Anti-Skulptur steht Soldaten gegenüber

Eine Skulptur als Spiegel einer anderen Skulptur: Nasan Tur setzt sich in seiner Arbeit für den Kunstverein Göppingen mit dem umstrittenen Kriegerdenkmal auseinander.

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So wird Nasan Turs Antiskulptur (links) künftig dem Kriegerdenkmal von Fritz Nuss gegenüber stehen. Derzeit sind die neuen Figuren mit Plastikfolie abgedeckt. Am Freitagabend werden sie vom Kunstverein Göppingen enthüllt.  Foto: 

Auge in Auge, fast wie bei einem Duell, so stehen sich die Männer gegenüber – an einem Ort, an dem bislang nur Platz für zwei Soldaten war. Und in der Mitte steht als Sekundant: eine Infotafel. Am Freitag eröffnet der Kunstverein Göppingen sein neues Kunstprojekt. Nasan Turs Skulptur „Schalung“ im Oberhofenpark setzt sich mit dem umstrittenen Kriegerdenkmal von Fritz Nuss aus Göppingen und Rudolf Burkhardt aus Stuttgart auseinander. Zusammen mit der vor zwei Jahren angebrachten Tafel wird das Nuss-Denkmal damit endgültig in einen geschichtlichen Kontext gestellt. Aber nicht nur historisch, auch gestalterisch ist die neue Konstellation für den Platz ein Gewinn.

Die Nuss-Skulptur war in einem Wettbewerb aus 71 Arbeiten ausgewählt, 1939 in Auftrag gegeben und schließlich im Oberhofenpark aufgestellt worden – anstelle einer an eine Pieta erinnernden Skulptur von Jakob W. Fehrle, die auf den Hauptfriedhof verbannt wurde. Fehrles Skulptur empfanden die Nazis als pazifistisches Machwerk, von „weichlich“ und „entartet“ war die Rede. Seither verteidigen die beiden überlebensgroßen Soldaten hartnäckig ihre Stellung am Rande der Oberhofenanlagen. So ist das Denkmal im Lauf der Jahrzehnte eines der umstrittensten Erinnerungsobjekte in der Region Stuttgart geblieben – allen kritischen Stimmen zum Trotz. Geblieben ist auch die Frage, ob das Nuss-Denkmal nun den Krieg oder das Soldatentum verherrlicht. Ist es gar lupenreine Nazi-Kunst, die der Göppinger da geschaffen hat? Oder symbolisiert die Plastik vielmehr allgemeine Werte wie Stärke und Kameradschaft und hat sich nur an der damals herrschenden künstlerischen Formensprache orientiert?

Genau hier setzt Nasan Tur mit seiner Skulptur „Schalung“ an, die er spiegelbildlich gegenüber dem Kriegerdenkmal aufgebaut hat. Er will die machtpolitische Instrumentalisierung von Kunst aufzeigen. Etwas größer in den Ausmaßen, in Holz gebaut und im Titel „Schalung“ angedeutet, verweist die Skulptur auf den Holzverschlag, in dem das Kriegerdenkmal bis 1946 eingerüstet war. Nasan Tur erklärt: „’Schalung’ ist eine Art Antiskulptur und wird in Göppingen als Spiegelbild der Ausgangsskulptur präsentiert.“ Der Künstler sieht seine Skulptur aber nicht nur als Antwort auf dieses eine Denkmal, sondern in Bezug zu allen existierenden Skulpturen und ihren erwünschten Funktionen. Der vergangene und gegenwärtige Missbrauch von Kunst wird dabei als eigentliche Geste zur Schau gestellt.

Wie alle Arbeiten von Nasan Tur soll auch die Skulptur eine Debatte über die politisch-gesellschaftliche Vereinnahmung und den persönlichen Standpunkt auslösen. Der Berliner, der dieses Jahr mit seinen Arbeiten an der Documenta in Kassel, bei der Istanbul-Biennale und im Kunsthaus Wien vertreten war, sei „derzeit einer der spannendsten politischen Künstler“, meint Veronika Adam. Die Leiterin des Kunstvereins freut sich deshalb besonders, dass der Künstler sowohl für die am 3. September zu Ende gegangene Jahresausstellung in der Kunsthalle Göppingen als auch für das Projekt im öffentlichen Raum zugesagt habe.

Info Zur Eröffnung lädt der Kunstverein am Freitag ab 18 Uhr in die Mörikeanlagen ein. Das Grußwort spricht Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß, Veronika Adam wird das Projekt des Kunstvereins erläutern. Bis zur Eröffnung wird die Skulptur von Nasan Tur verhüllt bleiben.

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