"Worte genügen nicht"

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Herr Fiechtner, als Schriftsteller und Urgestein bei Amnesty International gelten Sie als nimmermüder Menschenrechtler. Sind Sie ein Rebell?

URS M. FIECHTNER: Das war man in der westdeutschen Gesellschaft tatsächlich vor 40 Jahren. Da war das verdächtig, sich mit Menschenrechten zu beschäftigen. Ich bin auch deshalb einmal von der Schule geflogen. Heute ist es mir eher unangenehm, dass Menschenrechtsarbeit in der westlichen Zivilisation abgenickt wird und man allzu häufig allzu schnell von zu vielen Leuten umarmt wird. Aber das Projekt Menschenrechte ist historisch betrachtet durchaus ein rebellisches.

Menschenrechte werden nicht überall ernst genommen?

FIECHTNER: Natürlich nicht. Das kann man auch ohne politische Polemik oder Kritik einfach feststellen. Der Menschenrechtsgedanke überhaupt, der ja viel älter ist, hat zwei Seiten. Die eine Seite, das offensichtliche, sind unserer Rechte mit denen wir geboren sind, die andere Seite sind die Pflichten des Staates. Menschenrechte sind literarisch gesprochen nichts anderes als tausende kleiner Fäden, mit denen die winzigen Liliputaner den Riesen Gulliver - den Staat - fesseln, damit er ihnen keinen Schaden antut. Und es ist etwas ganz Natürliches, dass jeder, der etwas organisieren will, Ellenbogenfreiheit braucht zum Organisieren der Menschen. Da stören zu viele Rechte nur. Es hat seinen Grund, warum Olympische Spiele 2008 in Peking viel schneller organisiert werden können als der Bau einer Gemeindestraße in Deutschland mit einem jahrhundertelangen Planfeststellungsverfahren. Es liegt historisch betrachtet nicht im natürlichen Interesse eines Staates als Ordnungsmacht, Menschenrechte von sich aus zu akzeptieren. Deswegen hat es über Jahrhunderte hinweg auch nicht funktioniert. Erst seitdem man auf den Gedanken gekommen ist - nach 1948 mit einer gewissen Anlaufzeit -, dass die Bürger ihre Rechte selbst in die Hand nehmen müssen, erst seitdem funktioniert es leidlich.

Wenn Sie heute kein Rebell mehr sind, ein Zyniker sind sie schon?

FIECHTNER: Nein, ein Zyniker sicher nicht. Was ich aber zugeben muss, ist, dass bei dieser Doppelkombination - erstmal selber menschenrechtspolitisch tätig zu sein und außerdem noch am Schreibtisch Bücher darüber zu schreiben - es eigentlich fast zu viel ist. Ohne gesunden Humor, der auch ein schwarzer sein darf, übersteht man das nicht ohne Blessuren.

Apropos Menschenrechte. Vor wenigen Wochen kam der israelische Soldat Gilad Schalit gegen 1000 gefangener Palästinenser frei. Eigentlich ein Menschenhandel.

FIECHTNER: Natürlich. Amnesty hat niemals solche Sachen unterstützt. Solche Geschäfte gab es schon in den 1970er Jahren. Zum Beispiel Versuche der griechischen Militärjunta, als es um die Freilassung von Mikis Theodorakis ging, Versuche der chilenischen Junta als es um die Freilassung eines Parteiführers ging. Daraus ein Geschäft zu machen, das gab es schon immer. Ich würde da das Wort Menschenhandel durchaus akzeptieren. Das geht eigentlich nicht.

Sie sind in Chile aufgewachsen, aber in Deutschland geboren worden.

FIECHTNER: Ich stamme aus einer sehr staatstreuen Familie. Soweit man da zurückblicken kann - über mehr als 200 Jahre - waren alle mal Offiziere. Mein Vater lebte in dieser Familientradition. Er war ein mittelhohes Tier in der Wehrmacht und dann ein hohes Tier in der neu aufgebauten Bundeswehr. Er wählte die militärisch-diplomatische Laufbahn, das heißt, er wurde Militärattaché, Botschafter fürs Militärische. In den 1960er Jahren als die Bundesrepublik ihre im Krieg abgebrochenen Verbindungen nach Lateinamerika wieder aufbaute, war er zuständig für Chile, Peru und Bolivien. Und ich war klein und reiste mit der Familie. Das war eine interessante Erfahrung, die ich um nichts in der Welt missen möchte.

Chile, da denkt man gleich an Pinochet, Colonia Dignidad und unzählige Menschenrechtsverletzungen. Sie waren zu dieser Zeit in Chile. . .

FIECHTNER: Ich war in den 1960er Jahren in Chile. Also als sich das alles vorbereitet hat, aber als es noch nicht stattfand. Deshalb hab ich die handelnden Personen dieser historischen Epoche, also auch Pinochet - der hieß bei mir tio Augusto, Onkel August - noch als zivile Menschen, schon in Uniform, aber als zivil auftretende Menschen ohne Blut an den Händen, kennengelernt. Der Putsch fand ja erst 1973 dann statt. Die gesamte Riege der späteren Militärjunta ging bei uns Zuhause, in der Residenz des Militärattaches, ein und aus. Noch viel mehr als das. Später hab ich in Büchern Fotografien von nach Südamerika geflohenen Nazis gesehen, die mir doch sehr bekannt vorkamen. Die gingen in solchen Häusern wie unserem unter anderem Namen auch ein und aus.

Was hat einen jungen Menschen dann dazu gebracht, schon mit 15 Jahren Amnesty beizutreten?

FIECHTNER: In meiner Generation hab ich die Erfahrung gemacht, dass Erwachsene keine Antworten auf wichtige Fragen geben konnten. Auf die Hauptfrage meiner Generation, wie konnte ausgerechnet das deutsche Volk zu den Verbrechen gebracht werden, die es dann begangen hat, gab es keine Antwort. Entweder hieß es: Das verstehst du, wenn du groß bist oder Halt die Klappe! Das hat mir nicht genügt. Und da die Lehrer genau so waren wie die Erwachsenen und meine Familie - das waren ultranationale Deutsche, einige auch Nazis - hab ich sehr schnell gelernt, Bücher können Antworten geben. Wer keinem Lager angehören will, wer eine Weltanschauung so wie ich - und das hat sich seit ich 15 war nicht mehr verändert - als Stahlhelm sieht, den man sich zu dem Zweck auf den Kopf setzt, keine anderen Gedanken eindringen zu lassen und die eigenen hübsch im Kreis laufen zu lassen, der sucht sich ein politisches Betätigungsfeld, das eben von Unabhängigkeit und Mangel jeglicher Ideologie und Weltanschauung geprägt ist. Ich habe bewusst so etwas gesucht wie Amnesty. Nach einer Möglichkeit, jenseits von Parteigrenzen überkonfessionell, überideologisch trotzdem in das Getriebe eingreifen zu können.

Als 15-Jähriger wollten Sie auch früh schon Schriftsteller werden?

FIECHTNER: Als andere Kinderbücher gelesen haben, habe ich Karl May gelesen und zu der Zeit als andere Karl May gelesen haben, war ich bei Dostojewski und der gesamten russischen Literatur. Ich hab mir zwar mit 15 schon eingebildet, Schriftsteller werden zu wollen, aber mir war da auch schon klar, dass ich nicht zu dieser Sorte eingebildeter Vollidioten des Kunstbetriebes gehören möchte, die glauben, mit ihren Werken die Welt zu verändern. Ich halte das für unglaublich eitel. Der Beruf Schriftsteller ist einer der schönsten der Welt. Es sei denn, man will davon leben. Und dass Deutschland das Land der Dichter und Denker sei, glauben höchstens noch Japaner.

Mit der Absicht, ins Getriebe einzugreifen, hätten Sie auch Politiker werden können.

FIECHTNER: Da standen aber diese schrecklichen 1970er Jahre im Weg und diese schrecklichen Kompromisse, die man eingehen musste und das innere Gift, das die deutschen Parteien in sich trugen. Im Grunde konnte man keiner deutschen Partei über den Weg laufen, in der nicht bekannte alte Nazis rumkreuchten und rumfleuchten. Für mich war der Satz Trau keinem über 30" ein wohlbegründeter.

Sie haben 1976 die interkulturelle "Autorengruppe 79" gegründet. Was steckt hinter dieser Zahl?

FIECHTNER: Ein reine Veräppelung. Es gibt unter Schriftstellern eine gewisse Bedeutungshuberei. Wer in Deutschland im Team arbeitet, denkt doch zuerst an die Gruppe 47 (Schriftstellertreffen, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud. Die Red.). In den 1970er Jahren schlossen sich tonnenweise junge Autoren zusammen und gaben sich bedeutende Künstlergruppennamen. Wir dachten, das machen wir auch und haben bewusst die banalste Zahl gewählt, die wir überhaupt fanden. Das war die Postleitzahl von Ulm. Von da an haben wir jedem, der diese Frage gestellt hat - das mache ich jetzt nicht mit Ihnen - die unglaublich intellektuellsten, ausgefallensten, politischsten Antworten über die Bedeutung der Zahl 79 gegeben und alle haben uns geglaubt.

Sie sind ein mahnender Schriftsteller. Andere Amnesty-Mitglieder treten mit spektakulären Aktionen in Erscheinung. Was hilft den Zielen von Amnesty mehr: Worte oder Taten?

FIECHTNER: Das ist eine sehr gute Frage, die ich nicht beantworten kann, weil es nicht entschieden ist. Taten wie Schornsteinklettern im Sinne der phantastischen Aktionen von Greenpeace, nein, wenn sie an der Oberfläche bleiben. Worte, auch nein, weil sie einfach nicht genügen. In Deutschland - um mich einer Antwort anzunähern - könnte ich sagen, hilft Bildung den Menschenrechten. Denn in der Bundesrepublik, das wissen wir durch Umfragen, gibt es einen fallenden Bildungsgrad in Sachen Bürger- und Menschenrechte. Acht Prozent der Deutschen kennen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Acht Prozent. Ich habe mich nicht versprochen. 26 Prozent waren der Überzeugung, dass Menschenrechte niemals zu Papier gebracht worden sind. Die kennen das Grundgesetz nicht. Da stehen die Menschenrechte auch drin. Ich lästere manchmal, dass ich vermute, bolivianische Bergbauern und chilenische Fischer wissen wesentlich mehr über Menschenrechte als Durchschnittsdeutsche. Könnte auch gut so sein, denn man weiß am meisten über die Dinge, die einem fehlen und die man dringend braucht.

Amnesty ist 50 Jahre alt geworden. Ist es nicht ein Dilemma, dass Amnesty in dieser Zeit zwar viel erreicht hat, Menschenrechtsverletzungen aber weltweit zu- und nicht abnehmen?

FIECHTNER: Ja, seit 2001 muss man das erkennen. Bis dahin konnte man sagen, die Augen der Menschen sind schärfer geworden. Seit 2001 ist der Rückschlag da, weil einfach auch politisch wichtige Führungsnationen des Westens festgestellt haben, dass Sicherheit vor Freiheit geht und Menschenrechte ignoriert werden dürfen. Das machen jetzt viele Länder der Welt nach. Krieg gegen den Terror wird begründet auch als ein Krieg, um die westliche Lebensart zu schützen. Das heißt eigentlich, wenn man das übersetzt, auch als ein Krieg zum Schutz der Menschenrechte. Übersetzt bitte. Ich behaupte nicht, dass es so ist.

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