Abrechnung mit der Finanzindustrie

Ackerland, Gold oder Lebensmittel: Raus aus Papierwerten, raten Matthias Weik und Marc Friedrich verunsicherten Anlegern in ihrem Buch "Der größte Raubzug der Geschichte". 382 Seiten, die wütend machen.

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Soll man weinen, seine Siebensachen packen und auswandern, sich die Kugel geben oder den Aufstand proben? Irgendwie bleibt man etwas ratlos, ja fast hoffnungslos zurück, wenn man im Buch "Der größte Raubzug der Geschichte" blättert. Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Matthias Weik und Marc Friedrich haben ein Lexikon über die Machenschaften der Finanzindustrie geschrieben, aber auch einen Ratgeber für verunsicherte Menschen, die nicht mehr wissen, ob und wo sie ihr Vermögen am sichersten anlegen können. Die Geschäftsführer des Göppinger Unternehmens "Friedrich & Weik Vermögenssicherung" nehmen den Leser mit auf eine "spannende Reise in die Welt des Wahnsinns, der Lügen, des Betrugs und der gewaltigsten Kapitalvernichtung, die die Menschheit je erlebt hat". Und sie sind überzeugt: "Die wahre Krise kommt noch. Der Euro ist gescheitert, das Finanzsystem wird kollabieren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis uns das Ganze um die Ohren fliegt", sagt Friedrich.

Die Autoren treffen offenbar den Nerv der Zeit: Die erste Auflage - 1000 Exemplare - war ruckzuck verkauft, derzeit wird das Buch gerade nachgedruckt und soll nach Angaben des Tectum-Verlags ab heute wieder lieferbar sein. Die Lektüre gibt Nachhilfe in Sachen Rettungsschirm, erklärt, wie überhaupt Geld entsteht, wie Banken und Staaten zu Geld kommen und wem Finanzprodukte eigentlich dienen. "Wir haben ein Puzzle zusammengesetzt, das jetzt ein Gesamtbild ergibt", erklärt Weik. "Es ist ein rein Fakten basiertes Buch, die Recherche hat etwa zwei Jahre gedauert. Wir stellen keine Thesen auf", unterstreichen die Autoren. Sie langweilen oder überfordern den Leser jedoch nicht mit Fachchinesisch, sondern erklären die trockene Materie mit Sarkasmus, Zynismus, Übertreibungen und witzigen Cartoons. "Das kann man auch nur mit Humor sehen", meint Friedrich. "Ich lache jeden Tag, wie man versucht zu retten, was zu retten ist." Das System könne gar nicht funktionieren, "das ist reine Mathematik", sagt der Wirtschaftsexperte. "Man kann nicht Schulden mit Schulden begleichen", fügt Weik hinzu. "Gehen Sie mal zur Bank, wenn Sie 100 000 Euro Schulden haben, und sagen, Sie wollen noch einmal einen Kredit von 100 000 Euro aufnehmen. Das wird keine Bank machen."

Doch was tun, wenn offenbar der Crash droht? "Raus aus Papierwerten wie Lebensversicherungen und Bausparverträgen", raten die Autoren verunsicherten Anlegern. "Und rein in Sachwerte wie Ackerland, Edelmetalle, Wald oder Lebensmittel." Auch die beiden Männer verfahren so - außer einem Girokonto hätten sie nichts bei einem Geldinstitut. "Banken und Versicherungen kreieren Produkte, mit denen sie Geld verdienen", fügen sie als Erklärung hinzu. Es gehe weniger um das Wohl des Kunden.

Weik und Friedrich tingeln derzeit durch die Lande und füllen mit ihren Vorträgen Säle bei Volkshochschul- und Uni-Veranstaltungen. Kein Widerspruch auf ihr Schreckensszenario? "Uns kann ja keiner anfeinden, weil wir nur Fakten aufzählen", sagt Friedrich. Dennoch wollen die beiden nicht fotografiert werden - "denn die Überbringer der schlechten Nachrichten wurden früher geköpft", wissen sie um die Wirkung, die "Der größte Raubzug der Geschichte" hat. Ihr Buch wird in Radio und Fernsehen vorgestellt, kürzlich wurde es in der ZDF-Sendung "Pelzig hält sich" den Zuschauern empfohlen. "Den Erfolg hätten wir nie erwartet", sagen die jungen Unternehmer. "Es hängt wohl damit zusammen, dass jeder mit Geld zu tun hat." Und sich viele über die Finanzkrise und ihre möglichen Folgen Gedanken machen.

Die Autoren haben das System schon seit mehreren Jahren im Visier. Matthias Weik befasst sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit der globalen Wirtschaft und ihren Finanzmärkten, jahrelange Arbeits- und Studienaufenthalte in Deutschland, Südamerika, Asien und Australien sowie das Studium "International Business" am Royal Melbourne Institute of Technology hätten ihm tiefe Einblicke in das Wirtschaftsleben fremder Nationen gegeben. Marc Friedrich studierte "Internationale Betriebswirtschaftslehre" und kam durch die Tätigkeit in einer Schweizer Firma frühzeitig mit den Themen Risikokapital, Kapitalanlage und Vermögensberatung in Kontakt. Als die Finanzkrise 2007 ausbrach, "waren wir schockiert", sagen die Unternehmer. "Der Raubzug läuft vor unseren Augen ab. Wenn wir nichts dagegen tun, werden wir abgezockt", sagt Matthias Weik. "Wer jetzt nicht richtig handelt, steht vielleicht bald mit leeren Händen da", fügt Marc Friedrich, der den Staatsbankrott in Argentinien miterlebt habe, hinzu.

Ihr Wissen und ihre Befürchtungen würden die Göppinger gerne Kanzlerin Angela Merkel mitteilen. "Wir stehen mit dem Bundeswirtschaftsministerium in Kontakt. Noch gibt es aber keinen Termin."

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Kommentare

18.07.2012 11:05 Uhr

Endlich mal welche die sich trauen die Wahrheit zu sagen!

Auf so ein Buch habe ich gewartet. Danke NWZ!

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