"Was kaputt ist, muss repariert werden"

Professor Hans-Werner Sinn, international bekannter Ökonom, rät den deutschen Steuerzahlern, ob der Eurokrise "ihre Unruhe zum Ausdruck zu bringen". Für die Zukunft sieht der Chef des Ifo-Instituts schwarz.

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Ein nachdenklicher Hans-Werner Sinn: "Wir retten die Anleger der ganzen Welt, um nebenher auch ein paar deutsche Banken und Versicherungen zu retten." Foto: Staufenpress

Herr Professor Sinn, Sie würden mit der Bundeskanzlerin wetten, dass Griechenland aus dem Euro austreten wird. Wie hoch wäre denn Ihr Wetteinsatz?

PROFESSOR HANS-WERNER SINN: (überlegt) Eine schöne Flasche Wein, einen griechischen Retsina.

Mehr nicht?

SINN: Es können auch zwei sein.

Als Wirtschaftsminister Philipp Rösler seinerzeit eine "geordnete Insolvenz" Griechenlands ins Spiel brachte, war die Empörung groß. Als Wirtschaftswissenschaftler tut man sich ja leicht, man muss diese Entscheidung nicht treffen . . .

SINN: Die Wette bezog sich auf eine Prognose, nicht auf eine Empfehlung. Auch wenn Frau Merkel möchte, dass die Griechen drin bleiben, könnte sie ja prognostizieren, dass sie rausgehen oder umgekehrt. Kurzum: Keiner will die Griechen rauswerfen. Die Vermutung ist, dass sie sich nicht halten werden.

Das Fazit wäre dann aber: Rausgehen wäre besser . . .

SINN: Ja, schon. Wenn die Griechen kein Geld mehr aus der Druckerpresse bekämen und auch nicht von der Staatengemeinschaft, dann würden sie sofort am nächsten Tag rausgehen. Die Frage ist deshalb: Werden sie und die anderen Krisenländer dauerhaft am Tropf gehalten? Ist so viel Geld überhaupt da? Ist man bereit, Griechenland, Portugal, Irland und nun auch Spanien und Italien dauerhaft zu finanzieren? Ich vermute, dass Griechenland austreten wird, wenn es den Gläubigern dieser Länder gelungen ist, den größten Teil ihrer Papiere an die Steuerzahler, die hinter der EZB und den Rettungsschirmen stehen, zu verkaufen. Sie werden dann nicht mehr so apodiktisch den Verbleib Griechenlands verlangen, und den Steuerzahlern wird die Sache eh zu bunt. Der wachsende Widerstand der Steuerzahler und die schrumpfende Zahl der Gläubiger, denen es noch nicht gelungen ist, ihren Anlageschrott los zu werden, werden zu dem Punkt führen, an dem einzelne Krisenländer austreten. Wir haben ja heute schon insgesamt 1400 Milliarden Euro an Rettungsgeldern bereit gestellt. Gehen die Krisenländer pleite, verliert Deutschland über 500 Milliarden Euro.

Kann man überhaupt wissen, welche Lösung die beste ist? Schließlich gab es so eine Situation wie jetzt in Europa ja noch nie.

SINN: Doch, es gibt haufenweise solche Situationen. Was wir in Griechenland haben, ist eine Standardsituation: Ein Land ist in einem Festkurssystem zu teuer geworden, weil zu viel billiger Kredit zur Verfügung stand. Dann bricht das System entweder auseinander, oder einzelne Länder gehen raus. Der Euro ist in ökonomischer Hinsicht auch nicht viel anders als ein Festkurssystem.

Aber selbst Experten widersprechen sich. Es gibt Kollegen von Ihnen, die meinen, man sollte über einen Austritt Griechenlands gar nicht nachdenken . . .

SINN: . . . Sie haben Angst, dass es dadurch zu einer Destabilisierung der Kapitalmärkte kommt in dem Sinne, dass dann auch andere Länder unter Spekulationsdruck geraten. Das ist ja eine berechtigte Befürchtung. Andererseits: Wenn Griechenland drin bleibt, ist die berechtigte Befürchtung, dass eben alle anderen Länder auch gerettet werden müssen - mit sehr viel Geld des Steuerzahlers. Wie wir es drehen und wenden: Es gibt gar keine Lösung, es gibt nur die Wahl zwischen verschiedenen Schreckensszenarien.

Sie können also den Menschen wenig Hoffnung machen, dass wir mit einem blauen Auge davon kommen?

SINN: Nein. Deutschland wird einen erheblichen Teil seines Auslandsvermögens durch diese Krise verlieren. Und je länger wir warten mit radikaleren Maßnahmen, die Länder wie Griechenland wettbewerbsfähig machen - nämlich durch Austritt und Abwertung - desto teurer wird das für uns. Man sucht in Europa die Lösung mit deutschem Geld. Das deutsche Geld soll die fehlende Wettbewerbsfähigkeit übertünchen und die Investoren vor den Konsequenzen ihrer Fehlinvestitionen schützen. Nur: So angenehm das vielleicht aus der Sicht der betroffenen Länder und ihrer Gläubiger ist, so unerträglich wird es aus deutscher Sicht. Wir retten die Anleger der ganzen Welt, um nebenher auch ein paar deutsche Banken und Versicherungen zu retten.

Was kann denn der deutsche Steuerzahler tun?

SINN: Er kann sehr viel machen, er ist ja ein mündiger Bürger. Er kann mit seinen Abgeordneten sprechen und sie fragen, wie lange sie denn dieses Spiel noch betreiben wollen. Er sollte seine Unruhe und seine Sorge darüber zum Ausdruck bringen, dass die Kapitalmärkte beruhigt werden. Denn diese Beruhigung geschieht ja mit seinem Geld.

Zwei junge Göppinger Wirtschaftswissenschaftler haben ein Buch geschrieben und raten den Anlegern, raus aus Geld- und rein in Sachwerte zu gehen. Panikmache oder purer Überlebensdrang?

SINN: Der Rat ist richtig. Wir haben ja auch eine potenzielle Inflationsgefahr, weil die EZB versuchen wird, die Probleme mit der Notenpresse zu lösen. Die Sachwerte würden dann davor geschützt. Allerdings sind auch die Sachwerte nicht vor dem Zugriff des Steuerstaates sicher, der die platzenden Rettungskredite ja irgendwie finanzieren muss.

Aber wenn jeder sein Geld in Immobilien und Ländereien anlegen würde, würde dann nicht das System komplett zusammenbrechen?

SINN: Wieso sollte es jeder machen? Wir haben in den letzten 20 Jahren zuhause viel zu wenig investiert. Unter dem Euro floss das Geld aus Deutschland raus und hat anderswo Wachstum erzeugt, während Deutschland erlahmte und unter einer wachsenden Massenarbeitslosigkeit litt. Erst mit der Krise wurde dieser Trend umgedreht, weil sich das Anlage suchende Kapital nicht mehr raustraut und zuhause investiert wird. Das schafft Arbeitsplätze und sichert das Vermögen. Seien wir froh, dass es so ist und hüten wir uns davor, dem Anlage suchenden Kapital mit dem Geleitschutz des Steuerzahlers wieder den Weg ins Ausland zu ebnen.

Sie sprachen die Inflation an. Auf was müssen wir uns gefasst machen?

SINN: Langfristig haben wir Inflationsgefahr, kurzfristig nicht. Wie hoch, das weiß man nicht. Aber es ist so: Die Südländer haben riesige Kredite angehäuft. Ihren Einfluss im EZB-Rat, wo sie letztlich zusammen mit Frankreich die Mehrheit haben, werden sie nutzen, um sich durch Inflation der Rückzahlung zu entziehen. Wir kriegen also italienische Verhältnisse in der europäischen Währungsunion.

Hört sich düster an . . .

SINN: Ist es auch.

Man kann nicht unendlich Geld in diese Länder pumpen. Ist ein Schuldenschnitt ein probates Mittel?

SINN: Ja, natürlich. Wir hatten ja schon einen erheblichen Schuldenschnitt für Griechenland, das war im Grunde der größte Staatskonkurs in der Geschichte bislang. Und er reicht ja immer noch nicht aus. Die Kapitalmärkte wollen die Schuldenschnitte vermeiden. Sie wollen, dass ihnen stattdessen der Steuerzahler die toxischen Staatspapiere abkauft, so dass der sich dann später mit den säumigen Schuldnern herumschlagen kann. Ist dieser Prozess abgeschlossen, haben auch sie nichts mehr gegen den Schuldenschnitt. Deshalb sollten die Steuerzahler den Schuldenschnitt so schnell wie möglich anstreben.

Sie sind der Überzeugung, dass die Lösung in einem temporären Ausstieg aus dem Euro liegt. Die Währung wird dann abgewertet, und die Länder kommen irgendwann zurück. Ist das nicht blanke Theorie?

SINN: Seit dem Krieg gab es etwa 130 Austritte aus Währungsunionen, denen Wechselkursanpassungen folgten. Austritte sind der Normalfall. Überlebt hat überhaupt noch keine Währungsunion zwischen Staaten. Die einzige Chance für das Überleben des Euro ist es, Luft abzulassen und Länder, die partout nicht dazu passen, rausgehen zu lassen.

Griechenland als erstes?

SINN: Der temporäre Austritt aus dem Euro ist bei Griechenland empfehlenswert, um das Land wettbewerbsfähig zu machen. Dann ist das Land überhaupt erst einmal in der Lage, Schulden zurückzuzahlen. Nur theoretisch können die Griechen das im Euro schaffen. In der Praxis ist es ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Griechen müssten dazu ihre Preise um 30 bis 40 Prozent gegenüber den Wettbewerbern senken. Dem, was die Politiker vorhaben, würde ich noch nicht einmal das Prädikat der blanken Theorie zubilligen.

Griechenland ist leider nicht das einzige Sorgenkind . . .

SINN: Das zweite große Sorgenkind ist Portugal. Diese beiden Länder leben über ihre Verhältnisse, der Konsum ist deutlich höher als das Volkseinkommen. Italien, Spanien und auch Frankreich haben einen Teil ihrer Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, aber diese beiden Länder sind nicht hoffnungslos. Sie können die Rückkehr zur Wettbewerbsfähigkeit im Euro schaffen, allerdings auch nicht ohne ein Jahrzehnt der Flaute, während dessen die Inflation um etwa zwei Prozent pro Jahr hinter Wettbewerbern wie Deutschland zurück bleibt.

Wie wäre es mit der Einführung eines Nord- und eines Südeuro?

SINN: Das würde die Trennung zwischen Deutschland und Frankreich bedeuten, die aus politischen und ökonomischen Gründen nicht gut wäre.

Sie sind für den Erhalt des Euro, sagen aber, es ist unheimlich viel schief gelaufen bisher . . .

SINN: Ja, ich will den Euro reparieren. Es gibt Leute, die wollen auf ihn verzichten, bloß weil er kaputt ist. Das ist nicht nötig, glaube ich, denn wir brauchen ja eine gemeinsame Währung in Europa. Im Prinzip ist der Euro eine gute Sache. Was kaputt ist, muss repariert werden. Ich werfe doch auch nicht mein Auto weg, weil es kaputt ist. Aber dass man mit dem kaputten Auto weiterfährt, wie die Politiker das vorschlagen, ist gefährlich.

Also was tun?

SINN: Man sollte die Eurozone an den Rändern verkleinern, um sie zu stabilisieren. Man sollte Länder, die nicht wettbewerbsfähig sind, auch nicht mit Geld drin halten. Man sollte restriktiver mit dem Portemonnaie umgehen. Ich finde, es ist kein Weltuntergang, wenn einige Länder rausgehen. Aber das müssen sie dann schon selbst entscheiden.

Was sagen Sie, wenn Ihnen vorgeworfen wird, zu schwarz zu malen?

SINN: Und ich werfe den Kritikern Schönfärberei vor.

Würden Sie eigentlich auch mit Finanzminister Schäuble auf Griechenlands Zukunft wetten?

SINN: Ja, natürlich. Ich habe auch kürzlich mit ihm intensiv über diese Dinge geredet. Der Unterschied ist gar nicht so groß, wie man meinen könnte. Er versteht meine Argumente, ich seine. Es ist nur die Frage, welche man stärker gewichtet, welche Gefahren - die politischen oder die ökonomischen - man in den Vordergrund stellt, ob man eher das Kurzfristige oder das Langfristige im Auge hat. Davon hängt das Urteil ab. Und ich muss im September nächsten Jahres nicht wieder gewählt werden.

Was raten Sie Otto Normalverbraucher in diesen Krisenzeiten?

SINN: Ich habe mal in der FAZ gesagt: Repariert Euer Bad und werdet mündige Bürger. Wenn man in Wackersteine und Eisen investiert, weiß man, was man hat. Wenn man sein Geld anderen Leuten gibt, weiß man nicht, was davon übrig bleibt.

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Kommentare

03.11.2012 07:27 Uhr

Respekt Herr Sinn!

Ohne Druck von den Bürgern wird es kein Umdenken der Regierenden geben.
Aus der Vergangenheit, die Spiegel Affäre, wäre ohne den Druck der Menschen auf der Straße nichts passiert.
Wir hätten ein anderes Deutschland

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