"Mach die Tür zu, wir wollen Doktor spielen"

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Ein kleiner Arztkoffer darf in keinem Kinderzimmer fehlen. Beim Doktorspiel steht das Thema Krankheit aber nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es für Kinder um ganz wesentliche Erfahrungen: Im Umgang mit ihrem Körper und der eigenen Sexualität.

Wie von Geisterhand setzt sich die Kinderzimmertür leise in Bewegung und wird ins Schloss gezogen. Meike K. beobachtet das Manöver aus der Küche und schaut im ersten Moment verdutzt. Bisher stand die Tür zum Kinderzimmer immer sperrangelweit offen, wenn ihr Sohn Besuch von anderen Kindern hatte. Die Mutter gibt sich einen Ruck und öffnet die Türe zum Kinderzimmer vorsichtig. "Was macht ihr denn? Ist alles in Ordnung bei euch", will sie von dem dreijährigen Luis wissen. "Mach die Tür zu, wir wollen Doktor spielen", bekommt sie lautstark zur Antwort. Und tatsächlich, die Hosen der Kinder liegen schon zerknäult in einer Ecke, Luis sitzt mit hochgezogenem T-Shirt auf dem Bett, während die dreijährige Marie mit ernster Miene das Stethoskop verkehrt herum auf den nackten Rücken des Jungen hält. "Wollt ihr die Tür nicht lieber ein bisschen offen lassen", versucht es Meike K. mit elterlicher Diplomatie. "Nein, wir wollen alleine spielen", rufen die beiden Kinder. Also gut, denkt sich die 36-Jährige, auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre und zieht die Türe hinter sich wieder zu - nicht ohne einen kleinen Türspalt offen zu lassen.

Doktorspiele im Kinderzimmer sind kein Grund zur Sorge. Denn in den ersten drei Lebensjahren steht bei Kindern vor allem das Zusammenspiel von Körper und Seele im Vordergrund. "Körpererfahrungen prägen das Innenleben des Kindes. Kinder sind darauf angewiesen, dass man in einem engen körperlichen Kontakt mit ihnen lebt", erklärt Annette Horváth von "pro familia" in Göppingen. "Und gerade weil die eigene Empfindungsfähigkeit so wichtig für Kinder ist, spielen sie auch gerne an sich und ihren Genitalien rum." Jürgen Schaaf ergänzt: "Kinder begreifen durch Anfassen, egal ob dies der eigene Körper oder das Spielzeugauto ist."

In den folgenden Jahren bis zum Eintritt ins Schulalter steht das kindliche Spiel im Mittelpunkt. "Kinder pflegen zunehmend Kontakte außerhalb der Familie und immer mehr steht die eigene Autonomie im Vordergrund", erklärt Annette Horváth. Das Interesse an körperlichen Vorgängen steige, was sich oftmals auch im Spiel der Kinder wiederfinde. "Egal ob die Kinder "Mama und Papa" spielen und sich dabei aufeinander legen, gemeinsam aufs Klo gehen oder Doktor spielen - all dies gehört zur Entwicklung der kindlichen Sexualität", so Jürgen Schaaf. Zudem treten gerade in dem Alter Fragen auf, die so manchen Eltern den Schweiß auf die Stirn treiben. "Egal, welche Frage kommt: Es ist wichtig, authentisch zu bleiben. Kinder wollen meist keine ausschweifenden Schilderungen, oftmals genügen einfache Erklärungen", erläutert Annette Horváth. Aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß die Sexualpädagogin, dass viele Eltern vor allem von der Feststellung schockiert sind, dass manche Kinder in diesem Alter schon sexuelle Handlungen an sich selbst vornehmen. "Auch das ist Teil der kindlichen Sexualität, die es zu akzeptieren gilt. Eine Tabuisierung führt nur dazu, dass die eigene Sexualität schon früh mit negativen Erfahrungen belegt wird", stellt Annette Horváth klar. Aufgabe der Eltern sei es nicht, dieses Verhalten zu verbieten, wohl aber zu regulieren: "Es gibt Grenzen, die innerhalb einer sozialen Gemeinschaft eingehalten werden müssen. Und die müssen Kinder auch lernen."

Als Meike K. das nächste Mal einen Blick ins Kinderzimmer wirft, streckt Luis seinen nackten Po in die Höhe und die kleine Marie gibt sich die beste Mühe, ein Pflaster an prominenter Stelle anzubringen. "Ähm, kann ich euch irgendwie helfen", betritt Meike K. die Szene. "Luis tut es am Po weh. Ich muss ihn da disifizieren und die Wunde verbinden", erklärt Marie fachmännisch. "Meine Mutter macht das bei mir auch immer so, wenn ich hinfalle. Und danach gibt es ein Zäpfchen, damit es nicht mehr weh tut." "Und mit was desinfizierst du die Wunde", lässt sich die Mutter des kleinen Patienten auf das Spiel der Kinder ein. "Ach, wir tun doch nur so", lacht Marie und lässt sich nicht stören. Meike K. schaut dem Treiben eine Weile zu und kann es sich aber nicht verkneifen zu sagen: "Ihr steckt aber nichts in den Po rein? Ihr dürft spielen wie ihr wollt, aber es gibt keine echten Spritzen und keine echten Zäpfchen, okay?" Die beiden Kinder schauen die Mutter verständnislos an, bis Luis dann endlich sagt: "Jetzt geh raus, wir wollen in Ruhe spielen."

Im Vorpubertäts- und Grundschulalter lernen Kinder am Modell. "Und das Modell ist die Familie. Dort werden Dinge vorgelebt und vermittelt wie Gleichberechtigung, Respekt, Beziehungen gestalten und Gefühle entdecken", erklärt Jürgen Schaaf. "Jegliche Tabuisierung führt zu Ängsten bei den Heranwachsenden." Deshalb appelliert der Sexualpädagoge für einen offenen Umgang innerhalb der Familie: "Auch wenn das für viele Eltern bedeutet, dass sie selbst erst richtig lernen müssen, wie man über Gefühle redet." Auch die Verwendung von anrüchigen Begriffen und Schimpfwörtern sei in diesem Alter völlig normal. "Das ist wie das Matschen und Dreckeln mit Wörtern. Kinder und Jugendliche probieren aus, welche Reaktionen sie damit wecken können." Auch hier gilt: Das kindliche Sexualverhalten muss Grenzen erst kennen lernen - und diese Grenzen werden von den Erwachsenen vorgelebt und gesetzt.

Als Marie abends dann abgeholt wird, sprechen die Eltern über das Doktor-Spiel. Inga M., Mutter der Dreijährigen, nimmt die Situation ganz gelassen hin. "Sorgen mache ich mir erst, wenn sie in zehn Jahren immer noch genauso spielen." Und auch Meike K. sieht in dem Spiel der Kinder keine Veranlassung zur Beunruhigung. "Solange beide ihre Freude am Doktorspielen haben und sie sich gegenseitig nicht weh tun, sollen sie ruhig weiterspielen. Irgendwie gehört das doch zur normalen Entwicklung dazu."

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