"Rot - ein erotischer Klang"

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Herr Handschuh, Sie haben zu Beginn der aktuellen Opern- und Konzertsaison an einem Haus begonnen, wo seinerzeit Klangmagier Herbert von Karajan in eine beispiellose Dirigenten-Karriere gestartet ist. Was bedeutet das für Sie?

TIMO HANDSCHUH: Das ist schon eine große Verpflichtung, aber es bedrückt mich überhaupt nicht. Es ermuntert mich eher dazu, meine Aufgabe hier in Ulm so gut auszufüllen, wie ich es nur kann. Und die Voraussetzungen dafür sind bestens: Ich habe hier ein sehr angenehmes Klima. Orchester, Ensemble und Chor sind toll. Mit ihnen zu arbeiten, macht mir sehr große Freude. Und wenn wir die Leistung auf dem Niveau erbringen, wie ich es mir erhoffe und wie es uns bis jetzt gelungen ist, dann können wir weiterhin stolz sein, Herbert-von-Karajan-Platz 1 zu sein.

Das legendäre Wunder Karajan haben Sie selbst nie live erlebt und kennen es nur von seinen zahllosen Plattenaufnahmen. Wie finden Sie den Maestro?

HANDSCHUH: Karajans Klangästhetik ist natürlich seiner Zeit geschuldet, und sie ist unglaublich auf Schönheit bedacht. So langsam besinnt man sich nach mehr als zwanzig Jahren Experimentierens in historischer Aufführungspraxis wieder auf diesen romantischen, satten und vollen Klang zurück.

Wohin tendieren Sie ganz persönlich?

HANDSCHUH: Man muss beides kennen, den Karajanschen Schönklang und das Wissen der historischen Aufführungspraxis. Und man muss beides anwenden können in dem Moment, wo man es gerade braucht. Dann kann man in klanglicher Hinsicht ein Resultat erzielen, das für unsere Zeit gültig ist.

Wie vermitteln Sie Ihren Musikern diese doch eigentlich kontroversen Klangvorstellungen

HANDSCHUH: Das Allerwichtigste ist wohl, eine ganz persönliche Meinung zu haben. Ich muss in mir hören, wie ein Werk für mich klingen soll.

Wie funktioniert so etwas?

HANDSCHUH: Ich verlasse mich da immer auf meinen musikalischen Instinkt. Ich bin kein Typ, der zu Hause am Klavier stundenlang überlegt, wie er dieses Werk jetzt richtig interpretiert. Entscheidend ist für mich das Gefühl, die Empfindung des Augenblicks. Dann ist es richtig für mich.

Welche Möglichkeiten nutzen Sie, dem Orchester Ihre Vorstellungen nahezubringen?

HANDSCHUH: Um Emotionen zu wecken, spreche ich sehr viel über Farben und versuche damit die Musik auch zu visualisieren. Rot steht beispielsweise für einen satten, tiefen, auch erotischen Klang. Mit den Händen und mit dem Taktstock kann man Klangfarben eher beschränkt anzeigen. Die Noten sind nur ein Teil unserer Arbeit, der Rest ist Empfindung.

Wie war für Sie der Wechsel von Stuttgart nach Ulm?

HANDSCHUH: Der war für mich der Idealfall, die logische Konsequenz, das fortzuführen, was ich in Stuttgart angefangen habe. Dort habe ich musikalisch wie auch administrativ alles gelernt, was man so braucht. Letztlich fehlte mir nur die Entscheidungskompetenz.

Die haben Sie jetzt. Wie gehen Sie mit ihr um?

HANDSCHUH: Zunächst muss ich für mich entscheiden, was meine ganz persönliche Linie ist, was ich musikalisch und menschlich erreichen will. Erst dann kann ich die Weichen stellen. Dabei muss ich sicher auch Entscheidungen treffen, die nicht bei allen auf Gegenliebe treffen werden. Insgesamt bin ich bis jetzt allerdings in allen Abteilungen des Hauses auf großes Wohlwollen gestoßen.

Was sind Ihre wichtigsten Ziele?

HANDSCHUH: Die musikalische Qualität steht für mich an oberster Stelle. Und die will ich erreichen mit einer professionellen und zugleich menschlichen Umgehensweise. Das heißt nicht, dass sich alle pausenlos liebhaben müssen. Aber man sollte sich mit großem Respekt begegnen.

Dem Publikum gegenüber sicher auch. Was wollen und können Sie dem in den kommenden Jahren bieten?

HANDSCHUH: Eigentlich bin ich immer auf der Suche nach dem Besonderen. Neben populären Standardwerken möchte ich dem Publikum unbedingt auch Neues vorstellen.

An welche Komponisten oder Werke denken Sie da ganz konkret?

HANDSCHUH: Wir sind ein Haus, das sich verkaufen muss und haben nicht die finanziellen Polster eines Staatstheaters. Das heißt aber nicht, dass wir uns anbiedern müssen. So machen wir in dieser Saison noch Die Sache Makropulos von Leos Janacek, nicht gerade ein einfaches, aber ein tolles Stück.

Begonnen haben Sie ganz populär mit Puccinis Madama Butterfly. Warum gerade mit dieser Oper?

HANDSCHUH: Die Butterfly ist eine meiner Lieblingsopern. Sie bedeutet mir musikalisch sehr viel und ist von der Thematik her immer noch aktuell. Zudem wollte ich beweisen, dass man einen Puccini dirigieren kann, ohne dabei in Schmalz zu ersticken.

War da vielleicht Manfred Honeck, dessen Assistent Sie in Stuttgart waren, ein Vorbild? Wie hat er Sie beeinflusst?

HANDSCHUH: Wie Honeck mit dem Orchester gearbeitet hat, davon habe ich sehr viel profitiert. Mit welcher Feinheit er Klänge produziert hat, das war faszinierend. Und natürlich auch, mit welcher Disziplin und Unnachgiebigkeit er darum kämpfte, dass seine Klangvorstellungen auch wirklich umgesetzt wurden.

Sie haben die Opern, die Honeck einstudiert hat, nachdirigiert. Was ist das für ein Gefühl?

HANDSCHUH: Das war sehr spannend. Das Orchester hat immer mit großen Augen geschaut, was macht der jetzt. Ich war wohl klug genug, die Interpretation nicht zu verändern, aber doch mit meiner eigenen Persönlichkeit anzureichern.

Welche Dirigenten haben Sie neben Honeck ganz besonders fasziniert?

HANDSCHUH: Das sind durchweg Dirigenten, die mich so packen und unbändige Lust auf ein Stück machen, dass ich sofort die Partitur kaufen will, sofern ich sie nicht schon hab.

Was macht eigentlich einen guten Dirigenten aus?

HANDSCHUH: Dirigieren ist ein sehr subjektiver Beruf, den man nicht erlernen kann, wie man etwa Geige spielen lernt. Da kommt eine Melange aus vielen Dingen zusammen: Vorstellungskraft und Erfahrung, aber auch, wie habe ich ein Werk und sein Umfeld studiert, wie den Komponisten und seine Arbeitsweise verstanden. Das Taktschlagen an sich ist ja das Einfachste. Entscheidend ist die Musik, die rauskommt. Deshalb berührt mich ein Dirigent dann, wenn ich in einem Konzert das Gefühl habe, dass ich ein Stück so noch nie gehört habe.

Welcher Kollege fällt Ihnen da ganz spontan ein?

HANDSCHUH: Da könnte ich natürlich mehrere Namen nennen. Beispielsweise Sir Roger Norrington, der mir mit dem Stuttgarter Radiosinfonieorchester unter anderem Mendelssohn- und Mozart-Sinfonien ganz neu eröffnet hat. Und wenn Nicola Luisotti Verdi oder Puccini dirigiert und dabei die musikalischen Extreme voll auslotet, dann ist das für mich eine Offenbarung.

In der Oper müssen Sie unter Umständen mit einem Regisseur zusammenarbeiten, mit dessen Vorstellungen vom Stück Sie vielleicht nicht durchweg konform gehen. Wie lösen Sie diese Probleme?

HANDSCHUH: Hier in Ulm läuft das mit Operndirektor Matthias Kaiser, der auch Regisseur meiner Opern ist, ganz hervorragend. Als Dirigent muss ich immer auf der Seite der Musik stehen und darauf achten, was machbar ist und was nicht. Vom Sänger erwarten wir an einem Abend Leistungen wie beim Hochleistungssport.

Das natürlich auch bei den Topstars der Opernszene wie Anna Netrebko und so weiter. Mit welchen Gefühlen betrachten Sie diesen Hype?

HANDSCHUH: Sicher ist es verlockend, wenn einem Abend für Abend so viel Geld geboten wird. Aber entscheidend ist für mich, ob ich noch Musiker oder nur noch dem Kommerz verfallen bin. Man hat als Künstler vor allem sich selbst gegenüber eine immense Verantwortung.

Sie haben Kirchenmusik und Dirigieren studiert. Das sieht nach einem musikalischen Elternhaus aus?

HANDSCHUH: In unserer Familie gab es keinen einzigen Berufsmusiker. Als ich meinem Vater gesagt habe, ich möchte Musik studieren, war er doch erst mal ziemlich erstaunt. Eigentlich betrachte ich meinen Beruf als Vorsehung. Meine Schlüsselerlebnisse hatte ich sicher beim Ministrieren in der Kirche, wo mich das Orgelspiel so fasziniert hat, dass ich es unbedingt erlernen und später studieren wollte.

Finden Sie neben Ihrer Arbeit als Dirigent noch Zeit zum Orgelspiel?

HANDSCHUH: Ja, unbedingt! Zum Jahreswechsel habe ich im Konstanzer Münster zwei Silvesterkonzerte gespielt. Die Orgel ist für mich ein Ausgleich zum Dirigieren. Zudem ist es immer wieder gut für mich, von mir selbst eine Perfektion zu verlangen, wie ich sie auch von meinen Musikern erwarte.

Was kommt für Sie vor oder nach der Perfektion?

HANDSCHUH: Ich lebe das Leben sehr intensiv und bin sehr glücklich mit meiner Familie. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau und meinen drei Kindern Niclas (7) und den Zwillingen Lea und Sophie (5) zu verbringen.

Wie haben die darauf reagiert, als ihr Papa plötzlich nicht mehr ins nahe Stuttgart, sondern ins entferntere Ulm zur Arbeit fahren musste?

HANDSCHUH: Niclas fand das überhaupt nicht lustig, da er mich plötzlich kaum noch gesehen hat. Nach einem offenen Vater-Sohn-Gespräch nimmt er es nun lieber in Kauf, nach der ersten Klasse die Schule zu wechseln und sich in Ulm neue Freunde suchen zu müssen.

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