"Man ist Türke und fertig"

|
Vorherige Inhalte
  • Mit Empathie und Selbstironie baut er Brücken zwischen Kulturen, will sein Publikum zum Lachen, aber auch zum Nachdenken bringen. Fatih Çevikkollu hat sich nicht nur mit seinen "Fatihland"-Programmen einen Namen gemacht. Mit dem Comedian hat sich Sabine Ackermann unterhalten. Fotos: Sabine Ackermann 1/3
    Mit Empathie und Selbstironie baut er Brücken zwischen Kulturen, will sein Publikum zum Lachen, aber auch zum Nachdenken bringen. Fatih Çevikkollu hat sich nicht nur mit seinen "Fatihland"-Programmen einen Namen gemacht. Mit dem Comedian hat sich Sabine Ackermann unterhalten. Fotos: Sabine Ackermann
  • Fatih Cevikkollu - hier mit seinem Programm "Fatihtag" im Oktober in der Stadthalle Eislingen: "Menschen lachen gerne über Dinge, die sie kennen." 2/3
    Fatih Cevikkollu - hier mit seinem Programm "Fatihtag" im Oktober in der Stadthalle Eislingen: "Menschen lachen gerne über Dinge, die sie kennen."
  • 3/3
Nächste Inhalte

Herr Çevikkollu, wo ist für Sie Heimat, in Deutschland oder in der Türkei?

FATIH ÇEVIKKOLLU: Hier in Deutschland, denn ich bin ja in Köln geboren und aufgewachsen. Meine Eltern stammen aus der Türkei, insofern ist dieses Land für mich nur ein Stück weit Heimat. In meiner Jugend sind wir jedes Jahr hingefahren. Mit meinen Brüdern zu fünft vollgepackt in einem Ford Taunus, das war immer Guantanamo auf vier Rädern. Furchtbar. So zusammengepfercht, wir haben damals Yoga gemacht und wussten es gar nicht. Nichtsdestotrotz, vom Erscheinungsbild falle ich in der Türkei nicht auf. Die sehen dort alle aus wie ich, die haben alle Haare auf den Schultern (lacht). Herkunft ist ja in Deutschland ein Riesenthema, das begleitet mich hier schon mein ganzes Leben. In der Türkei interessiert's dagegen keinen. Man(n) ist Türke und fertig.

Sehen Sie es als Vorteil, in zwei Kulturen zu leben?

ÇEVIKKOLLU: Unser alltägliches Familienleben mit zwei Sprachen, Gebräuchen, Essen oder Musik aus zwei Kulturen empfinde ich schon als großes Geschenk. Ich spreche mit meiner Tochter ausschließlich türkisch, meine Frau, die badische Wurzeln hat, sowie ihr Umfeld, also Schule und Freunde, reden mit ihr deutsch. Mir ist es besonders wichtig, dass unsere Tochter die türkische Sprache und viel von der Kultur mitbekommt. Ohne Druck, was sie einmal daraus macht, ist sekundär.

Mutiert man in dieser bunten Multi-Kulti-Stadt automatisch zum extrovertierten Bespaßer?

ÇEVIKKOLLU: Ob ich schon in der Schule als Klassenclown galt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war ich doch ein bisschen verhaltensauffällig, wenig Kontrolle, dafür aber viel Kraft und Energie. Ein junger pubertärer Mann, der alles will. Ich denke mal, ich war für mein Umfeld wohl sehr anstrengend, praktisch der Käs vom Dienst. Extrovertiert, ja, aber nicht als Klassen- oder Wutsprecher.

Trotzdem hat es zum Abitur gereicht.

ÇEVIKKOLLU: Meine Eltern, vor allem meine Mutter sagte immer, Junge, egal was du machst, besorg' dir einen Schein dazu. Mach ein Studium, eine Ausbildung, Deutschland ist das Land der Scheine, du brauchst ein Zertifikat, ein Diplom, ein Papier, auf dem du was bist. Trotzdem durchlebte ich nach dem Abi in Aushilfsjobs erst einmal meine zweijährige Findungsphase, quasi alles und nichts gemacht. Wollte Pfleger werden, im Restaurant arbeiten, Versicherungen verkaufen und Taxi fahren. Dank eines Freundes schloss ich mich spontan einem freien Kölner Jugendtheater an, mit dem ich in Schulen zeitlose Stücke zum Thema Gewalt, Sexualität, Mobbing oder Drogen spielte und insofern meinen ersten richtigen Job, einen Plan und ein Einkommen hatte.

War das Jugendtheater Auslöser für den Besuch der Schauspielschule?

ÇEVIKKOLLU: Irgendwie schon. Mit etwa 25 studierte ich an der renommierten Berliner Hochschule Ernst Busch, was ich heute als zwar grausame, aber hervorragende Ausbildung sehe. Ständig wurde ich kritisiert, ich sei zu distanziert, würde mich abgrenzen, ja sogar als arrogant bezeichnete man mich. Irgendwann merkten die Lehrer, ich bin nichts von alledem. So verbrachte ich außerdem einige Spielzeiten am Düsseldorfer Schauspielhaus. Eine ganz besondere Erfahrung war in Klassikern wie "König Ödipus", "Sieben gegen Theben" oder "die Bakchen von Euripides" im antiken Epidauros-Theater in Griechenland vor mehreren tausend Zuschauern mitzuspielen. Doch irgendwann merkte ich, Theater ist eine Maschine und ich bin ein kleines Funktionsrädchen darin. Morgens proben, abends spielen, kein einziger freier Tag, das heißt: Du ackerst wie ein Pferd und wirst bezahlt wie ein Pony. Als Lohn gibt es kein Privatleben mehr. Das fand ich so furchtbar, dass ich am Haus kündigte, weil ich mich dazu entschlossen habe, alleine auf die Bühne zu gehen.

Rief dann Atze Schröder an?

ÇEVIKKOLLU: Beinahe (lacht). Mein Agent rief an und erzählte mir, dass ein junger Türke für eine Fernsehproduktion gesucht wird. Also ging ich zurück nach Köln und zum Casting und wenig später spielte ich den Murat, eine der Hauptrollen in der mehrfach ausgezeichneten Comedy-Serie "Alles Atze". Meine Figur war die einer schlecht bezahlten Aushilfe in Atze Schröders Kiosk, wobei meine Untergebenen-Stellung eines hart arbeitenden Mannes zum arbeitsscheuen fordernden Chef die Grundlage vieler Gags in dieser Serie war. Von meiner Schauspielschule bekam ich übrigens eine seltene Ausnahmeerlaubnis für den Dreh, was zur Folge hatte: Finanzielle Probleme gehörten der Vergangenheit an, und ich musste im Supermarkt keine Preise mehr vergleichen.

Was war dann der Auslöser, Solokabarett zu machen?

ÇEVIKKOLLU: Die Tatsache, dass ich immer nur dasselbe zu tun bekam, nervte mich. Deshalb habe ich mich entschieden, mir mit Kabarett meinen eigenen Arbeitsplatz zu schaffen. Wenn meine Herkunft bis dahin eher ein Nachteil war, so ist sie jetzt doch von Vorteil. Die mediale Welt hat ja ein bestimmtes Bild davon, wie Türken zu sein haben. Weitere Vorteile: Sollte einmal etwas schief laufen, kann ich mit der erwünschten Selbstständigkeit zwar niemand anderem die Schuld geben, dennoch ist mir das bedeutend lieber, als einer der zahlreichen "Schauspiel-Beamten" zu sein. Denn in meinem eigenen Arbeitsfeld bin ich sowohl in Geist und Gefühl autark.

Sie mischen in Ihren Programmen wie "Fatihland", "Komm zu Fatih", "Fatih unser" und "Fatihtag" ernste Themen mit Humor. Steckt dahinter auch eine religiöse Botschaft?

ÇEVIKKOLLU: Dann hätte ich es ja Fatihkan genannt (lacht). Nein, ich habe schon einen Glauben, ich glaube an das Gute im Menschen und mein Ziel ist es, mein Publikum zum Lachen zu bringen, aber auch zum Nachdenken anzuregen. Manche Programme gibt es in mittlerweile etwas abgeänderter Version auch auf Türkisch. Das ist mein Beitrag zur Integrationsdiskussion, schließlich sehe ich aus wie Ali und spreche wie Hans. Ich fühle mich keiner Nation mehr verbunden, denn für mich beginnt Rassismus, wenn ich mich für ein Land festlegen würde. Man überlegt sich doch auch nicht, lasse ich mir lieber das rechte oder linke Bein abhacken.

Sie meiden also das Wort Integration?

ÇEVIKKOLLU: So gut es geht. Ich sehe mich als Selbstverständlichkeitsbeauftragter meines Fatihlandes, möchte vielmehr durch Empathie, durch Mitgefühl, nicht Mitleid, Selbstverständlichkeit schaffen, ohne Häme einfach an die Herzen appellieren und Emotionen wecken. Und natürlich die Menschen zum Lachen bringen. Dabei habe ich noch viele Ideen und Konzepte.

Wie kommen die Programme auf Türkisch an?

ÇEVIKKOLLU: Sehr gut. Ich spreche sehr gerne türkisch. Meine Themen da sind dann zum Beispiel die Sprachentwicklung. So gibt es genügend Familien, da können die Älteren kein Deutsch und die Jüngeren kein Türkisch, aber beide kommen in die türkische Vorstellung. Und tauschen sich danach aus. Richtig lustig wird es, wenn der Sohn mit dem Vater zum Elternsprechtag geht und dieser dann auf die Übersetzung seines Juniors angewiesen ist.

Machen Sie sich in Ihren Programmen vor allem über die Deutschen lustig?

ÇEVIKKOLLU: Logisch. Und im Türkischen müssen die Türken dran glauben. Grundsätzlich muss man die Klientel nehmen, die vor einem sitzt. Bei Türken geht es eher darum, warum viele sprachlich so hinterher sind oder was das mit der Jungfräulichkeit bei der Hochzeit soll. Das fällt da auf ganz anderen Boden. Es ist zeitgemäß dank Themen, die mich beschäftigen und berühren. In denen arbeite ich meine unterschiedlichsten Erfahrungen zu Geschichten aus. Menschen haben Spaß an Ironie und lachen gerne über Dinge, die sie kennen.

Sie engagieren sich in Ihrer Heimatstadt in der "Kölner Stiftung für psychisch Kranke und ihre Angehörige". Wie kam es dazu?

ÇEVIKKOLLU: Ganz einfach. Nachdem Kuratoriumsmitglied Peter Millowitsch zum Schirmherrn der Stiftung aufgestiegen ist, hat man mich gefragt. Und ich bin dankbar, dass man mir diese sinnvolle Aufgabe übertragen hat, obwohl ich vorher noch nie Kontakt zu psychisch kranken Menschen hatte, also zumindest nicht bewusst.

Und dennoch sagten Sie zu?

ÇEVIKKOLLU: Ja, weil es für mich einfach Menschen sind. Auch wenn manche darunter ihre persönliche psychische Hölle durchleben, durch ihre Krankheit noch mehr isoliert, einsam sind und in ihrer Sprache oder ihrem Aussehen gewissen gesellschaftlichen Konventionen nicht entsprechen, aber am Ende des Tages sitzen wir alle gemeinsam beim Essen zusammen. In meinem Beruf rede ich in jeder Stadt ständig vor Menschen über Gott und die Welt, und die haben Freude daran, lachen sich schlapp. Was ich aber auf der Bühne mache, ist alles nur geistig. Doch faktisch sowie reell den Menschen körperlich nahe zu sein, die in einer völlig, für mich unbekannten anderen Welt leben und ihnen offen begegnen zu können, ist etwas ganz anderes.

Ganz ehrlich, hatten Sie vor der ersten Begegnung Angst?

ÇEVIKKOLLU: Nein, keine Angst, eher Ungewissheit und bestimmte Bilder im Kopf. Leidvolles, Erschütterndes, Unschönes zu sehen, Frauen und Männer, die nicht bei sich sind und würdelos vor sich hinvegetieren. Ich dachte mir, nicht weglaufen, einfach dableiben und hinschauen. Natürlich waren das nur meine Hirngespinste, es war freilich nicht so. Es sind psychisch kranke und sehr einsame Menschen, die etwas erzählen möchten. Einsamkeit kennt jeder, auch ich. Gerade in meinem Beruf, wo ich alleine spiele, spreche, auf der Bühne stehe. Vor mir das Publikum, hört und lacht. Und trotzdem, du bist immer alleine unterwegs, alleine im Hotel, alleine im Zug. Manchmal ist das schön, aber manchmal auch nicht. Dann hättest du gerne jemandem zum Reden, jemand der einfach dabei ist.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen