Ansturm der Ärztinnen - Konflikt in der Klinik

Noch gibt es keinen Mangel an Medizinern in den Alb-Fils-Kliniken. Ein Wandel ist jedoch spürbar: Die Ärztinnen gewinnen allmählich die Oberhand. Ein Trend, der auch für Zündstoff sorgen kann.

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Eine Ärztin am Krankenbett. Die Medizin der Zukunft ist überproportional weiblich - ein Trend, der Konflikte zwischen Generationen im allgemeinen und zwischen Männern und Frauen im besonderen heraufbeschwören kann.  Foto: 

Die Medizin der Zukunft ist überproportional weiblich. Eine Tatsache, die Statistiker feststellen und mit der sich Kliniken auseinandersetzen müssen - aber auch ein Trend, der Konflikte zwischen Generationen im allgemeinen und zwischen Männern und Frauen im besonderen heraufbeschwören kann. In der Klinik am Eichert sorgt derzeit ein Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Kompass Gesundheit" für Wirbel. Darin thematisieren der Ärztliche Direktor des Göppinger Krankenhauses, Professor Gerd Becker, und der Chef der Kreisärzteschaft, Dr. Hans-Joachim Dietrich, genau diese Entwicklung: Immer mehr Frauen studieren Medizin. Und weil Frauen nun einmal die Kinder kriegen, fielen die jungen Ärztinnen - und Mütter - nicht nur vorübergehend aus, sondern entschieden sich oft auch längerfristig für eine Teilzeitstelle. Dadurch dauere es auch länger, bis der weibliche Nachwuchs seine Facharztqualifikation habe. Ein Versorgungsproblem im Alltag der Kliniken und Praxen sei die Folge, sagte Becker in dem Interview und fügte hinzu. "Auch die männlichen jungen Ärzte arbeiten nur noch mit begrenztem Einsatz." Die meisten Männer seien auch nicht mehr bereit, "24 oder mehr Stunden am Stück zu arbeiten", weil die Freizeit heute einen viel höheren Stellenwert als früher habe.

Die Emotionen kochen nun hoch, der Medizin-Nachwuchs fühlt sich herabgewürdigt. "Vor allem junge Ärztinnen sind sehr erbost", sagt Max Radloff, Betriebsratsvorsitzender der Alb-Fils-Kliniken. "Sie werden auch einen Brief an den Ärztlichen Direktor schreiben." Radloff hält Becker aber zugute, dass er ein wichtiges Thema angesprochen habe, "sich jedoch ungeschickt ausgedrückt hat". Die Entwicklung, dass immer mehr Frauen Medizin studieren, bedeute "eine große Herausforderung" für die Kliniken. "Da müssen wir innovativ werden und uns organisatorisch und inhaltlich drum kümmern", betont Radloff. Teilzeitmodelle und die eigene Kindertageseinrichtung am Eichert seien da ein Schritt in die richtige Richtung.

Der Betriebsratschef sieht in dem aktuellen Disput auch einen Generationenkonflikt: Sei es früher normal gewesen, dass Ärzte 36 Stunden am Stück gearbeitet hätten, schauten junge Mediziner heute eher nach ihrer "Work-Life-Balance". "Das ist auch sinnvoll, die Ärzte brauchen ja ihre Erholungszeiten", betont Radloff. Zudem erlaube das Arbeitszeitgesetz heute solche langen Schichten nicht mehr.

Dem Ärztlichen Direktor Gerd Becker tut es leid, wenn seine Aussagen "falsch rübergekommen" sind. Er habe nicht die Absicht gehabt, "engagierte Mitarbeiter anzugreifen", sondern wollte auf den Wandel hinweisen und die Leistung "des Mittelbaus", also der Oberärzte, lobend hervorheben. Er habe Zuschriften von Assistenzärzten bekommen, setze sich damit auseinander und ist überzeugt, die Missverständnisse ausräumen zu können. Intention des Interviews sei es gewesen, auf den gravierenden Wandel hinzuweisen. "70 Prozent der Medizinstudenten, die in Ulm anfangen, sind Frauen. Einfach weil sie das bessere Abitur haben", bestätigt Professor Jörg Martin, Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken. "Auf diese Generation Y müssen wir uns einstellen." Früher seien 36- oder 48-Stunden-Schichten normal gewesen, "aber diese Zeiten sind vorbei. Und die wollen wir auch nicht mehr zurückhaben", versichert Martin.

Der Klinikchef, der sich Ende April Richtung Ludwigsburg verabschiedet, will vielmehr dem Trend Rechnung tragen: "Wir werden zum Beispiel nie unsere Kita aufgeben, auch wenn sie defizitär ist." Mitarbeiterinnen zwischen 20 und 30 Jahren setzten auf familienfreundliche Arbeitgeber, Betreuungsplätze seien heute unabdingbar. Zudem sei es wichtig, sich auf die internet-afinen jungen Leute einzustellen. Der Geschäftsführer ist überzeugt, dass die Alb-Fils-Kliniken gut da stehen: Es gebe keinen Ärztemangel, die kreiseigenen Krankenhäuser kämen ohne Honorarkräfte aus. Damit das so bleibt, bemühe sich die Klinik, die Lehrkrankenhaus der Uni Ulm ist, um junge Studenten und schließe frühzeitig Vorverträge. "Wir müssen davon wegkommen zu glauben, dass der Ärztemangel nur die Praxen betrifft", so Martin. Becker nickt: "Es werden künftig einfach weniger Ärzte zur Verfügung stehen als wir bräuchten."
 


 

"Kritisch und anspruchsvoll"

Die wichtigsten Kriterien für die Charakterisierung von Mitarbeitern der Generation Y hat Professor Christian Schmidt aus Köln in einem Beitrag für die Medizinische Verlagsgesellschaft Bibliomed zusammengestellt. Demnach gilt die Generation Y "als kritisch und enorm anspruchsvoll. Starre Hierarchien lehnt sie ab, gutes Arbeitsklima ist ihr wichtig. Gleichzeitig lässt die Kritikfähigkeit oft noch zu wünschen übrig". Für den Jahrgang 1981 bis heute habe die Familie wieder eine sehr hohe Priorität, eine familienfreundliche Ausrichtung des Unternehmens sei daher wichtig.

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