Aktion "Stolpersteine" gegen das Vergessen

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Vor dem Gebäude Frühlingsstraße 29 werden eine ganze Reihe von Stolpersteinen verlegt werden. Sie erinnern an eine Familie, die während der Nazi-Herrschaft komplett ausgelöscht worden war. "Eigentlich möchte man sich an diesem Foto mit dem freundlichen Opa, dem kleinen Mädchen, das mit dem Baby, ihrem Stiefbruder, auf dem Schoß in die Kamera lächelt, erfreuen", stellt Fritz Waaser fest. Er hat das Leben der Menschen versucht nachzuzeichnen, die in der Frühlingsstraße 29 wohnten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Und weiß deshalb, dass es ein Familienidyll für die jüdische Familie Oberdorfer 1939 nicht mehr gab. Der Familienvater, Ludwig Oberdorfer, war bereits im Konzentrationslager Dachau. Die Familie plante die Auswanderung. "Wir wissen nicht, wer das Foto gemacht hat. Gefunden hat es eine Mitschülerin des Mädchens auf dem Foto." Die Personen auf dem Foto sind der Großvater Emil Hilb, die Enkelkinder Lise Rödelsheimer und ihr Stiefbruder Franz-Sepp Oberdorfer.

Emil Hilb ist der einzige der weit verzweigten Sippe, der in Göppingen lebte. Emil Hilb wurde Kaufmann, heiratet 1891 in Göppingen Selma Löwenstein. Drei Jahre später gründet er die "Firma Emil Hilb, Gewebe für Matratzen, Betten- und Polsterwarenfabrikation". 1900 wird Tochter Elsbeth Johanna geboren. Sie wird Teilhaberin im Geschäft ihres Vaters - und Schriftführerin des Israelitischen Jugendvereins. 1922 heiratet sie Heinrich Rödelsheimer. Dieser wird Teilhaber seines Schwiegervaters. 1928 kommt Tochter Lise zur Welt, zwei Jahre später Doris. 1932 verstirbt Heinrich in einem Stuttgarter Krankenhaus. Die Mädchen besuchen die jüdische Schule.

1937 heiratet Elsbeth ihren zweiten Mann Ludwig Oberdorfer. Keine persönlichen Erinnerungen sind von ihm überliefert. 1937 wird er Teilhaber seines Schwiegervaters, der 1938 aus dem Unternehmen ausscheidet. Wenige Monate zuvor war Sohn Franz-Sepp geboren. Die Reichspogromnacht hat direkte Folgen für Ludwig Oberdorfer.

Mit weiteren über 40 jüdischen Männern wird er ins KZ Dachau transportiert. Nach seiner Rückkehr muss er sein Unternehmen an den NSDAP-Ortsgruppenleiter Hermann Finkbeiner verkaufen. Im Mai 1939 muss sie die Wohnung in der Schützenstraße acht verlassen, findet Unterschlupf in der Frühlingsstraße 29 im Haus einer jüdischen Familie. Auch Emil Hilb, der in der Poststraße sechs wohnte, zieht ein. Das im Oktober 1941 verhängte Ausreiseverbot für Juden ist ein schwerer Schlag.

Ziel der Judenpolitik des Regimes ist nicht mehr die Vertreibung, sondern die Vernichtung der Juden. Der erste Transport trifft die Familie Oberdorfer mit ihren Kindern. Die Juden hatten sich in der Turnhalle der Schillerschule einzufinden, wurden dann nach Riga deportiert.

Die Familie Oberdorfer mit ihren drei Kindern im Alter von gut drei bis 13 Jahren dürfte den 27. März 1942 nicht überlebt haben. Zurück blieb Emil Hilb. 1942 kommt er ins jüdische Altersheim Laupheim. Im August 1942 geht sein Transport nach Theresienstadt ab. Am 23. September wird er ermordet.

Stolpersteine finanzieren sich über Spenden

Auf den Stolpersteinen stehen der Name und der Geburts- und, soweit bekannt, der Todestag. In Göppingen sind bereits knapp 70 Steine verlegt worden. In diesem Jahr folgen weitere 15. Im Jahr 2013 dann soll für jeden ermordeten Göppinger Juden und für einige Göppinger Patienten des Christophsbades ein Stolperstein verlegt sein.

Die Aktion finanziert sich weitgehend aus Spenden. Die Patenschaft für einen Stolperstein kostet 120 Euro. Sonstige Spenden können auf das Konto-Nr. 51044 beim Bankhaus Gebrüder Martin Göppingen (BLZ 610 300 00) überwiesen werden.

Weitere Informationen gibt es bei Klaus Maier-Rubner unter Telefon: (07161)73946 und im Internet.

 

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