise man gleich am ersten Ferientag, auch im Winter. Sein Resümee mit Blick zurück: „Uns war´s da halt kalt.“ Einer der wohldosierten Schenkelklopfer, bevor es wieder ernst wird. Tragen Wirtschaftsbosse und Regierungen seit Jahrhunderten Verantwortung für Sklaverei, Ausbeutung und Ökoterrorismus, setze die Gesellschaft angesichts ihres Konsumverhaltens dem nichts entgegen – logische Schlussfolgerung: Krieg und Flucht aus den verheerten Ländern, betont Hagen Rether und rückt Relationen zurecht: „Wenn der Staat acht Milliarden für die Heimatvertriebenen zusätzlich aufbringt, ist das genauso  viel, wie die Deutschen jährlich für die Haltung ihre Haustiere ausgeben.“ Neben Talkshows bemängelt er weiterhin, dass Traumschiffreisen für Rentner günstiger als Pflegeheime seien oder fragt sich, von wem Selbstmordattentäterinnen eigentlich im Paradies erwartet werden. Das Klavier, vor dem er sich auf einem Bürostuhl bequem herum räkelt, bleibt zumeist Requisit. Am Schluss poliert er den Flügel ausgiebig, überrascht mit seiner Musikalität auf selbigem und der Gabe, wie genussvoll man zwei Bananen essen kann. Dreieinhalb Stunden Aufmerksamkeit verlangt der kabarettistische Marathon-Läufer seinem bis zum Schluss dagebliebenen und begeistert Beifall spendendem Publikum ab.

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